Montag, 25. Mai 2009

Mehr Anthroposophie!

Abgeordnetenwatch und Hiltrud Breyer – im Hause und im Dienste Rudolf Steiners

Initiativen wie "Mehr Demokratie" und die Internetplattform "abgeordnetenwatch.de" gelten als vorbildliche Projekte für Partizipation, Bürgernähe und Transparenz. Die Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen im Europäischen Parlament, Hiltrud Breyer, präsentiert sich gern als mutige Streiterin gegen die Macht der "Pharma-Lobby". Engagierte Bürger und Volksvertreter wirken aufklärend zum Wohle der Allgemeinheit und gegen unlautere Einflussnahmen auf die Gesetzgebung. Das hört sich gut an.


"abgeordnetenwatch.de macht auch das Verhalten gewählter Volksvertreter transparent, indem es deren Abstimmungsverhalten und alle Fragen und Antworten von und an Abgeordnete öffentlich dokumentiert. (…) Gleichzeitig erhalten Abgeordnete -die sonst nur das Sprachrohr des Wahlkampfes haben- die Möglichkeit, über die online Plattformen direkten Kontakt zu einer breiteren Basis zu halten und neue Ideen zu verbreiten. Durch einen rigorosen Ethik-Codex und Moderatoren wird erreicht, die Neutralität der Plattform zu wahren und Missbrauch zu verhindern." (abgeordnetenwatch.de)

Stellen wir uns einen Moment vor, "abgeordnetenwatch.de" und die Schwesterinitiative "Mehr Demokratie" hätten ihren Sitz im Hause der Schering-AG und in Kuratorium und Vorstand der "basisdemokratischen" Organisationen, fiele die Präsenz einiger Pharma-Lobbyisten auf. Nehmen wir ferner an, allzu kritische Fragen bezüglich dieser Kooperation und ihrer Interessenvertretung durch Parlamentarier würden nicht veröffentlicht, sondern als unzulässig zurückgewiesen. Malen wir uns schließlich noch aus, die Zuschriften der Leser an das Kuratorium, das den Moderatoren-Codex gewährleisten soll, erhalten nicht die Kuratoren, sondern die Moderatoren im Hause der Schering-AG, die diese dann an ihre Kontrolleure weiterleiten, respektive das nach Gutdünken unterlassen. Diese fiktive Konstellation erscheint wohl jedem reichlich bizarr. Die Realität ist es nicht minder.

Täuschung statt Transparenz im Namen der Demokratie

Die miteinander kooperierenden und personell mehr als eng verflochtenen Initiativen "Abgeordnetenwatch", "Kandidatenwatch" und "Mehr Demokratie" residieren gemeinsam mit anderen Gruppierungen im Hamburger Rudolf-Steiner-Haus, dem "Veranstaltungshaus für Anthroposophie, Kunst und Kultur im Herzen der Stadt Hamburg". In ihren vermeintlichen Kontrollorganen sitzen bekannte und weniger bekannte Anthroposophen wie Daniel Schily und Claudine Nierth, um die Unabhängigkeit der Moderatoren in dem anthroposophischen Veranstaltungshaus zu beaufsichtigen.

[Nachtrag vom 6. Juni 2009: Daniel Schily ist kein Anthroposoph.]

Haben Nutzer von "abgeordnetenwatch.de" Zweifel an deren souveräner Frage-Filterung, können sie sich über eine Eingabemaske der Internetseite "abgeordnetenwatch.de" an die Kuratoren wenden, um den Sachverhalt überprüfen zu lassen. Allerdings landen die Fragen und Beschwerden allem Anschein zum Trotz wiederum im Hamburger Mittelweg 11-12, dem Rudolf-Steiner-Haus, bei den Moderatoren, anstatt bei den Kuratoren, wie die Absender glauben. (Abgeordnetenwatch-Kuratorium)

