Menschen mit Behinderungen in Rudolf Steiners Anthroposophie – Süße Reklame und bittere Realität
"Seelenpflege-bedürftige Kinder" ist ein Leitwort der sogenannten "anthroposophischen Heilpädagogik". Rudolf Steiner habe diese Ausdrucksweise 1924 im Rahmen eines zukunftsweisenden Konzeptes geprägt und damit den heute üblichen Begriff der Behinderung bereits vor 86 Jahren überwunden:
"Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, gab schon 1924 einen immer noch zeitgemäßen, ja zukunftsträchtigen Ansatz, indem er den Begriff "Seelenpflege-bedürftige Kinder" prägte. Eine defektologische (sic!) Betrachtung, die besagt, was der Betroffene nicht kann (z.B. ‚geistig behindert'), wird überwunden zugunsten eines Begriffs, der verdeutlicht, wessen der Mensch bedarf: der Seelenpflege". (Johannes Denger: Heilpädagogik und Sozialtherapie auf anthroposophischer Grundlage, in: Glöckler, Michaela/Jürgen Schürholz und Martin Walker (Hrsg.): Anthroposophische Medizin, Stuttgart 1993, S. 140-145, hier: 140)Der Autor dieser Zeilen und die Herausgeber des Bandes wissen selbstverständlich ganz genau: Nichts von alledem ist wahr. Natürlich konnte Rudolf Steiner den Begriff der Behinderung nicht "überwinden", weil dieser sich zu seinen Lebzeiten noch gar nicht durchgesetzt hatte. (Welti, Felix: Behinderung und Rehabilitation im sozialen Rechtsstaat, Tübingen 2005) Schwerer wiegt aber: Rudolf Steiner sprach oder schrieb niemals von "Seelenpflegebedürftigkeit", sondern ausschließlich von "Minderwertigkeit", wenn er sich über Behinderte ausließ. Ohne jede fachliche Ausbildung agierte Steiner als Arzt und verordnete kranken und behinderten Kindern intravenöse "Blei-Therapien", um so "kosmischen Gesetzen" gerecht zu werden. Steiner und seinen Anhängern gelten Menschen mit Behinderungen als Leidtragende ihrer eigenen Missetaten aus einem früheren Leben, für die sie zu büßen hätten. Ihr berufliches Engagement in diesem Bereich hat andere Motive und Ziele als das Wohlergehen der Behinderten. "Anthroposophische Heilpädagogik" ist mit dem geltenden Recht der Bundesrepublik nicht vereinbar.
Der große Bluff – Rudolf Steiner und die Behinderten im Sprachgebrauch der Anthroposophen
Rudolf Steiner (1861-1925) wird von seinen Anhängern auch "der Doktor" genannt. Steiner hatte kein Abitur (Matura) und konnte in Österreich nicht an einer Universität studieren. Mit dem Ziel Lehrer zu werden, begann er ein Studium an der Technischen Hochschule in Wien, das er nach vier Jahren erfolglos abbrach. 1891 wurde es ihm ermöglicht, als Externer in Deutschland an der Universität Rostock zu promovieren. Mit der Note "rite" (ausreichend) gelang es ihm gerade noch den begehrten Doktortitel zu erhalten und nicht durchzufallen. Zwei Jahre später versuchte er sich mit seiner hochtrabend betitelten Schrift "Philosophie der Freiheit" in Jena zu habilitieren, was aber misslang. Nach zahlreichen Tätigkeiten von kurzer Dauer endete 1896 auch die für Steiners Verhältnisse extrem lange Mitarbeit an der Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes (ermöglicht nicht durch Qualifikation, sondern durch "Vermittlung"). Auch hier erntete Steiner statt der erhofften Anerkennung harsche Kritik, um so mehr als er zunehmend versuchte, Goethes Ansehen für seine eigenen Vorstellungen zu instrumentalisieren. (Ausführlich Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007)
Steiner brach mit aller Wissenschaft, ja, mit der ganzen realen Welt überhaupt. Eine andere Karrierechance bot sich ihm in der "Theosophischen Gesellschaft" der Hochstaplerin und üblen Rassistin Helena Blavatsky. Steiner avancierte zum Generaldirektor der deutschen "Sektion" der "Theosophen" und erklärte sich wie Blavatsky zum Hellseher. Sein Wissen bezöge er nicht aus Büchern, sondern aus dem Kosmos, jedem universitären Gelehrten selbstredend unerreichbar überlegen. Die real existierende Welt galt dem "Seher" nur noch als materieller Schleier, hinter dem unsichtbar eine gesamte "Geistige Welt" wirke, ein Kosmos voller Geister, Dämonen, Engel und Teufel, die nur er, Steiner, zu "erschauen" vermochte. Diese "geistige Realität" bliebe den Akademikern und ihrer "materialistischen Wissenschaft" nicht nur verborgen, nein, er bezichtigte den "Drachen" moderner Wissenschaft direkt im Dienste des teuflischen Ahrimans zu stehen, des schlimmsten Wesens aus seiner Phantasiewelt.
Die Selbstverortung als der ganzen Welt überlegener und rettender "Geistesführer" trieb Steiner dazu, zu allen Lebensbereichen nicht nur trotzig wissenschaftsfreie, sondern schier wahnsinnige Vorstellungen zu verkünden. Was er nicht selber zu Papier brachte, schrieben seine Getreuen auf und schufen damit eine Gesamtausgabe (GA) Rudolf Steiners von 350 Bänden. Die vollständige Realitätsverleugnung und Geisterbeschwörung nannte Steiner "Anthroposophie" und die gläubigen Jünger dieser fundamentalistisch-totalitären Religion bezeichneten sich als "Anthroposophen", die sich unter Steiners Führung von den "Theosophen" trennten, deren "Lehren" Steiner mit anderen "okkulten" Vorstellungen vermengte und als allein seiner "geistigen Schau" entsprungen ausgab. (Tatsächlich stammte nicht einmal das Wort "Anthroposophie" von Steiner.) Seiner Gefolgschaft prophezeite er unter anderem, dass dereinst eine unbekannte "dritte Kraft" die Erde zugunsten der "Geistigen Welt" zerstören müsse und dass jenen Wohlergehen in der Ewigkeit beschert wäre, die ihre Person vollständig der "Anthroposophie" verschrieben.
"Und noch eine dritte Kraft wird auftreten . ..Und je mehr wir von dieser Kraft anwenden, desto eher wird die Erde zu einem Leichnam werden, damit das, was das Geistige der Erde ist, sich hinüberwirken kann zum Jupiter. Die Kräfte müssen angewandt werden, um die Erde zu zerstören, damit der Mensch frei wird von der Erde und damit der Erdenleib abfallen kann … So sonderbar dies gegenwärtig auch klingt, aber es muss nach und nach ausgesprochen werden. Wir müssen den Entwickelungsprozeß verstehen, die Menschen werden dadurch lernen, unsere Kultur in richtiger Weise zu bewerten. Wir werden dadurch lernen, dass es notwendig ist, die Erde zu zerstören, sonst wird der Geist nicht frei." (Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit, GA 130, S. 95)Zahlreiche andere selbsternannte "Erlöser" seiner Zeit (Linse, Ulrich: Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre, Berlin 1983) übertraf Steiner bei weitem an Radikalität, Totalität und Irrsinn. Im Unterschied zur okkulten Konkurrenz verfügte Steiner durch die Sezession von den Theosophen über eine größere Anhängerschar und er hatte stets den Kontakt zum wohlhabenden Bürgertum gesucht und gefunden. Einige seiner betuchten Freunde fungierten fortan als Finanziers seiner zunächst noch kleinen Sekte. (Anthroposophie und Sektenbegriff) Zu ihnen zählte Emil Molt, ehemaliger "Theosoph" und reicher Fabrikant. Nach dem Namen seiner Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria taufte Steiner die Schulen seiner Bewegung "Waldorfschulen". Deren Genehmigung und Finanzierung bedurfte eines "gesplitteten Oeuvres" (Helmut Zander), d.h. der Täuschung und des Betrugs, durch die konsequente Unterscheidung zwischen dem, was der anthroposophische Führer seiner eingeschworenen Gefolgschaft anvertraute und dem, was im Gegensatz dazu der Öffentlichkeit, den Eltern und Behörden dargeboten wurde. (Vgl. u.a. Anthroposophische Führerherrschaft)
"Schon der Einwand: ich kann auch irren, ist störender Unglaube. Er zeigt, dass der Mensch kein Vertrauen hat in die Kraft des Wahren. Denn gerade darauf kommt es an, dass er sich nicht vermisst, von seinem eigensüchtigen Standpunkte aus sich die Ziele zu geben, sondern darauf, dass er sich selbstlos hingibt und von dem Geiste sich die Richtung bestimmen lässt. Nicht der eigensüchtige Menschenwille kann dem Wahren seine Vorschriften machen, sondern dieses Wahre selbst muss in dem Menschen zum Herrscher werden, muss sein ganzes Wesen durchdringen, ihn zum Abbild machen der ewigen Gesetze des Geisterlandes." (Theosophie, GA 9, S. 186 f.)
"Handelt man «im Geiste», dann lebt man sich hinein in das allgemeine Weltwirken. Ertötung aller Selbstheit, das ist die Grundlage für das höhere Leben. Denn wer die Selbstheit abtötet, der lebt ein ewiges Sein. Wir sind in dem Maße unsterblich, in welchem Maße wir in uns die Selbstheit ersterben lassen. Das an uns Sterbliche ist die Selbstheit. Dies ist der wahre Sinn des Ausspruches: «wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt». Das heißt, wer nicht die Selbstheit in sich aufhören lässt während der Zeit seines Lebens, der hat keinen Teil an dem allgemeinen Leben, das unsterblich ist, der ist nie dagewesen, hat kein wahrhaftes Sein gehabt." (Wahrspruchworte, GA 40,S. 16)
Die charakteristische Doppelzüngigkeit der Anthroposophen ermöglicht es ihnen, Aussagen zu formulieren, die scheinbar den Vorstellungen der Adressaten entsprechen, für den "Eingeweihten" jedoch etwas ganz anderes implizieren. Anthroposophen sehen sich dazu genötigt, jeden der ihnen nicht angehört, so gut es geht zu täuschen, zugunsten ihrer "höheren Wahrheit" und ihrer erhabenen "Mission". Klartext kann nicht gesprochen werden, ohne Lächerlichkeit und Abscheu zu ernten und die Existenz ihrer Institutionen aufs Spiel zu setzen. So bedienen sich Anthroposophen sowohl einer perfiden Rhetorik wie auch grobschlächtigster Lügen. Das betrifft auch und besonders das vermeintlich vorbildliche Engagement der Anthroposophen im Bereich der Behindertenbetreuung und deren Propaganda-Slogan von den "Seelenpflege-bedürftigen Kindern".