"die Mails an das Kuratorium laufen in unserem Büro (im Rudolf-Steiner-Haus, der Verf.) auf und werden an das Kuratorium weitergeleitet. Dieses meldet sich dann im Umlaufverfahren zurück, woraufhin unser Büro wieder Kontakt mit dem Fragesteller aufnimmt und diesem die Kuratoriumsentscheidung mitteilt." (Schreiben eines Moderators vom 10.02.2009)

Rudolf-Steiner-Haus Hamburg – Der Name ist Programm


Die nach außen hin besonders betonte Unabhängigkeit der Moderatoren und deren Prüfung durch ein autonomes Kuratorium sind reine Kulisse, hinter der das vermeintliche Kontrollverhältnis auf den Kopf gestellt wird. Der "rigorose Ethik-Codex" als Entscheidungsgrundlage der Moderatoren wird dabei durch einen willkürlichen Anthro-Codex ergänzt. Die veröffentlichten, vorgeblichen Maßstäbe sind recht übersichtlich. Sie beinhalten das, was für vergleichbare Foren wie etwa die der Tagesszeitungen im Internet allgemein üblich ist. (Offizieller Codex) Der Anthro-Codex erweist sich hingegen als sehr umfangreich und variabel. Er kommt dann zur Anwendung, wenn es in einer Frage an einen Abgeordneten um das Thema "Anthroposophie" geht und die Sensibilität und Kreativität der Moderatoren im Rudolf-Steiner-Haus kaum Grenzen kennt.


Eine Frage vom Januar 2009 an die EU-Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Hiltrud Breyer, die sich dazu bekennt, die anthroposophische "Aktion Eliant" zu unterstützen, leitete mit der Feststellung ein, dass diese


"das Ziel hat, den Einfluss der Anthroposophischen Gesellschaft und ihrer gewinnbringenden Unternehmen auf die Politik zu vergrößern." (Frage einer Nutzerin vom 19. 01.2009)

Nun ist das zwar kein Geheimnis, sondern das erklärte Ziel der "Aktion Eliant", aber bei "abgeordnetenwatch.de möchte man das so nicht ausgeschrieben sehen. Eine solche "Tatsachenbehauptung" müsse erstens durch Links belegt werden und diese wären zweitens zudem inhaltlich zu erläutern, teilte eine Moderatorin mit. (Schreiben vom 19.01.2009) Ein Kollege ergänzte ferner:


"Das Ziel den Einfluss zu vergrößern kann man wohl so stehen lassen. Ob man allerdings von gewinnbringenden Unternehmen reden muss, ist die andere Frage. Es ist da auch ein sehr kritischer Ton in diesem Satz drin, der eher was von Anprangern hat, als von einem sachlichen Dialog." (Schreiben vom 20.01.2009)

Die Kriterien einer Belegpflicht und einer affirmativen Ausdrucksweise ohne "kritischen Ton" finden sich nicht in dem "Ethik-Codex" und sie finden auch bei "abgeordnetenwatch.de" ansonsten keine Anwendung, wie ein Blick auf Fragen zu anderen Themen und Abgeordneten schnell zeigt. Die profitorientierte Pharmaindustrie kann dort selbstverständlich als solche bezeichnet werden. Von gewinnbringenden Heilmittelfirmen zu schreiben, geht aber zu weit. Eine mehrfache Änderung der Fragestellung entsprechend den unterschiedlichen und wechselnden Beweisanforderungen und literarischen Ansprüchen der Moderatoren half nichts. Acht Tage nach dem ersten Versuch eine Frage an die Abgeordnete Breyer zu stellen wurde schließlich das Kuratorium über die Eingabemaske auf "abgeordnetenwatch.de" angeschrieben und um Klärung gebeten:


"Sehr geehrte Damen und Herren,

das Kuratorium soll u.a. die Einhaltung des Moderatoren-Kodex
überwachen.