Wie andere fundamentalistische Gruppierungen, denen technischer Fortschritt eigentlich als Teufelswerk gilt, nutzen auch die Anthroposophen seit langem die Vorzüge moderner Kommunikationstechnologien. Internetsuchmaschinen liefern für den Begriff "Seelenpflege-bedürftige Kinder" unzählige Fundstellen anthroposophischer Internetseiten. Sie alle variieren geringfügig die Behauptung, Steiner habe diesen Begriff geprägt, um auch sprachlich das angeblich fortschrittliche und herzliche Verhältnis der Anthroposophen zu Menschen mit Behinderungen auszudrücken. Ein Beispiel von vielen ist das "Heil- und Erziehungsinstitut für Seelenpflege-bedürftige Kinder Lauterbad" in Kassel. Auf dessen Internetseite heißt es:
"Was heißt Seelenpflege- bedürftig? Mit dieser Bezeichnung benennen wir, einem Rat Rudolf Steiners folgend, all die Kinder, die in unserer Einrichtung betreut und beschult werden und im geläufigen Sprachgebrauch als geistig behindert bezeichnet werden. Der Name ist so freilassend gewählt, damit er nicht sofort eine den Blick und das Verständnis einengende Festlegung auf bestimmte Krankheitsbilder oder -begriffe bewirkt. Er ermöglicht somit ein individuelles Verständnis und Anschauen des Kindes. (…)Dem Menschenbild der Anthroposophie entsprechend sehen wir in jedem Kind - und sei es noch so behindert - eine gesunde Individualität, die durch unsere vielfältigsten Bemühungen angesprochen wird und zur Ent-Faltung, Ent-Wicklung kommen soll." (Institut Lauterbad e.V.)Scheinbar sollen hier behinderte Kinder so betreut werden, wie deren Eltern es sich wünschen, nicht als stereotyp anzugehender Krankheitsfall, sondern individuell dem einzelnen Kind, seinen Schwächen und Möglichkeiten gerecht werdend. Die äußerst gründliche Täuschung gelingt durch sorgfältig formulierte Sätze, in denen für selbstverständlich gehaltene Begriffe eine ganz andere Bedeutung haben, das Gegenteil von dem ausdrücken, was der "Nichteingeweihte" darunter versteht, ohne zu ahnen, was tatsächlich gemeint ist.
"Die gesunde Individualität" meint hier nicht etwa das lebende Kind. Das ist für Anthroposophen nur die vorübergehende Hülle, eine "Metamorphose" eines "geistigen Individuums", das über Geburt und Tod hinaus ewig existiert und sich unendlich oft "reinkarniert" (wiederverkörpert). (Vgl. Theos Opfer; Schöne Wissenschaften) Im "Menschenbild der Anthroposophie" sind Behinderungen eine gerechte Strafe des Karmas (selbstverantwortetes Schicksal). Die angestrebte "Entfaltung" und "Entwicklung" bezieht sich nicht auf die Lebensqualität des behinderten Kindes, sondern auf dessen "Seelenheil" in der "Geistigen Welt" und die Chance, im nächsten Leben straffrei davonzukommen. Das "individuelle Anschauen" ist nicht die professionelle Zuwendung, sondern die "geistige (An-)Schauung" durch die die "spirituelle Intuition" des anthroposophischen Personals, das nach Steiners Willen eine etwaige medizinische oder pädagogische Ausbildung durch anthroposophische Gesinnung zu ersetzen hat und im Bewusstsein göttlicher Unfehlbarkeit zur Tat schreiten soll.
Kinderheim Lauterbad – Hält sich wie alle anthroposophischen Einrichtungen an Rudolf Steiners Wahnvorstellungen. Mit Rudolf Steiners für alle anthroposophischen Einrichtungen geltenden "Ansatz" ist dessen sogenannter "Heilpädagogischer Kurs" von 1924 gemeint. Der bestand aus 12 Vorträgen Steiners, die als "Vorträge über Medizin", gehalten "vor Ärzten und Heilpädagogen" ausgegeben werden. (GA 317) Bei den "Ärzten und Heilpädagogen" handelte es sich um streng ausgesuchte Teilnehmer: Anthroposophen mit medizinischer Ausbildung, Priester der anthroposophischen "Christengemeinschaft" und sonstigen "Geisteskämpfern", deren Treue zu ihrem Oberhaupt zweifelsfrei feststand.
Die Wendung "Seelenpflege-bedürftige Kinder" benutzte Steiner nicht ein einziges Mal, und zwar weder im Verlauf dieser Vortragsreihe noch sonst irgendwann, nicht vorher und nicht nachher, sondern niemals. In der Gesamtausgabe seiner Werke kommt der Begriff an keiner Stelle vor. Rudolf Steiner hat die angeblich von ihm aus edelsten Motiven erfundene und verfochtene Vokabel definitiv nicht verwendet. Stattdessen spricht er konsequent und durchgängig von Kindern mit Behinderungen als "minderwertigen Kindern". (GA 317, S. 21, 33, 36, 39 [2x], 40 [2x], 41, 70, 106, 124, 145, 148 [2x], 153, 156, 162, 173 [4x], 175, 185)
Ebenso wie die Anthroposophen Steiners Rassismus kurzerhand zu vorbildlicher Weltoffenheit stilisieren (Falsche Propheten), handhaben sie es mit Steiners Verachtung behinderter Menschen. Dessen Gerede von "minderwertigen Kindern" eignet sich nicht für die Genehmigung und Werbung von Einrichtungen zur Behindertenbetreuung und wirft durch die derbe Herabwürdigung generell ein schlechtes Licht auf die Organisation des "Geistesführers". Die Grobschlächtigkeit der anthroposophischen Realitätsumkehr spricht für sich und veranschaulicht, was von der vorgegaukelten Seriosität ihrer Einrichtungen zu halten ist. Das ist anthroposophischer Standard und für eine Sekte kein überraschender Befund. Aber es ist bemerkenswert, wie sich derartig plumpe Fälschungen über Jahrzehnte hinweg anhaltend erfolgreich vermarkten lassen, mit behördlichem Segen und ohne journalistische Hinterfragung.
Jenseits Steiners eigener Werke gibt es eine einzige Quelle dafür, dass der Hellseher einmal in seinem Leben den Begriff "Seelenpflege-bedürftige Kinder" ausgesprochen haben soll. Allerdings taugt diese Beschreibung ganz und gar nicht als möglicher Rettungs- oder Rechtfertigungsversuch für die vorsätzlichen Falschdarstellungen, ganz im Gegenteil. Der Anthroposoph Albrecht Strohschein plante zusammen mit zwei weiteren Steiner-Jüngern die Übernahme eines Kinderheimes in Lauenstein bei Jena. In seinen Lebenserinnerungen berichtet Strohschein, dass er und seine Mitstreiter den bisher vorgesehenen Namen, "Heim für pathologische und epileptische Kinder", der Einfachheit halber beizubehalten gedachten. Steiner wäre jedoch entschieden dagegen gewesen und bestand auf eine klare Abgrenzung. Höchstpersönlich hätte ihm "Dr. Steiner" die Formulierung "Heil- und Erziehungsinstitut für Seelenpflege-bedürftige Kinder" in den Notizblock diktiert, mit der zusätzlichen Begründung: "Wir müssen schon einen Namen wählen, der die Kinder nicht gleich abstempelt". (Strohschein, Albrecht: Die Entstehung der anthroposophischen Heilpädagogik, zit. n. Zander, a.a.O., S. 1445 f.)
Die Überlieferung Strohscheins mag stimmen oder nicht. Sie illustriert allenfalls die Praxis, der Öffentlichkeit anderes zu bieten als das, was intern tatsächlich gehandhabt wird. Strohschein und seine Mitstreiter hielten sich natürlich an die Weisung Steiners und benannten ihr "Institut" entsprechend seiner Vorgabe, die dann auch von den in der Folgezeit gegründeten Einrichtungen wörtlich übernommen wurde. Hinter verschlossenen Türen sprach aber auch Strohschein nicht von "seelenpflegebedürftigen", sondern von "minderwertigen" Kindern, genau wie sein Vorbild "Dr. Steiner". (GA 317, S. 173) Von dem berichtet er außerdem, dass er Behinderte auch gern als "Trottelinkarnation" bezeichnete. Eine solche hätten nach Steiners Überzeugung auch die meisten Genies in einem ihrer Erdenleben durchmachen müssen. (a.a.O., S. 214)
Anthroposophen halten Strohscheins Darstellung für wahr und zweckdienlich. Sie benutzen beide Wendungen – die "Seelenpflege" öffentlich, die "Trottelinkarnation" vorzugsweise unter Gleichgesinnten, abgesehen von Johannes Kiersch, einem bekannten "Waldorfpädagogen", der gelegentlich auch öffentlich von Behinderten als "Trottelinkarnationen" spricht, wie im Verlauf einer Diskussion mit dem Historiker Helmut Zander. (Waldorfschule Berlin Kreuzberg, 5.12.2007)
Wenn Rudolf Steiner und seine "Pioniere" der "anthroposophischen Heilpädagogik" sich über Behinderte äußerten, dann bezeichneten sie diese als "minderwertige" Menschen. Der Begriff "Seelenpflege bedürftig" war allenfalls, sofern die "Erinnerungen" von Albrecht Strohschein stimmen, ein von Steiner ersonnener Neologismus für die Außendarstellung. Der angebliche Erfinder und Verfechter einer vermeintlich fortschrittlichen Ausdrucksweise, bediente sich tatsächlich im krassen Gegensatz dazu, ausnahmslos einer Wortwahl, die Menschen mit Behinderungen massiv herabwürdigte. Alle anderslautenden Behauptungen sind nachweislich falsch.