Ich hatte eine Anfrage an die EU-Abgeordnete Hitrud Breyer gestellt, bezüglich deren Unterstützung der anthroposophischen "Aktion Eliant". Frau Breyer hat diese Frage spät, kurz und ausweichend beantwortet. Daraufhin wollte ich eine Nachfrage an sie richten. Obwohl diese in keiner Weise dem Kodex von "Abgeordnetenwatch" widersprach, wurde die Veröffentlichung von den Moderatoren verweigert.

Man hat mir immer wieder neue Bedingungen gestellt, meine Fragestellung zu verändern, die ich nach und nach alle erfüllt habe. Ich sollte Aussagen mit Links belegen. Dann sollte ich die Links inhaltlich erläutern, schließlich einzelne Worte ändern, dann Inhalte löschen etc. etc. Hinzu kamen Begründungen wie, meine Sprache sei zu hart, "wie in Stein gemeißelt".

Es wurde immer offenkundiger, dass für meine Nachfrage Kriterien ersonnen wurden, die für andere nachweislich nicht gelten. Nachdem ich allen sichtlich fadenscheinigen Anforderungen nachgekommen war, wurde die Veröffentlichung dennoch abgelehnt, diesmal mit der Begründung, dass die eingefügten und erläuterten Links auf eine Seite verwiesen, die kein Impressum habe und es sicher "bessere Quellen" gäbe.

Nachfragen, ob die drei Moderatoren, Svenja Diefenbacher, Martin Burwitz und Lukas Fischer diese Entscheidungen selber getroffen oder nur übermittelt hätten und wer ggf. namentlich die Nicht-Veröffentlichung veranlasste, blieben ohne Antwort.

Im Bundesvorstand von "Mehr Demokratie" und im Kuratorium von "Abgeordnetenwatch" sind mehrere Anthroposophen vertreten. So ergibt sich der begründete Eindruck, dass "Abgeordnetenwatch" keineswegs unabhängig und neutral nach einem transparenten Kodex verfährt, sondern Lobbyarbeit mittels willkürlicher Entscheidungen betreibt, deren Hintergründe den Lesern und Spendern bewusst und vorsätzlich verschwiegen werden.

Ich bitte Sie diesbezüglich um eine Stellungnahme. Eingefügt habe ich unten die letzte Version meiner Nachfrage an Frau Hiltrud Breyer, die ich der Abgeordneten inzwischen auch über das Gästebuch ihrer Homepage zugestellt habe, mit Verweis darauf, dass "Abgeordnetenwatch" zu einer Veröffentlichung nicht bereit ist. Gerne übersende ich Ihnen auch den kompletten Schriftwechsel mit den Moderatoren, wenn Sie mir eine Mail-Adresse mitteilen.

Mit freundlichen Grüßen" (Schreiben vom 27.01.2009)


Dass Seiten, auf die begründet verlinkt wird, zudem ein Impressum aufweisen müssen, brachten die Moderatoren schließlich vor, weil die Fragestellerin die Frechheit besessen hatte, auf die Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie zu verlinken. Welche "besseren Quellen" den Moderatoren recht gewesen wären, haben sie leider nicht mitgeteilt (die gesamte Korrespondenz liegt uns vor). Die gewünschte Stellungnahme des Kuratoriums ließ zunächst auf sich warten. Das lag daran, dass die Kuratoren das Schreiben gar nicht erhalten hatten. Knapp drei Wochen später wurden einzelne Kuratoren direkt per e-mail angeschrieben und die Anfrage auf diesem Weg erneut gestellt. Tags darauf meldeten sich die Moderatoren aus dem Rudolf-Steiner-Haus mit der kurzen Information, dass die Mitteilung vom 27. Januar nun (am 9. Februar) den Kuratoren zugestellt worden wäre. Auf Nachfrage, warum das erst mit dieser Verspätung erfolgt sei, erklärten die Moderatoren:


"Der Grund ist ein Host- und Mailserverumzug vergangene Woche" (Schreiben vom 10.02.2009)

Erstaunlicherweise führte dieser "Umzug" zu keinerlei Beeinträchtigungen, auch nicht des Mailversands, außer der, dass besagte Anfrage nicht weitergeleitet werden konnte. Das war erst nach drei Wochen möglich, zufällig genau einen Tag nachdem Kuratoren persönlich informiert wurden. Moderatoren und Kuratoren antworteten schließlich aber in vollendeter Einhelligkeit: Ihr Zusammenspiel führe die vorgegaukelte Kontrollfunktion nicht ad absurdum. Von einer Beeinträchtigung der Neutralität durch die Präsenz von Anthroposophen im Kuratorium oder den im Hamburger Rudolf-Steiner-Haus tätigen Moderatoren könne keine Rede sein. Auch in dem Fall der Anfrage an Frau Breyer sei alles korrekt verlaufen. (u.a. Schreiben vom 18.02.2009) Das einzige was falsch war, war die Frage.


Bündnis 90/Die Anthros


Dieser Meinung ist auch Hiltrud Breyer, an die sich die Frage richtete und die diese auch auf anderem Wege erhalten hat. Breyer bekennt sich allerdings offen dazu, aktive Lobbyistin der Anthroposophen zu sein.


EU-Abgeordnete Hiltrud Breyer – kennt keine Skrupel


Bei "abgeordnetenwatch.de" verkündete die Diplompolitologin der Bündnisgrünen:


"Wenn Sie sich für alternative Heilmethoden einsetzen möchten, können Sie an einer Unterschriftenaktion der Europäischen Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie (ELIANT) teilnehmen und für die rechtliche Sicherung von Initiativen angewandter Anthroposophie eintreten. Auf meiner Webseite www.hiltrud-breyer.eu finden Sie in der Rubrik "Aktiv Werden" den Link zur Aktion." (abgeordnetenwatch.de,10.07.2008)

"Meinen Informationen nach sind für die Aktion ELIANT anthroposophische Arzneimittelhersteller, Heilpädagogen, Waldorfpädagogen, Patientenorganisationen, Verbraucher biologisch-dynamischer Produkte und Ärzte sowie Demeter International zusammengeschlossen, die ihre Lobby in Brüssel besser koordinieren wollen. Dies finde ich an sich unterstützenswert. Ich sehe in meiner Arbeit immer wieder, welchen schweren Standpunkt alternative und komplementäre Medizin gegenüber der geballten Pharmalobby in Brüssel hat.
Mir geht es einzig und allein um Zukunftsmöglichkeiten für Patienten zu den von ihnen gewünschten Arzneimitteln und Behandlungsformen." (ebd., 15.01.2009)


Auf Ihrer eigenen Internetseite wird der Aufruf zur Unterzeichnung der "Aktion Eliant" veröffentlicht, kritische Fragen dazu in Ihrem Forum schaltet Frau Breyer jedoch ebenso wie abgeordnetenwatch.de nicht frei. "Volksverbundenheit" und "Transparenz" verstehen diese Demokraten auf eine recht eigentümliche Weise. Immerhin durfte nun Frau Breyer noch einmal befragt werden, ohne irgendwelche "Tatsachenbehauptungen", die im Rudolf-Steiner-Haus als "unsachlich" gelten:


"Sehr geehrte Frau Breyer,

vielen Dank für Ihre Antwort.

Sie schreiben, dass Sie die Anthroposophen-Lobby unterstützen, um so gegen die Pharma-Lobby zu wirken. Dies geschehe zum Wohle der Patienten.

Verstehe ich Sie richtig, dass Sie eine Tätigkeit von Politikern als Lobbyisten für pharmazeutische Unternehmen als verwerflich betrachten, Ihre eigene Lobby-Arbeit für die organisierte Anthroposophie und deren "Heilmittel" hingegen für absolut integer halten?

Um weitere Missverständnisse zu vermeiden: Ich frage nicht nach Ihrer Haltung gegenüber der Pharma-Lobby, sondern nach Ihrer Überzeugung bezüglich der Anthroposophen-Lobby.