Autorität und Gift – Rudolf Steiners Handreichungen zum Umgang mit kranken und behinderten Kindern
Zu jenen glühenden Verehrerinnen, die dazu bereit waren, aller Vernunft und Wissenschaft abzuschwören und allein Rudolf Steiners "Anthroposophie" zu gehorchen, zählte Ita Wegmann, eine Gynäkologin und ehemalige "Theosophin", die zur "Anthroposophie" konvertierte und zu einer der engsten Mitarbeiterinnen Steiners wurde. Im Schweizer Ort Arlesheim (in unmittelbarer Nähe der anthroposophischen "Weltzentrale" in Dornach) hatte sie die erste Privatklinik gegründet, in der Kranke "anthroposophisch" behandelt werden sollten, ohne dass es irgendeine Vorstellung davon gab, was das eigentlich heißen sollte. Die Preise standen fest, das Programm kam später. Wegmann und Steiner gründeten gemeinsam mit anderen auch die Weleda-AG, die bis heute ungebrochen dem profitablen Vertrieb anthroposophischer "Heilmittel" dient. Zu diesem Zweck erfanden die Gründer allein 1922 im Handumdrehen mehrere hundert wirkungslose, aber einträgliche Mixturen. (Gemeingefährlich statt gemeinnützig)
Im selben Jahr erweiterte Wegmann ihr "Klinisch-Therapeutisches Institut" um ein "Haus Sonnenberg" für Kinder mit Behinderungen. Zwei Jahre später gründeten die Anthroposophen Albrecht Strohschein, Siegfried Pickert und Franz Löffler eine weitere Einrichtung dieser Art in Lauenstein. Das Geld bescherte wieder einmal Zigarettenfabrikant Emil Molt und Strohschein "therapierte" kleine Kinder mit dem "Heilmittel" Tabak. (GA 317, S. 157)
Mit seinem "medizinischen Kurs" von 1924 reichte Rudolf Steiner die Theorie zur schon vorausgeeilten Praxis nach und erläuterte jenen, die in Lauenburg und Arlesheim bereits mit spirituellen Experimenten an Kindern begonnen hatten, was überhaupt anthroposophische "Heilkunst" für Menschen mit Behinderungen sein sollte, welche Erkenntnisse und Rezepte anzuwenden wären. In seinen 12 Vorträgen verkündete Steiner abermals die Wahnvorstellungen von der alles determinierenden "Geistigen Welt". Die Geister verlangten natürlich auch für die Behandlung und Betreuung behinderter Kinder ganz anderes als das, was Fachleute, Mediziner, Psychologen, Therapeuten und Pädagogen für richtig hielten. Wie immer schuf Steiner zur Illustration ein paar wirre Tafelbilder, die von seinen Anhängern ehrfürchtig für die Nachwelt konserviert wurden. Zudem sorgte diesmal Ita Wegmann für lebendes Anschauungsmaterial in Gestalt von einigen in ihrer Obhut befindlichen Kindern. Steiner freute sich daher eingangs:
"Wir werden dann auch in der Lage sein, dadurch dass uns Frau Dr. Wegman die hier befindlichen Kinder - wir können das ja unter uns - zur Demonstration zur Verfügung stellen wird, wir werden da auch einige Fälle unmittelbar ad oculos auseinandersetzen können." (GA 317, S. 11)In vier Vorträgen frischte Steiner zunächst die okkulten Grundlagen auf, indem er noch einmal wie bereits unzählige Male zuvor seine Phantasmagorien ausbreitete, von "Äther- und Astralleibern", von Stoffwechsel- und Hirnfunktionen aus "spiritueller" Perspektive, von seiner "Jahrsiebtlehre", dem Walten des "Karmas" und den Segnungen der "Waldorfschul-Pädagogik", die mit ihrem "Autoritätsprinzip" auch zur Behandlung "minderwertiger Kinder" einzusetzen wäre. Ab dem fünften Vortrag wurden dann von Ita Wegmann die ihr zur Behandlung anvertrauten Kinder nacheinander den "Geistesschülern" vorgeführt, um an ihrem Beispiel und in ihrem Beisein die anthroposophische Sicht "abnormer Seelenerscheinungen" anschaulich zu erläutern.
Wer behinderte Kinder in Steiners Sinne angemessen betreuen und therapieren will, darf sich nicht an der ahrimanischen Wissenschaft orientieren. Entscheidend ist die anthroposophische Gesinnung und Haltung. (Das gilt für den Künder natürlich ohnehin ganz generell, für alle Professionen und sämtliche Lebensbereiche ist ausschlaggebend, ob jemand an ihn und seine Hellsicht glaubt oder nicht.) Seinen "Heilkünstlern" versicherte Steiner, dass sie gar nicht viel Zeit mit diagnostischen Prüfungen und Erwägungen zu verschwenden bräuchten. Ein richtiger Anthroposoph vermeidet umständliche "materialistische" Irrwege und kann
" in verhältnismäßig kurzer Zeit, in fünf oder zehn Minuten ein Kind durchaus durchschauen, wenn er überall den Blick richtig anwendet." (GA 317, S.148)Wie das zu geschehen hätte, dafür gab der Hellseher einige Beispiele spiritueller Stehgreif-Diagnosen und Brachial-Therapien am lebenden Objekt. So ließ er einen elfjährigen Jungen hereinführen, der laut Steiner unter fiebrigen Krampfanfällen und Lähmungserscheinungen der linken Hand litt. Letzteres ließ der Meister seinem Publikum sogleich demonstrieren:
"Zu dem Knaben gewendet: Nimm das so! - Sehen Sie, er ist ungeschickt mit der Linken." (ebd., S. 110)Aus der Beschreibung Steiners geht hervor, dass das Kind in der Tat dringend medizinische Hilfe gebraucht hätte. Stattdessen behandelten Ita Wegmann und Rudolf Steiner den Kleinen nun "anthroposophisch". Weil er während nächtlicher Krampfanfälle auch Blähungen hatte, war für Steiner klar, "was hier vorlag" und wie zu verfahren wäre:
"Daß starke Blähungen auftreten, rührt davon her, dass der Astralleib noch nicht vollständig in die Darmorganisation eingegliedert ist. Von dieser relativen Selbständigkeit des Astralleibes rührt her alles dasjenige, was als besonders charakteristisch im Seelenleben auftritt: sein fortwährendes Schwätzen, auch die leichte Erregbarkeit, auch die lebhafte Phantasie. Nun fragt es sich, was da in einem solchen Falle zu tun ist. Nun, sehen Sie, in einem solchen Falle handelt es sich vor allen Dingen darum, dass man dem sehr stark selbständig wirkenden Astralleib alle Möglichkeiten entzieht, Kräfte zu entwickeln, die ihm hinderlich sind in der Anpassung an den Ätherleib und physischen Leib. Nun, sofort, wenn das Kind in dieser Weise auftritt, wie es heute aufgetreten ist, sieht man, was als erste Maßregel zu gelten hat: Man muss ihm sein Spielzeug wegnehmen. Daß er dieses Spielzeug hat, das ist seelisches Gift für ihn. Er darf vor allen Dingen seine Phantasie nur anregen an von der Natur noch nicht fertig Gestaltetem. Er muß angeregt werden, möglichst viel zu malen, aber vor allem Formen zu prägen, zu schnitzeln. Er soll also einfach ein Stück Holz bekommen, soll angeregt werden, dieses Stück in der Form eines Menschen zu gestalten." (GA 317, S. 114)Einem schwerkranken elfjährigen Kind wurde wegen nächtlicher Blähungen das tröstende Spielzeug weggenommen und ein Stück Holz in die Hand gedrückt, mit der Auflage, daraus trotz Lähmungen eine kleine Skulptur zu schnitzen. Ferner verordnete Steiner wie immer "Heileurythmie". Das bedeutet, die Kinder wurden genötigt, von Steiner ersonnene Bewegungsabläufe zu vollziehen, in denen einzelne Gebärden jeweils bestimmten Buchstaben des Alphabets zugeordnet sind. Steiner empfahl für unterschiedliche Krankheiten die ein oder anderen Vokale und Konsonanten verstärkt von den Kindern als übersinnliche Körpersprache mit kosmischer Heilwirkung ausführen zu lassen. Bei dem Elfjährigen wären jedoch keine alphabetischen Präferenzen angebracht. Der Junge war für den Herrn im Gehrock ohnehin ein "schwieriges Kind" bzw. "eine Art kleiner Dämon". (GA 317, S. 115) Je nachdem wie sich ein Kind ihm gegenüber verhielt, konnte es auch passieren, dass Steiner ihm das Menschsein gänzlich absprach und es zu einem "wirklichen" Dämon mit menschlichem Antlitz erklärte, "der" folglich nicht mehr als Mensch zu behandeln wäre. (Anthroposophie und Sektenbegriff) Wie lange der Junge dem Wahn und Martyrium anthroposophischer "Heilkunst" ausgesetzt war, ist nicht bekannt.