Mir ist immer noch nicht klar, ob Sie die Anthroposophen durch Ihre Unterstützung der "Aktion Eliant" fördern, weil Sie sich mit deren besonderer Art von "Medizin" / "Heilkunst" beschäftigt haben oder weil Sie das nicht getan haben?

Mich würde auch interessieren, inwieweit Sie diesbezüglich in Übereinstimmung mit Ihrer Partei agieren?

Mit freundlichen Grüßen" (Frage vom 29.04.2009)

Wir wissen nicht, ob, wann und was Frau Breyer hierzu äußern wird. Allerdings ist das auch nicht so wichtig, da Frau Breyer ein sehr anthroposophisches Verhältnis zur Wahrheit und zur freien Presse pflegt. Während sie auf Fragen nach ihren Spesenabrechnungen bei "abgeordnetenwatch" ausweichend antwortete, versuchte Sie mit allen Mitteln einen Fernsehbericht aus dem Internet zu klagen, der sie in flagranti erwischte. (YouTube) Zudem hat Frau Breyer ihr Verhältnis zu der anthroposophischen Sekte (Anthroposophie und Sektenbegriff) bereits hinlänglich offenbart. Die Berichte der Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie über die "Heilkünste" der Anhänger Rudolf Steiners (Gemeingefährlich statt gemeinnützig, Kindesmisshandlung und Terror-PR) sind Frau Breyer laut eigener Aussage bekannt. Sie findet es bedauerlich, dass "direkte Zitate Rudolf Steiners" dazu genutzt würden, "die Anthroposophie unter Generalverdacht zu stellen". (Schreiben vom 03.04.2009) Und darin sieht sie sich mit ihrer Partei auf nationaler und europäischer Ebene vollkommen im Einklang, wie ihr Büro mitteilte:


"vielen Dank für Ihre Nachricht. Frau Breyer ist Mitglied im EP Gesundheitsausschuss und unterstützt die Anthroposophie. Sie kann sich nicht vorstellen, dass jemand aus der Fraktion Die Grünen/EFA im Europäischen Parlament gegen die Aktion Eliant ist." (Schreiben vom 17.07.2008)

Sonntag, 10. Mai 2009

Der Anthroprosator - Lorenzo Ravagli

Schild und Schwert der "Anthroposophie"

 

Anthroposophen (Zum Geleit) nutzen eine sehr eigentümliche Sprache. In ihr haben geläufige Worte eine vom allgemeinen Verständnis stark abweichende Bedeutung. Begriffe wie Demokratie, Individuum oder Pädagogik besagen im anthroposophischen Sprachgebrauch beispielsweise in etwa das Gegenteil von dem, was landläufig darunter verstanden wird. Die Vokabel "Geisteswissenschaft" vereinigt die Wörter Geist und Wissenschaft. Anders jedoch als in diesem Kontext üblich, verstehen die Anthroposophen "Geist" tatsächlich als eine Art Synonym für Gespenst, und "Wissenschaft" meint nichts anderes als Esoterik (Geheimlehre). Die anthroposophische "Geisteswissenschaft" heißt also in der deutschen Sprache soviel wie Gespenster-Geheimlehre.

 

Das hört sich zweifellos vollkommen absurd an, und das ist auch den Anthroposophen klar. Wer außer ihnen würde schon seine Kinder zu einer Waldorf/Rudolf-Steiner-Schule schicken, die sich offen dazu bekennt, Erziehungsorgan einer Gespenster-Geheimlehre zu sein? Deshalb reagieren Anthroposophen äußerst gereizt darauf, wenn das, was sie praktizieren, klar beschrieben und benannt wird. Aggressivitätsfördernd wirkt dabei noch zusätzlich, dass Anthroposophen nicht nur an ihre "Geistige Welt" glauben, sondern restlos davon überzeugt sind, nur ihre "Einsichten" in die verborgenen Mächte des Bösen könne die Menschheit erlösen. Das rechtfertigt aus ihrer Sicht ein rigoroses Vorgehen gegen alle "Widersacherkräfte". Wie das in der Praxis aussieht, veranschaulicht das Beispiel Lorenzo Ravagli.

 

Lorenzo Ravagli – wähnt sich in einer satanischen Epoche

(Foto: Verlag Freies Geistesleben)

 

Anthroposophie als Beruf(ung)

 

Lorenzo Ravagli hat nichts wirklich gelernt. Laut offizieller Vita hat er in Dornach Schauspiel und in Basel Philosophie studiert. Letzteres ist nicht ausgeschlossen, der Umfang aber fraglich und ein Abschluss nicht vorhanden. Was sein "Studium" in Dornach anbelangt: In dem kleinen Ort unweit von Basel gibt es keine Universität, an der jemand studieren könnte. Gemeint ist hier vielmehr ein Aufenthalt Ravaglis am "Goetheanum", dem Sitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG) und ihrer sogenannten "Freien Hochschule für Geisteswissenschaft". Was "Geisteswissenschaft" in der Anthroposophen-Prosa bedeutet, wurde bereits gesagt. "Freie Hochschule" heißt hier: Zugelassen sind zuverlässige Anthroposophen, die "fortgebildet" werden in Anthroposophie. Niemand sonst wird aufgenommen und nichts anderes wird unterrichtet. "Frei" ist diese vermeintliche "Hochschule" wie auch die "Freien Waldorfschulen" ausschließlich in ihrer Rechtsform, der "freien", d.h. nicht-öffentlichen, privaten Trägerschaft. Auch Ravaglis Berufsbezeichnung "Feier Publizist" ist alles andere als zutreffend. Als Autor lebt er ausschließlich von den Aufträgen und den Publikationsorganen des anthroposophischen Netzwerkes, wie der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, deren Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung und dem Bund der Freien Waldorfschulen. Für dessen "pädagogische" Zeitschrift "Erziehungskunst" arbeitet Ravagli ferner als "Redakteur", nachdem er 12 Jahre als Waldorflehrer tätig war, alles ohne fachliche Ausbildung, versteht sich.

 

Bereits für den Sektengründer (Anthroposophie und Sektenbegriff) Rudolf Steiner (1861-1925) war eine akademische Ausbildung ein "materialistisch-intellektualistischer" Hemmschuh. Entscheidend sei vielmehr die "Gesinnung", die anthroposophische Weltanschauung, oder kurz, der Glaube an Rudolf Steiners Selbststilisierung zum Hellseher. Auch und gerade in Bereichen, in denen der Gesetzgeber eine akademische Ausbildung zwingend vorschreibt, wie für den Lehrer- oder Arztberuf, bestand Qualifikation für Steiner darin, seinen "Schauungen" zu folgen. (Gemeingefährlich statt gemeinnützig) So weit es ihnen möglich ist, handeln Anthroposophen konsequent unverändert nach dieser Auffassung. Lorenzo Ravagli hat sich für seine "Bewegung" allein dadurch ausgezeichnet, ein bedingungsloser Vollstrecker der "Anthroposophie" zu sein, der rigoros nach dem Motto handelt: Der Zweck heiligt die Mittel.

 