Mit seinen elf Jahren war dieses Kind für Steiner hinsichtlich des Karmas auch schon recht alt. Je älter ein Mensch, desto geringer die "heilpädagogische" Wirkung auf das Karma, meinte Steiner und ließ deshalb in seinen "Schauungen" erwachsene Behinderte außen vor. In einem Korb lieferte Ita Wegmann ihrem Meister freundlicherweise auch ein deutlich jüngeres Exempel "abnormer Seelenerscheinungen" in Gestalt eines knapp einjährigen Kleinkinds. An welcher Krankheit es litt, ist den wirren Ausführungen Steiners nicht zu entnehmen. Er beschrieb eine Disproportionalität von Körper und Kopf und diagnostizierte in Anbetracht dieses "Riesenembryos" schnell und sicher einen "kosmisch" bedingten "Infantilismus":
"Wir haben es zu tun mit einer ganzen Reihe von Infantilismen. Das ist nun der radikalste Fall, und es ist vom medizinisch-pädagogischen Standpunkt aus günstig, daß Sie sehen konnten an diesem radikalen Fall, was Sie in entsprechenden Abschwächungen haben können bei zahlreichen minderwertigen Kindern." (ebd., S. 124)Am nächsten Tag teilte Steiner mit, wie diesem besonders schweren Fall begegnet worden wäre. Als erstes erhielt der Säugling keine Muttermilch mehr:
"Das Kind wurde anders ernährt. Dem Kinde wurden Nektariensäfte gegeben, der Inhalt von Nektargefäßen, die man in der Blütenregion von gewissen Pflanzen findet. Dadurch wird insbesondere das Ich in der Willensregion gestärkt." (136)Die Folgen waren Durchfall und Krämpfe sowie andauerndes Schreien und Wimmern. Ita Wegmann hätte schließlich die Nektariensäfte wieder abgesetzt. Steiner bescheinigte seiner treuen Mitstreiterin richtig gehandelt zu haben, ermahnte seine Zuhörer aber eindringlich, ihre "Pflicht" zu tun und sich in Anbetracht solch unvermeidbarer Fehlschläge nicht durch etwaige "Mitleidsgefühle" auf Abwege bringen zu lassen. Das taten Wegmann und Steiner auch in diesem Fall nicht und auf die Nektariensäfte anstelle der Muttermilch folgte die "kosmisch" begründete "Blei-Therapie":
"Nun gehen wir aber in der Behandlung jetzt noch weiter. Denn Sie wissen ja, wir haben es gesehen, mit einer psychologisch-pädagogischen Behandlung ist da noch nicht viel anzufangen. Ja, psychologisch ist das schon auch möglich: Ruhe und möglichst Finsternis zu haben. Nun handelt es sich aber darum, wirklich an die Stelle dieses nach dem Wässerigen, nach dem Flüssigen Hintendierens des Organismus, das Prinzip des Zerfalls zu bringen. Wasser zerfällt nicht, sondern dehnt sich eben flüssig aus. Man muß diejenigen Kräfte aufrufen, die Zerfall bewirken können, die das stärken, und das sind eben die Kräfte des Bleies. Im Blei haben wir wirklich ein sehr wirksames Mittel, Zerfallskräfte hervorzurufen. Daher muß man medizinisch immer dann, wenn man sieht, daß an Stelle der Abbaukräfte die wuchernden Aufbaukräfte entstehen - denn was ist es denn, als daß wuchernde Aufbaukräfte über die Abbaukräfte vorherrschen, das ist das Grundphänomen, wenn man einen solchen Riesenembryo vor sich liegen hat -, eine Bleikur anwenden, die namentlich, wenn das Blei injiziert wird, außerordentlich gut wirken kann. (…) Im Kosmos da draußen bereiten sich die stärksten Zerklüftungskräfte im Blei diejenige Substanz, in der sie konzentriert sind. Bringen Sie also Blei in den Organismus, so bringen Sie in ihn direkt den Weltenabbau hinein. Das müssen Sie bedenken. Und bringen Sie das nun durch Injektion in die Blutzirkulation. In der Blutzirkulation haben Sie ein unmittelbares Abbild des ganzen Weltbaus. Die 25 920 Jahre, in denen die Sonne die Welt umkreist, haben wir darinnen in der Zirkulation, in der Pulszahl. Wir bringen direkt die Abbaukräfte in den Organismus hinein. Daß sich der Kosmos Zeit läßt, zu wirken, das ist bekannt, aber wenn man innerlich hineinsieht in die Dinge, wird man sich doch klar sein darüber, daß solche Dinge helfen können. Nun wird es sich bei diesem Kinde darum handeln, daß man solche Behandlungen anwendet." (s. 137 f.)Ob das Kind die "kosmischen Therapien" mit Blei-Injektionen überlebt hat, ist ungewiss. Außer Blei und Nikotin empfahl Steiner auch Arsen als Heilmittel, nicht nur zur äußeren Anwendung, sondern auch "von innen herangebracht". (GA 317, S. 141) Gewiss fanden toxische Verbindungen auch in der seriösen Medizin Anwendung, etwa zur Bekämpfung der Schlafkrankheit und der Syphilis. Allerdings geschah das unter sorgfältiger Abwägung und Dosierung auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschung. Nichts dergleichen ist in den Therapieakten der Anthroposophen zu finden. Rudolf Steiner verfügte über keinerlei medizinisches Fachwissen. Sämtliche in den anthroposophischen Kliniken angewandten "Therapien" und "Heilmittel" entsprangen haltlosen esoterischen "Lehren" oder wurden gänzlich frei erfunden. (Zander, Helmut, a.a.O., S. 1557 ff.)
Abgesehen davon, dass den Kindern eine medizinische Behandlung vorenthalten wurde, verabreichten ihnen die Anthroposophen ihre Phantasiepräparate, von denen im günstigsten Fall keine Wirkung ausging, die in sogenannter Tiefenpotenzierung der Schwermetalle und anderer hochgiftiger Substanzen ansonsten zu schweren gesundheitlichen Schäden führen konnten. (ebd., S. 1523 ff.) Jeder, aber insbesondere jene Anthroposophen, die über eine fachliche Ausbildung verfügten, mussten sich über die Folgen im Klaren sein. Sie opferten ihre Profession und die wehrlosen Kinder dem esoterischen Glauben an den Propheten der "Geistigen Welt" und eiferten seinem Vorbild nach. Helmut Zander resümiert diesbezüglich sehr zurückhaltend:
"Um Steiners Rolle genau bestimmen zu können, bedürfte es einer genaueren Analyse der therapeutischen Situationen sowie der Gruppendynamik in den medizinischen Kollegien. Es gibt allerdings viele Indizien, daß Steiner mit hoher Autorität agierte: Er forderte sie, aber sie wurde ihm auch angetragen. Diese Autorität gründete letztlich in der beanspruchten Fähigkeit übersinnlicher Einsicht, wodurch in der anthroposophischen Medizin ein hoch diffuses Feld zwischen seiner hellseherischen und seiner medizinischen Laienkompetenz entstand. Hier liegt das Problem seiner ärztlichen Rolle. Es scheint, daß seine esoterische Schau die empirische Einsicht dominierte, zum hermeneutischen Schlüssel für sie wurde, sie überformte oder transformierte – und es ist nur schwer zu realisieren, wo umgekehrt die empirische Medizin der approbierten Ärztinnen und Ärzte zur Leitkategorie wurde und die anthroposophische Perspektive auf eine »Erweiterung der Heilkunde« beschränkt hätte. In dieser hierarchisierten Vermischung von Esoterik und Empirie wurde der medizinische Laie Rudolf Steiner zur Autorität ausgebildeter universitärer Mediziner und Medizinerinnen und entschied über Therapien, in denen es um Leben oder Tod gehen konnte." (ebd., S. 1559 f.)Wissenschaftliche, ethische und rechtliche Maßstäbe haben in der anthroposophischen "Heilkunst" keinen Platz. In ihr zählt Rudolf Steiners Wort mehr als ein Menschenleben. Medizinische Hilfe boten die Anthroposophen nicht; bestenfalls kosteten ihre "spirituellen" Praktiken viel Geld und blieben ansonsten folgenlos, schlimmstenfalls kosteten sie den Hilfesuchenden darüber hinaus das Leben bzw. das ihrer Kinder. Steiners Ausführungen über die Bestimmung "abnormer Seelenerscheinungen" und die Behandlung "minderwertiger Kinder" beinhalten ausschließlich aus "übersinnlicher Schau" begründete autoritäre Erziehungsmaßnahmen, die Verordnung "spiritueller" Bewegungsformen und die Verabreichung wirkungsloser oder toxischer Substanzen. Sein Vortragszyklus von 1924, ein Zeugnis brutalen Irrsinns, ist für Anthroposophen nach wie vor das ehrfürchtig bewahrte Manifest ihrer heute behördlich genehmigten und aus Steuergeldern finanzierten "heilpädagogischen" Einrichtungen.
Behinderte als Mittel zum Zweck – staatliche Förderung einer radikalen Sekte
Für den "richtig angewandten Blick" auf Kranke und Behinderte ist es nicht erforderlich, ein Hellseher vom Kaliber Rudolf Steiners zu sein. Es genügt sich ganz genau an seine Vorgaben zu halten und diese auszuführen. Was im Einzelfall "vorliegt" ist den Schriften Rudolf Steiners klipp und klar zu entnehmen oder es kann intuitiv ergänzt werden. Gegen mögliche Zweifel werden die "Geistesschüler" immunisiert. Jegliche nicht-anthroposophischen Einflüsse müssen restlos ausgeschaltet werden. Ist das der Fall, ist jede Entscheidung und Handlung im Einklang mit der "Geistigen Welt", ist richtig und gut oder zumindest notwendig und unausweichlich. Der gesundheitliche Zustand der Patienten und das Wohlbefinden der Schutzbefohlenen ist dafür kein Maßstab. Um diese Skrupellosigkeit zu erreichen, sollen die "Heilpädagogen" sich selber täglich einreden, in fundamentaler Ergebenheit zu Rudolf Steiners "Schauungen" mit göttlicher Unfehlbarkeit gesegnet zu sein.
"Bei der Erziehung minderwertiger Kinder ist es so, daß nun das, was man hier tut, daß das nun eingreift in die Arbeit der Götter, die dann sich vollziehen würde später. (...) Aber es darf nicht vergessen werden: jeder Schritt, der getan wird aus der geistigen Welt heraus, der führt den Menschen dazu, nach links, nach rechts zu blicken und stets einen neuen Entscheid durch den inneren Mut des Lebens herbeizuführen. (…) Und der erwacht nur, wenn man sich die Größe der Dinge immer vor Augen stellt: du tust etwas, was die Götter sonst tun im Leben zwischen Tod und nächster Geburt. Das zu wissen, ist von gar großer Bedeutung. Nehmen Sie das meditierend auf. Es denken zu können, hat eine große Bedeutung. Führt man sich das jeden Tag meditierend vor die Seele, daß es so ist, wie man ein Gebet jeden Tag betet, sich das jeden Tag vor die Seele zu rücken, dann erzeugt das in uns die Verfassung des astralischen Leibes, die wir brauchen, um uns in der richtigen Weise dem minderwertigen Kinde gegenüberzustellen. (…) Die Menschen können im allgemeinen auf dem Gebiete der Pädagogik nichts erreichen, weil sie nicht ernsthaftig jemals eine Wahrheit in sich rege gemacht haben. Die besteht darin, daß Sie sich am Abend einleben in das Bewußtsein: In mir ist Gott, in mir ist Gott, oder der Gottesgeist, oder was immer - aber sich dieses nicht bloß theoretisch vorschwätzen, die Meditationen der meisten Menschen bestehen darin, daß sie sich etwas theoretisch vorschwätzen -, und am Morgen so, daß das hineinstrahlt in den ganzen Tag: Ich bin in Gott. - Bedenken Sie nur, wenn Sie diese zwei Vorstellungen, die ganz Empfindung, ja Willensimpulse werden, in sich rege machen, was Sie da eigentlich tun. Sie tun das, daß Sie dieses Bild vor sich haben: In mir ist Gott - und daß am nächsten Morgen Sie dieses Bild vor sich haben: Ich bin in Gott. - Das ist eines und dasselbe, die obere und untere Figur Und Sie müssen einfach verstehen: das ist ein Kreis, das ist ein Punkt. Es kommt nur abends nicht heraus, es kommt nur morgens heraus. Morgens müssen Sie denken: das ist ein Kreis, das ist ein Punkt. Sie müssen verstehen, daß ein Kreis ein Punkt, ein Punkt ein Kreis ist, und müssen das ganz innerlich verstehen." (GA 317, S. 154)
Tafelbild Rudolf Steiners – Groteske Selbstvergötterung ersetzt fachliche Kompetenz und beugt Skrupeln vor (GA 317, S. 214) Dieser Abschnitt aus Steiners "Kurs" liegt den Anthroposophen ganz besonders am Herzen. In ihrer Parallelwelt mangelt es nicht an Abhandlungen und Vorträgen zu dem Thema "Punkt und Kreis in Rudolf Steiners heilpädagogischem Kurs." Der "Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit" benannte seine Zeitschrift nach dieser Passage. "Punkt und Kreis" erscheint viermal im Jahr zu den anthroposophischen/christlichen Feiertagen Michaeli, Johanni, Ostern und Weihnachten. (Verband-Anthro.de) Die Stammautoren von "Punkt und Kreis" geben sich die größte Mühe, Steiners Anthroposophie als fortschrittlichste Bewegung der Welt in Hinblick auf den Umgang mit behinderten Menschen erscheinen zu lassen. Der Verband ist allerdings ein fester Bestandteil des anthroposophischen Netzwerkes, ohne wenn und aber. In der "Michaeli-Ausgabe" 2009 wird ausgerechnet die UN-Behindertenkonvention gefeiert, als stünde diese in wundervollstem Einklang mit den Vorstellungen der Anthroposophen, verziert mit zahlreichen Werbeanzeigen aus den Reihen der "Bewegung". Johannes Denger, Referent des Verbands, erklärte in gewohnter Realitätsumkehr:
"Müssen wir uns als Praktiker von dieser UN-Konvention bedroht fühlen? Ich meine nein. Sie proklamiert die Ideale, die, wie ich oben zu skizzieren versucht habe, für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit seit je her leitend waren." (PuK, Michaeli 09, S. 6)Bisher haben 79 der 144 Unterzeichnerstaaten die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert, darunter auch Österreich und die Bundesrepublik Deutschland, wo sie seit März 2009 verbindlich ist. Die behördliche Durchsetzung dieses nunmehr geltenden Rechts für die Zulassung von Einrichtungen der Behindertenbetreuung würde das Ende "anthroposophischer Heilpädagogik" bedeuten, denn anders als Anthroposophen wie Denger neuerdings behaupten, sind UN-Konvention und anthroposophische Theorie und Praxis prinzipiell unvereinbare Gegensätze, wie sie schärfer wohl kaum sein könnten.
Die UN-Resolution verlangt die Inklusion von Behinderten. Behinderte sind nicht "minderwertig" und keine "abnormen Seelenerscheinungen", sondern selbstverständliche Mitglieder der Gesellschaft. Aus ihren Beeinträchtigungen dürfen keine weiteren Benachteiligungen erwachsen, gleich welcher Art. Vielmehr sind alle Maßnahmen zu ergreifen, um einen Ausgleich zu schaffen, alle Freiheitsrechte zu gewährleisten und einer Isolation und Abschottung entgegenzuwirken. Behinderte sind vollständig in das allgemeine gesellschaftliche Leben einzubeziehen. Das Ziel der Behindertenbetreuung ist es, ein möglichst hohes Maß an Lebensqualität zu gewährleisten und die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu fördern.
Derartige an Wissenschaft, Menschenrechten und Demokratie orientierte Normen werden von den Anthroposophen abgelehnt. Sie haben andere Vorstellungen davon, "was" Behinderte sind, warum das so ist und wie sie deshalb behandelt werden müssten. Behinderte haben nach anthroposophischer Überzeugung in einem früheren Leben schwere Schuld auf sich geladen. Anthroposophen verwenden gerne die Metapher, ein Behinderter habe "seinen Rucksack schwer gemacht". (Taube, Kathrin: "Ertötung aller Selbstheit". Das anthroposophische Dorf als Lebensgemeinschaft mit geistig Behinderten, München 1994, S. 58 f.) Manche Anthroposophen lassen im Unklaren, was genau zu der Schicksalsstrafe geführt habe, andere wissen das ganz genau. Die Betroffenen hätten zu viel gelogen und seien deshalb im "nächsten Leben zu physischer Hilflosigkeit" verurteilt, heißt es in einem einschlägigen "Lehrbuch", herausgegeben von dem Leiter der "pädagogischen Sektion" der Dornacher Anthroposophen-Zentrale. (Zimmermann, Heinz (Hrsg.): Reinkarnation und Karma in der Erziehung, Dornach 2002, S. 52 f.). Über das Zentralorgan des Bunds der Freien Waldorfschulen bekräftigte deren Pädagoge Valentin Wember vorsichtshalber noch einmal, dass das für geistig Behinderte selbstverständlich ebenso zuträfe:
"Die Verwandlung von Lügenhaftigkeit über die Scheu zur Schwachsinnigkeit im nächsten Leben ist eine spirituelle Gesetzmäßigkeit, die der Geistesforscher Rudolf Steiner entdeckt hat." (Wember, Valentin: Reinkarnation und Pädagogik, in: Erziehungskunst, 4/2004, S. 407)Unabhängig von möglicher Uneinigkeit über die genauen Ursachen, steht für alle Anthroposophen fest, dass Behinderungen auf Verfehlungen einer vorausgegangenen "Inkarnation" zurückzuführen sind. Daran ist aus anthroposophischer Sicht nichts zu ändern oder zu beklagen. (Das gilt auch für Krankheiten, Unfälle, Naturkatastrophen, Völkermorde und alles andere.) Wenn das "Karmakonto" belastet wurde muss es durch Leid gebüßt werden, das dann zur Läuterung führt, die im nächsten Erdenleben honoriert wird. Die "Anthroposophische Heilpädagogik" soll diesen Prozess fördern und als gute Tat das eigene Karma verbessern.
"Um sich eine sehr leicht begreifliche Vorstellung vom Karmagesetz zu machen, können Sie es vergleichen mit dem kaufmännischen Gesetz von Soll und Haben. Wie der Kaufmann in all seinem Handeln diesem Gesetz unterliegt, so ist es auch im Leben mit dem Karma. Durch alles,Die Lebensqualität der Behinderten zu verbessern ist hingegen kein Motiv der anthroposophischen Fürsorge. Sie dient nicht der Abfederung "kosmischer Gesetze". Die Behinderung gilt als unabänderliche Sanktion und als "Chance der Individualität". Sie schützt die Behinderten nach anthroposophischer Meinung davor, neue Schuld auf sich zu laden. Befinden sie sich in der Obhut der Anthroposophen, die allein über die nötigen "spirituellen" Kenntnisse verfügen, hat die "Individualität" des Behinderten besonders gute Zukunftsperspektiven - für die Zeit nach dem Tod.
was Sie im verflossenen Leben Gutes oder Böses getan haben, sind Ihre Posten nach Soll und Haben gestimmt. (...) Genau so, wie der Kaufmann durch jeden guten Abschluß seine Bilanz verbessert, so verbessere ich auch durch jede gute Tat mein Karma. Genau so, wie es dem Kaufmann jederzeit freisteht, einen Posten auf die eine, Soll, oder auf die andere Seite, Haben, seines Kontos zu setzen, so auch dem Menschen im Kontobuch des Lebens. (...) So ist es auch bei dem Elenden: dem helfen Sie sein Karma auszubessern, auf daß sich sein Schicksal nach dem Guten wende, und zugleich verbessern Sie Ihr eigenes Karma durch diese gute Tat." (Steiner: Menschheitsentwickelungung und Christus-Erkenntnis, GA 100, S. 90 f.)