Besonders dankbar waren die AAG und der Bund der Freien Waldorfschulen, für Ravaglis Handreichungen bezüglich der rassistisch gesättigten Evolutionsphantasien Rudolf Steiners und dessen herausragend schäbigen Ausfällen über "degenerierte" und folgerichtig "absterbende" Bevölkerungsgruppen. Der Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern wird so zu deren verdientem Schicksal. Die anthroposophischen Verbände verbreiteten nach Kräften Ravaglis Prosa. Jeder Anthroposoph sollte sich ein Beispiel daran nehmen, wie es Ravagli gelungen war, den schwarz auf weiß für jeden nachzulesenden Rassenwahn nicht nur mit grobschlächtigen Parolen zu bestreiten, sondern zum extraordinären Humanismus umzudeuten, wie es Jana Husmann-Kastein gegenüber dem "Stern" formulierte. (Der Stern, 16.11.2007) Lorenzo Ravagli und sein Kollege Hans-Jürgen Bader schafften es sogar, ein "entlastendes" Zitat Rudolf Steiners zu präsentieren, das nicht nur ihre Buchtitel zierte, sondern zum Renner der anthroposophischen Apologetik wurde. Allerdings hatten sie diese Passage nicht in Steiners Werk gefunden, sondern selber erfunden. (Falsche Propheten) Kurz nachdem das publik wurde, schloss die Rudolf Steiner Nachlassverwaltung ihre Online-Volltextsuche der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe (GA), die zum Ärger der Anthroposophen auch dazu dienen konnte, derlei Fälschungen schnell und eindeutig nachzuweisen. (Der dritte Mann)

 

Korrekte Zitate sind Ravagli hingegen ein Dorn im Auge. Das gilt sowohl für Rudolf Steiners Hinterlassenschaft als auch für seine eigenen Worte. Geht es um das gemeinsam von Ravagli und dem ehemaligen Waldorflehrer und NPD-Politiker Andreas Molau (heute DVU) verfasste Buch "Falsche Propheten", hält Ravagli einwandfreies Zitieren für rechtlich unzulässig. So beauftragte er jüngst den Anwalt Michael Hubertus von Sprenger von der Münchener Kanzlei "Von Sprenger-Von Lavergne-Schoeller" damit, Unterlassungserklärungen an Andreas Lichte und Patrick Gensing von NPD-Blog.Info zu versenden. Dort war ein Interview mit Andreas Molau, dem Ko-Autoren Ravaglis erschienen, das gar nicht in das derzeitige Konzept der Anthroposophen passte. Ravaglis Anwalt forderte allen Ernstes, es grundsätzlich zu unterlassen, aus dem gemeinsamen Buch von Molau und Ravagli, das aus einem Briefwechsel der beiden Verfasser besteht,

 

"selbst oder in Form von Interviews wörtlich oder sinngemäß zu zitieren". (Schreiben von Lavergne i.A. von Sprengers vom 11.03.2009)

Zwar ist diese Forderung, die von der Anwaltskanzlei zunächst mit dem Urheberrecht, dann ersatzweise doch lieber mit dem Persönlichkeitsrecht ihres Mandanten begründet wurde, äußerst abwegig, aufgrund der Drohung, sämtliche Gerichtsinstanzen nutzen zu wollen, um die Kosten in die Höhe zu treiben, entschlossen sich Interviewer und Blogbetreiber jedoch zu einem Vergleich. Der Artikel erscheint nun ohne die wörtlichen Zitate Ravaglis. (NPD und Waldorfschule) Zufrieden dürfte der anthroposophische Großsprecher damit aber wohl kaum sein. Schließlich ging es ihm nicht nur darum, seine Vorstellungen von die Weltgeschichte bestimmenden "ahrimanisch-luzifernischen Mächten", den aus anthroposophischer Sicht veritablen "Geistern der Finsternis" auf der einen und den "Erzengeln" und "Menschheitsführern" auf der anderen Seite, nicht länger öffentlich ausgebreitet zu sehen, sondern vor allem darum, das gesamte Buchprojekt mit dem Herrn von Rechtsaußen vergessen zu machen.