"Der Behinderte ist keine Persönlichkeit, sondern er war mal eine oder wird mal eine. Im Moment stellt er eigentlich nichts dar, und das wird in dieser Inkarnation auch so bleiben. All die Zuwendung, die Verhaltensregeln, Verbote, die anthroposophischen Therapien, die pädagogischen Prinzipien - all dies meint nicht den individuellen Menschen mit geistiger Behinderung, sondern zielt ab auf seine nachtodliche Zukunft. (...) Eine Unzahl von Maßnahmen wird an ihnen vollzogen, und zwar nicht, damit es ihnen besser geht, sich ihr Wohlbefinden steigert und damit sie etwas dazulernen, was ihnen Spaß macht und ihre Autonomie und Selbstbestimmung fördert -und auch nicht, damit sie in der Rationalität der Einrichtung besser funktionieren (beide Möglichkeiten entsprechen den wichtigsten Intentionen herkömmlicher heilpädagogischer Therapieangebote), sondern weil diese Maßnahmen als "heilsam" angesehen werden im Hinblick auf die kosmische Seelenentwicklung. Diese Art der "Reifung" ist das Ziel der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie." (Taube, a.a.O., S.62)Die gesetzlich vorgeschriebene Förderung der Autonomie, der Inklusion und Partizipation der Behinderten steht dieser Vorstellung diametral entgegen, könnte allenfalls dazu führen, dass neue "Schuld" entsteht, während das Schicksal ihnen durch die Behinderung doch freundlicherweise gerade die "Chance" bietet, das zu vermeiden und noch dazu den Anthroposophen die Möglichkeit eröffnet, ihre Vorstellungen zu praktizieren, in der Überzeugung, dass dafür aus der "Geistigen Welt" eine stattliche Belohnung winkt. Anthroposophen sind fundamentalistische Gegner der bestehenden "materialistischen" Gesellschaft. In die wollen sie nicht hinein, sondern aus ihr heraus. Sehr weitgehend gelingt ihnen das in den sogenannten "anthroposophischen Dörfern", in denen Behinderte und Betreuer zusammen leben und arbeiten. Dazu gehören alle "Camphill"-Einrichtungen und zahlreiche anders bezeichnete "Dörfer", die alle demselben Prinzip verpflichtet sind, wie die "Lebensgemeinschaft e.V." in Sassen und Richthof. Deren Gründer, Kurt Eisenmeier, formuliert das so:
"Es ergibt sich die heikle Frage, ob das, was wir 'unsere normale Welt' nennen, wirklich so ist, daß man einem Freund oder einem hilfsbedürftigen Menschen, um den man sich besonders gerne bemühen möchte, wünschen würde, sich da hinein zu integrieren."Da es in den Dörfern nicht um die Behinderten geht, sondern um "Anthroposophie", wird auch kein Personal mit einer Ausbildung gebraucht, die in nicht-anthroposophischen Einrichtungen obligatorisch ist. Was hier zählt ist die anthroposophische Gesinnung. Die wird auf Wunsch auch in "Camphill-Seminaren" vermittelt. Dort wird ausschließlich Rudolf Steiners Weltsicht unterrichtet, unter besonderer Berücksichtigung seines "heilpädagogischen Kurses" und der "geistigen Realität" von "Karma und Reinkarnation" als Grundlage der Behindertenbetreuung. Wer sich zwei Jahre lang (auch berufsbegleitend) von Anthroposophen deren Weltbild vermitteln lässt und ein einjähriges Praktikum in einem anthroposophischen Dorf absolviert, darf sich staatlich anerkannter „Heilerziehungspfleger“ nennen. Zum Einsatz kommen ferner natürlich jede Menge Praktikanten und Zivildienstleistende, denen manchmal „noch“ das „richtige Verständnis“ fehlt und bei denen es reicht, wenn sie vorübergehend die Arbeit erledigen. Dauerhaft verbleibt niemand in anthroposophischen Einrichtungen, der nicht auf Linie gebracht werden kann. Anthroposophen nennen das einen Prozess des "Herauseiterns" und der "Selbstreinigung". (MIZ)
"Eine Überraschung wird es für den Leser sicher sein, daß wir keine Einrichtung zur Betreuung geistig behinderter Menschen sein wollen, sondern ein soziales Modell, ein Versuch, vieles von dem wir meinten, es sei in der heutigen Gesellschaft krank oder ungut, anders zu probieren, winzige Keime zu setzen für zukunftsträchtige Möglichkeiten." (Eisenmeier, Kurt: Die Sozialgestalt der Lebensgemeinschaft Sassen Richthof, Schlitz-Sassen 1992, S. 46/8; zit .n. Taube, a.a.O., S. 219/207)
Wie die meisten anthroposophischen Einrichtungen sind auch ihre "Dörfer" in der Rechtsform eingetragener Vereine organisiert. Den Trägervereinen wird allerdings per Satzung untersagt, sich in die Belange der Dorfgemeinschaften einzumischen. Die alles entscheidende Instanz ist die interne Konferenz der sogenannten "Hauseltern" und der übrigen Angestellten, unter Ausschluss der Eltern und Behinderten. So ist gewährleistet, dass alle relevanten Entscheidungen von unbeirrbaren Anthroposophen getroffen werden. Kathrin Taube, die nicht nur "Hauseltern" interviewt hat, sondern vor ihrem Studium als junge Frau vorübergehend in einer derartigen Einrichtung beschäftigt war, berichtet, dass es in diesen "Konferenzen" nicht ein einziges Mal die Bedürfnisse der Behinderten ein Thema gewesen wären. (Taube, a.a.O., S. 106 ) Es geht nicht darum, dass die Behinderten Freude am Leben hätten, sondern um kosmische Läuterung.
Damit die gelingt, haben die Behinderten gehorsam dem Folge zu leisten, was die Steiner-Jünger aufgrund ihrer exklusiven Einsichten in die karmischen Zusammenhänge nun einmal für das einzig Richtige halten. Das ist in erster Linie ein streng reglementierter Alltag voller Arbeit und Andacht. Jeder Tag beginnt mit dem gemeinsamen Aufsagen von anthroposophischen Gebeten aus der Feder des "Meisters". Anschließend wartet die sogenannte "biologisch-dynamische Landwirtschaft" auf die Arbeitskraft der Dorfbewohner. Zeit und Raum frei von anthroposophischer Gängelung gibt es nicht. Der restlos totalitäre Anspruch und die vollständige Verblendung ihrer Anhänger stellt so manche politisch radikale und religiös fundamentalistische Gruppierung in den Schatten. In den anthroposophischen Dörfern lässt sich diese "Ganzheitlichkeit" in die Tat umsetzen, weitgehend abgeschottet von der Außenwelt.
Was jede "x-beliebige Sekte oder Jugendreligion, vor deren Gefährlichkeit seit Jahren öffentlich gewarnt wird" (Taube, a.a.O, S. 219) anstrebt, verwirklichen die Anthroposophen in der Behindertenarbeit mit staatlicher Förderung. Der gesamte Wahrheits-, Überlegenheits- und Führungsanspruch beruht einzig und allein auf dem Nachlass eines selbsternannten Hellsehers, der in keiner wissenschaftlichen Disziplin auch nur die geringste Bedeutung hat, weil alles, was er von sich gab, vollkommener Blödsinn war. In den Behinderteneinrichtungen der Anthroposophen begründen seine "Schauungen" ein allumfassendes Arsenal "spiritueller" Gebote und Verbote, wird bis zum heutigen Tag das praktiziert, was Steiner seinen "Eingeweihten" predigte. Angemessene individuelle Förderung sehen die "kosmischen Gesetze" nicht vor. Therapeutische Konzepte gibt es in den "höheren Welten" nicht, sondern nur die Segnungen der "Waldorfpädagogik", die Eurythmie, Märchen und Sagen, bildende Kunst und Musik in der engen kanonischen Auswahl, die Rudolf Steiner vorgab.
Hinter der potemkinschen Kulisse einer "anthroposophischen Heilpädagogik" ist – wie in der gesamten Anthroposophie und ihren "Praxisfeldern" – rein gar nichts, nicht der geringste Ansatz zu finden, außer den Wahnvorstellungen ihres "Menschheitsführers". In den anthroposophischen Einrichtungen wird die Steigerung der Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen und die Förderung ihrer Autonomie auf der Grundlage anerkannter medizinischer, therapeutischer und pädagogischer Kenntnisse und Standards prinzipiell abgelehnt. Nicht die lebenden Personen sind der Handlungsmaßstab anthroposophischer "Heilkunst", sondern die esoterische Geisterwelt Steiners. Allein die anthroposophische Propaganda suggeriert hilfesuchenden Eltern ein vorbildliches karitatives Engagement, im krassen Gegensatz zur tatsächlichen Programmatik und Praxis.
Dass in den anthroposophischen Einrichtungen regelmäßig keinerlei Mindeststandards eingehalten werden, ist den Jugendämtern aus vielfachen Beschwerden und Strafanzeigen bekannt. "Handlungsbedarf" sehen sie aber nicht. Der entsteht für die Bediensteten allenfalls, wenn es zu viele unschöne Presseberichte gibt. (Vgl. KJHE) Dann sehen sie sich genötigt, die Verletzung ihrer Aufsichtspflicht zu vertuschen, unliebsame Journalisten hinauszuwerfen und für ein Weiterwirken der Anthroposophen zu sorgen. "Seminare", in denen die "Schauungen" des "Doktors" gelehrt werden, wie die, dass Behinderte als Unholde einer vorausgegangenen Inkarnation anzusehen sind, die von ihrem Karma zur Rechenschaft gezogen werden, erhalten dafür staatliche Gütesiegel. Die Menschen mit Behinderungen, wie auch das geltende Recht, spielen in den verantwortlichen Behörden offensichtlich keine Rolle.
Die "anthroposophische Heilpädagogik" wird von Anthroposophen für Anthroposophen betrieben. Sie ist nicht für die Behinderten da, sondern umgekehrt. Sie ermöglicht es, "Anthroposophie zu leben", durch die "spirituelle" Betreuung der Behinderten das eigene "Karma" positiv zu beeinflussen, öffentliche Mittel und private Spenden zu erhalten und das Image einer Sekte aufzupolieren, die stets befürchtet, dass ihre tatsächlichen Glaubensinhalte und Methoden in die öffentliche Diskussion geraten könnten. Selbstverständlich ist es den Anthroposophen zuzubilligen, Rudolf Steiner für einen Hellseher zu halten, an die "Geistige Welt" zu glauben, die reale Welt abzulehnen und die antidemokratischen, rassistischen und menschenfeindlichen Ansichten ihres "Geistesführers" zu teilen. Diese Vorstellungen in Kliniken, Arztpraxen, Kindergärten, Schulen und Heimen hinterrücks auszuleben, ist ihnen jedoch zu verwehren.

9 Kommentare:
Guter Artikel, v.a. was Steiners Vorstellungen anbelangt und wiedermal symptomatisch, wie "kreativ" mit "Seelenpflege-Bedürftig" statt "minderwertig" umgegangen wurde. Auch meine GA-Suche bestätigt das.
Gänzlich weggelassen haben Sie Steiners eigene praktische Erfahrung bei der Betreuung des "behinderten" Otto Specht. Hier scheint er doch gute Arbeit geleistet zu haben, wie auch der steinerkritische Richard Specht bestätigt hat. Das ist eine Facette die zur PRAXIS von Steiners Vorstellungen noch zusätzlich wichtig wäre.
In einem muss ich Ihnen widersprechen, und das ist der letzte Absatz bzw. die Motivation der Menschen, die an "heilpädagogischen" Einrichtungen arbeiten - jedenfalls denen, die ich kenne. Die sind nicht da wegen ihrem "Karma" oder weil sie irgendwie oder von jeher Teil einer "Sekte" waren, der sie zu PR-Erfolg verhelfen wollen, sondern, weil sie etwas mit Kindern machen wollten, weil ihnen das, und dieser konkrete Umgang und ihre Arbeit wichtig ist und war. Und das wissen Sie doch!
Ich habe - nebensächlich auch wg den Unterstellungen an "heilpädagogische" Waldorfeinrichtungen - selbst ein Praktikum an einer heilpädagogischen Schule gemacht und war sehr beeindruckt, wie offen und freundschaftlich es da gerade zwischen LehrerInnen/BetreuerInnen und den älteren Kindern/Jugendlichen zuging. Keine Spur von "Unterdrückung" oder religiösem Jugendsektenzwang.
Das widerlegt natürlich nicht die voll berechtigten Kritiken, aber es ist auch ein Teil der Realität bei den inkriminierten Einrichtungen.
Wiedermal bei Zander auf den Punkt gebracht: "Die Bewertungen der anthroposophischen Heilpädagogik sind ähnlich kontrovers wie diejenigen der Waldorfschule: Hohes Engagement und große Erfolge einerseits, Gettoisierung gegenüber der Forschung, weltanschauliche
Verabsolutierung und autoritäre Entmündigung der Behinderten andererseits lauten die gegensinnigen Voten." (Bd II, S. 1447). Dort auch interessant, dass in Arlesheim "entwicklungsbehinderte" Kinder scheinbar schon betreut wurden, bevor Steiner sich einschaltete. Mal wieder würde ich Steiners esoterisches Konzept hier eher als nachträglichen okkulten "Überbau" über existierende Vorstellungen und Praxis deuten.
Sehr geehrter Herr Martins,
Vielen Dank für Ihre Kritik.
"Gänzlich weggelassen haben Sie Steiners eigene praktische Erfahrung bei der Betreuung des "behinderten" Otto Specht. Hier scheint er doch gute Arbeit geleistet zu haben, wie auch der steinerkritische Richard Specht bestätigt hat. Das ist eine Facette die zur PRAXIS von Steiners Vorstellungen noch zusätzlich wichtig wäre."
Gewiss hätte noch manches mehr Erwähnung finden können und sollen, aber der Text hat ohnehin schon eine gehörige Überlänge. Steiner arbeitete während seiner Studienzeit nebenbei als Hauslehrer für die Kinder des Baumwollhändlers Ladislaus Specht. Zu dieser Zeit hatte er noch akademische Ambitionen und agierte selbstverständlich nicht als kosmischer Heilskünstler, sondern verdiente ganz einfach als Nachhilfelehrer Geld. Dass sich durch Rudolf Steiners Hauslehrertätigkeit nicht nur die Schulleistungen des kranken Kaufmannssohnes Otto Specht verbesserten, sondern es allein Steiner zu verdanken sei, dass sich sein Gesundheitszustand verbesserte und er schließlich das Gymnasium besuchen, studieren und Arzt werden konnte, gehört zu Rudolf Steiners nachträglicher Selbstverklärung. Er habe „gewissermaßen die Seele erst in den Körper“ des Jungen gebracht und mit seiner „Erziehungskunst“ ein wahres Wunder vollbracht. Höchstens insofern wäre diese „Facette“ für das hier verhandelte Thema relevant. Für die tatsächliche „anthroposophische“ Theorie und Praxis der Behindertenbetreuung ist Steiners studentischer Nebenerwerb nicht von Bedeutung.
[Fortsetzung im folgenden Kommentar]
[Fortsetzung des vorausgegangenen Kommentars]
"Die sind nicht da wegen ihrem "Karma" oder weil sie irgendwie oder von jeher Teil einer "Sekte" waren, der sie zu PR-Erfolg verhelfen wollen, sondern, weil sie etwas mit Kindern machen wollten, weil ihnen das, und dieser konkrete Umgang und ihre Arbeit wichtig ist und war. Und das wissen Sie doch!
Ich habe - nebensächlich auch wg den Unterstellungen an "heilpädagogische" Waldorfeinrichtungen - selbst ein Praktikum an einer heilpädagogischen Schule gemacht und war sehr beeindruckt, wie offen und freundschaftlich es da gerade zwischen LehrerInnen/BetreuerInnen und den älteren Kindern/Jugendlichen zuging. Keine Spur von "Unterdrückung" oder religiösem Jugendsektenzwang."
Das widerspricht weniger dem Artikel, sondern ist vielmehr Teil des Problems, nämlich des schönen Scheins, der zuweilen Menschen mit besten Absichten zu den Anthroposophen führt. Im Text wurde darauf hingewiesen, dass Mitarbeiter, die von Steiners Maßgaben abweichen früher oder später aus eigener Entscheidung oder auf Veranlassung des Arbeitgebers ausscheiden. Diejenigen, die dort dauerhaft beschäftigt sind und alle relevanten Entscheidungen treffen, sind überzeugte Anthroposophen, die entsprechend denken und handeln. Wir haben mehrfach aus dem Bericht von Katrin Taube über die anthroposophischen Dörfer zitiert. Taube beschreibt auch das Entsetzen der Mitarbeiter, die sich zunächst von den idyllischen Einrichtungen blenden ließen und dann nach und nach begriffen, worum es in diesen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften tatsächlich geht. Das gleiche Entsetzen schildern uns regelmäßig Eltern von behinderten Kindern, die teilweise schwer vernachlässigt und misshandelt wurden. Was sich hinter der freundlichen und honorigen Fassade versteckt, hätten sie niemals für möglich gehalten als sie sich für eine anthroposophische Einrichtung entschieden.
Das Ausmaß, wie offen und strikt Rudolf Steiners Vorstellungen umgesetzt werden, variiert. Die Möglichkeiten, die „Anthroposophie“ auszuleben, sind sehr unterschiedlich. Einer Schule, wie jener, in der Sie ihr Praktikum absolviert haben, sind diesbezüglich engere Grenzen gesetzt als einem Heim oder den anthroposophischen Dörfern. Die Annahme, es könnte in irgendeiner anthroposophischen Einrichtung etwas ganz anderes als Anthroposophie praktiziert werden, nur weil das Programm nicht sofort offensichtlich ist, geht aber an der Realität vorbei. Ein besonders „offenes und freundschaftliches“ Verhältnis zwischen Betreuern und Behinderten, wie auch zu deren Eltern, ist daher ausgeschlossen. Niemand, außer Anthroposophen, würde ein Kind den Steiner-Jüngern anvertrauen, wenn er offen darüber in Kenntnis gesetzt würde, worum es in der „anthroposophischen Heilpädagogik“ geht. Kein Behinderter wäre erfreut, wenn er wüsste, dass seine Helfer der Ansicht sind, er verbüße eine karmische Strafe, weil er in einem früheren Leben Schuld auf sich geladen habe.
Ihr Eindruck aus einem kurzen Praktikum an einer „heilpädagogischen“ Schule sollte Sie nicht zu der Annahme verleiten, dass alles halb so schlimm wäre. Bei dieser Gelegenheit sei auch noch einmal auf die Beschreibung eines Camphill-Dorfes von einem ehemaligen Mitarbeiter verwiesen, die Sie am Ende unseres Artikels „Kindesmisshandlung und Terror-PR“ finden.
http://rudolf-steiner.blogspot.com/2008/08/kindesmisshandlung-und-terror-pr.html
Dazu ferner ein Bericht über die „Camphill Schulgemeinschaft Bachenreuthe“ im „RatgeberNewsBlog“:
http://ratgebernewsblog.wordpress.com/2009/03/07/camphill-schulgemeinschaft-brachenreuthe-oder-anthroposophische-kindesmisshandlung/
Mit freundlichen Grüßen,
Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie
"Vorsicht Seelenpflege!" Teil 1
Als betroffene Mutter kenne ich die überwiegend miserablen Zustände in diesen Einrichtungen. Leider sind sie für Außenstehende gar nicht erkennbar. Mein Kind hätte ich als verantwortungsvolle Mutter nie solch einem anthroposophischen „Heilinstitut“ anvertraut, wenn ich das vorher alles gewusst hätte.
Meinem Kind wäre dadurch viel Kummer und Leid erspart geblieben! Im Nachhinein ist das für mich nicht nur ein großes Missverständnis, sondern eine bewusste Täuschung gewesen. Ich glaubte, mein Kind würde dort liebevolle Fürsorge und eine individuelle Förderung erhalten, aber das Gegenteil war der Fall.
Das heißt für den real gelebten Alltag behinderter Menschen, dass sie dort massiv fremdbestimmt werden und dass ihre individuellen Bedürfnisse und Vorlieben keine Beachtung finden. Das ist für mich ein untragbarer Zustand.
Behörden / Kostenträger haben scheinbar kein Interesse, die wahren Verhältnisse und Missstände aufzudecken. Warum???? Eine bessere Aufklärung über anthroposophische Einrichtungen ist dringend erforderlich.
Ich bin so froh, dass mein Kind nicht mehr in solch einem "Heim" ist. Es hat sich, nachdem ich es aus diesem Wahnsinn endlich wieder herausgeholt habe, sehr zu seinem Vorteil verändert, nicht mehr so eingeschüchtert wie vorher, sondern es ist selbständiger und fröhlicher geworden.
Deswegen: Nie wieder Seelenpflege für mein behindertes Kind!
"Vorsicht Seelenpflege!" Teil 2
Untragbare Zustände gibt es in anthroposophischen Behinderteneinrichtungen leider zur Genüge. Mir sind dabei diese Missstände besonders aufgefallen:
Eine individuelle Förderung, was z. B. bestimmte Therapien und auch lebenspraktische Dinge anbelangt, ist für die Kinder dort gar nicht vorgesehen. Sie bekommen mehr oder weniger die anthroposophischen Heilmaßnahmen übergestülpt (z. B. heiße Wickel zur "besseren Persönlichkeitsentfaltung"), ob das für das Kind passend ist oder nicht. (Aus der anthroposophischen Sicht ist das selbstverständlich alles richtig.) Das heißt für viele Kinder: Es gibt für sie keine angemessenen und dringend notwendigen Förderungsmaßnahmen. Als Eltern/Angehörige hat man dabei kein Mitspracherecht. Man wird über diese einzelnen Maßnahmen auch so gut wie gar nicht von den Betreuern informiert.
So bleibt vieles im Verborgenen. Elterngespräche sind störend im anthroposophisch gelebten Alltag und finden deshalb kaum statt. Da kann es passieren, dass Kinder im Hinblick auf eine für sie dringend notwendige Therapie (das gleiche gilt auch für die mangelhafte medizinische Versorgung der Kinder) wichtige Entwicklungsschritte verpassen, manchmal sogar mit einem daraus resultierenden gesundheitlichen Schaden. Aber die Anthroposophen sehen selbst in solchen Fällen keinen Handlungsbedarf. Fazit: So wie sie es für richtig halten, wird es gemacht.
Diese starre Einstellung zeigt sich natürlich auch in den übrigen Bereichen, wie z.B. beim Essen, da wird alles aufgegessen, was auf den Tisch kommt. Da gibt es kein Pardon und keine Extrawurst! Schließlich sind die "richtigen Mahlzeiten" im Sinne Steiners enorm wichtig für die geistige und seelische Entwicklung des Kindes. Spaß und Freude haben am Essen wird da vollkommen zur Nebensache! Vielen Kindern schmeckt dieses Naturkostessen mit den vielen verschiedenen Körnersorten auch gar nicht. Ganz egal, der Teller muss leer gemacht werden, auch wenn das lange dauert.
Der Steiner`sche Überbau ist allgegenwärtig im Alltag der behinderten Kinder: z. B. gibt es eine bestimmte Kleiderordnung nicht nur für sonntags (die sogenannte Sonntagskleidung - für die Opferfeier ganz wichtig - besteht aus weißer Bluse/Hemd, schwarzem Rock/Hose und schwarzen Schuhen). Auch die Freizeitbeschäftigung, Teilnahme an den Veranstaltungen der „anthroposophischen Christengemeinschaft“, Morgen- und Abendkreis, alles ist strengen Regeln unterworfen, die keine Toleranz kennen. Es geht hier nicht um die persönliche Entfaltung des einzelnen Kindes mit seinen bestimmten Vorlieben und Interessen, sondern das Gegenteil gilt:
Wer von den Kindern nicht das macht, was von ihnen im anthroposophischen Sinne verlangt wird, bekommt das mit einer unnachgiebigen Härte und Konsequenz zu spüren. Die anthroposophisch ausgebildeten Betreuer solcher Kinder haben grundsätzlich ein distanziertes, mit einer gewissen Gefühlskälte gepaartes Verhältnis ihnen gegenüber. (Bei den vielen Praktikanten, Zivis etc., die in diesen Einrichtungen tätig sind, mag das ganz anders sein.)
Die meisten Kinder können nicht verstehen, was in solchen Momenten des "Zurechtweisens" mit ihnen geschieht. Die Folgen davon sind nicht selten Apathie, Rückzug, Trotz und Aggression. Auch körperliche Reaktionen gibt es: u.a. erhöhte Infektanfälligkeit, Erbrechen, vermehrte Inkontinenz, Schlaflosigkeit oder ein allgemeines Unwohlsein. Das Fehlverhalten von Kindern wird von manchen heilpädagogischen Betreuern sogar mit Gewalt, wie Anschreien, Einschüchtern oder Schlagen bestraft. Das sind für solche Heime ganz "normale" Erziehungsmaßnahmen. Als Eltern/Angehörige erfährt man davon nur durch einen "dummen" Zufall. Für die Kinder ist das alles sehr, sehr traurig und belastend! Schade, dass diese Missstände so wenig von der Öffentlichkeit (Medien/Behörden) wahrgenommen werden! Ich frage mich, warum nur? Wo bleibt die geforderte "Kultur des Hinsehens"?
Ich bin sehr erschüttert über das, was Sie hier berichtet haben. Mein zwei Jahre älterer Bruder ist beindert und war in seiner Jugend (15.-19. Lebensjahr) in einer Heimsonderschule der Camphill-Bewegung untergebracht.
Jetzt ist er in einem staatlichen Heim. Meine Mutter hat zu mir im Rückblick gesagt, dass sie ihn nicht mehr in eine anthroposophische Einrichtung geben würde, sie macht sich selbst Vorwürfe.
Sie berichtete von einer mitunter kalten, lieblosen, ernsten, streng-asketischen Atmosphäre und dass der Umgang der Betreuer wenig herzlich war. Das war ihr subjektiver Eindruck, weswegen sie im Nachhinein es für keine gute Idee hielt, meinen Bruder dorthin zu geben. Auf der anderen Seite war es damals eine sehr schwere Zeit, bedingt durch die Scheidung meiner Eltern.
Ich weiß noch nicht, ob ich meine Mutter auf Ihre Seite aufmerksam machen werde, weil ich das Gefühl habe, dass sie sich wegen der Entscheidung, meinen Bruder in dieses Heim zu geben, schuldig fühlt.
Ich fühle mich jetzt nicht gut nach diesen Zeilen, sondern traurig und beklommen.
Das Buch von Katrin Taube ist leider vergriffen, sonst hätte ich es gerne gelesen.
Vielen Dank für Ihre Zuschrift.
Wir würden es sehr bedauern, wenn der Text entgegen unserem Bestreben Schuldgefühle und Beklommenheit hervorrufen oder verstärken würde. Eltern entscheiden sich in bester Absicht für eine anthroposophische Einrichtung, weil sie systematisch getäuscht werden. Das ist eine zentrale Aussage des Artikels und der vorausgegangenen Kommentare. Wir haben den Beitrag vor der Veröffentlichung auch mit Betroffenen besprochen, die uns versicherten, dass die geschilderten Sachverhalte einer solchen Reaktion gerade entgegenwirken. Das gleiche wurde uns über das Buch von Kathrin Taube bestätigt, das unseres Wissens noch erhältlich ist. Die Links unten führen das Buch auf.
Mit freundlichen Grüßen,
Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie
http://shop.strato.de/epages/15458842.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/15458842/Products/%22M%20117%22
http://www.denkladen.de/product_info.php/info/p513_Taube---Ertoetung-aller-Selbstheit-.html/XTCsid/dbb94efa4e3993cc17d2969f47896001
Hallo,
dem Betreiber dieses Blogspots möchte ich herzlich danken. Ein mehr als merkwürdiges Erlebnis hat mich heute morgen zu einer google-Recherche zum Thema Anthroposophie veranlasst. Vor ca. 1/2 Jahr bin ich mit einem Heilpädagogischen Heim in Kontakt getreten und kenne nun auch einigermaßen die anthroposophische Erziehungskunst in Krisengebieten im Ausland. Nach dem Durchlesen dieses Blogs wurde mir klar, dass ich umgehend einen Sektenbeauftragten kontaktieren werde. Das hier geschriebene stimmt genau. Anfangs dachte ich, es wäre alles nur "Gefühlsduselei" mit der Karmareinigung und den Lichtgestalten. Jetzt wurde ich aber wach, als ich die Abschottung bemerkte und die dogmatische Lebensweise im Heim. Aus dem Heim entwickelt sich derzeit ein kleines dörfliches Gefüge, Art vorindustrielles Zeitalter. Versperrt blieb mir der kritische Blick, weil staatliche Finanzen fließen. Dadurch ist natürlich die Seriosität erstmal gegeben.
Die Kinder sind wirklich nur Mittel zum Zweck, um eigenes "spirituelles Potential" der Erzieher ausleben zu können.
Ich bin vielleicht erschrocken, meine Gedanken hier in der Veröffentlichung lesen zu können!!!
Wem die aufgeführten Beispiele nicht genügen, kann auch gerne mal hier hereinschauen:
http://www.anthroposophie.net/
Im Forum interaktiv kann sich jeder selbst ein Bild machen, wie die Gehirnwäsche funktioniert. Ein normal denkender Mensch hält die Sanktionen, denen sich Anhänger unterwerfen für Schwachsinn.
Johannes Kiersch war vor über 40 Jahren mein Lehrer. Persönlich habe ich ihn als ausgesprochen angenehmen Menschen in Erinnerung, etwas, dass nur für wenige Lehrer meiner Waldorf-Schulzeit (1958 bis 1969) gilt. Aber das hat ja auch nichts mit dem Kern dieses Eintrags zu tun. Ich habe erst viel später, mit über 40, eine stringente Kritik an der Schule formulieren können. Auch das hat etwas mit dem System zu tun. Es ist ja immer die "Schuld" des Schülers, wenn er mit der Schule nicht zurechtkommt. Die Folgen dieser Eiseskälte, dieser mangelnden Offenheit und dieses Missbrauchs der eigenen Position unter Missachtung der Bedürfnisse des Schülers, ist ja etwas, das sich nur langsam aufbrechen lässt. Bei mir hat es über 20 Jahre gedauert. Und selbst heute, wiederum fast 20 Jahre später, meine ich manchmal noch, dass es doch meine Schuld sein muss, denn andere sind doch auch damit zurechtgekommen.
Aufklärung, wie sie hier in diesem Blog geschieht, ist unendlich wichtig.
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