 

Dafür gibt es freilich gute Gründe. Bemühen sich doch die Strategen der organisierten Anthroposophie darum, öffentlich als honorige Philanthropen zu erscheinen, die mit antidemokratischen und rassistischen Positionen rein gar nichts zu tun hätten. Hinzu kam dann auch noch die neue Aufgabe des Anthroprosators. Nachdem Ravagli sich große Verdienste erworben hatte, den für jeden offenkundigen Rassismus Rudolf Steiners zumindest für Anthroposophen zum Vorbild wahrhaft ethischer Gesinnung zu stilisieren, sollte er nun das wissenschaftliche Werk des Historikers Helmut Zander (Anthroposophie in Deutschland) als inakzeptable Steiner-Lästerung entlarven, die mit bewussten Fälschungen Bestandteil einer "verdeckten Agenda" gegen die "Anthroposophie" sei. Angekündigt wurde die aktuelle Prosakunst Ravaglis bereits frühzeitig von dessen Mitstreiter Andreas Neider von der deutschen AAG. (Gefährliche Wissenschaften) Aber diesmal musste Ravagli noch mehr bieten als zuvor. Seine "Entgegnung" auf Zanders Habilitationsschrift sollte nämlich nicht wie gewohnt von einem anthroposophischen Verlag kolportiert, sondern als "wissenschaftliche" Richtigstellung dargeboten werden.

 

"Hermeneutiker" der "Geistigen Welt"

 

Ravagli, der sich zwar mit Andreas Molau angeregt zu unterhalten wusste, Wissenschaftler und Journalisten hingegen hasst wie die Pest, stand vor der Herausforderung, möglichst überzeugend in die Rolle seiner schlimmsten Feinde zu schlüpfen und einen Text zu verfassen, der von einem nicht-anthroposophischen Verlag veröffentlicht werden könnte, ein Novum, für das sich nun tatsächlich der Berliner Wissenschafts-Verlag hergegeben hat. Seriosität stand auf dem Programm und in das passte der Gedankenaustausch mit Molau nicht gut hinein, so dass die Kanzlei "Von Sprenger-Von Lavergne-Schoeller" unterstützend mitwirken musste, um das angestrebte neue Image sauber zu putzen.

 

Für weiteren Glanz sorgte Walter Kugler, der das Vorwort und damit den Klappen- und Werbetext für Ravaglis aktuelles Elaborat beisteuerte. Kugler, als Leiter des Dornacher Rudolf-Steiner-Archivs maßgeblich an der Herausgabe der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe beteiligt, unterzeichnet neuerdings als "Prof. Dr. Walter Kugler, Oxford". Das macht Eindruck. Kugler ist allerdings keineswegs Professor der berühmten University of Oxford, sondern der Oxford Brookes University. Wofür genau er Professor ist, darüber gehen die Bezeichnungen noch etwas auseinander. Mal ist er zuständig für "social sculpture" (Oxford Brookes) oder für "fine art" (anthromedia) und fächerübergreifend auch für "creative stategies" (Rudolf-Steiner-Archiv), was wohl am ehesten passt. Fest steht immerhin, dass Kugler sich seinen Professorentitel nicht mühsam erforschen und erschreiben musste. Er bekam ihn "gespendet" von der niederländischen "Iona-Stichting", einer Partnerorganisation der deutschen "Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners", die auf vielfache Weise das anthroposophische Netzwerk in Europa unterstützt, u.a. das Goetheanum und die GLS-Bank. Das vermeintliche Renommee "Professor Kuglers aus Oxford" ist nichts weiter als eine potemkinsche Kulisse anthroposophischer Provenienz.

 

Das Vorwort des "Prof. Walter Kugler" beinhaltet nicht mehr und nicht weniger als eine Aneinanderreihung irrsinniger Sottisen gegen Helmut Zander. Jedem Lektor hätte auch ohne größere Vertrautheit mit dem Thema auffallen müssen, dass sich hier kein achtbarer Wissenschaftler, sondern ein bockbeiniger Esoteriker zu Wort meldete. Helmut Zander "geriere" sich in seiner Habilitationsschrift lediglich wissenschaftlich, verkündet Kugler, der Rudolf Steiners antisemitische Phrasen für berechtigte "judenkritische" Darlegungen hält. (Rudolf Steiners Verlag) Lorenzo Ravagli liefere dagegen nun eine "eingehende Studie", in der er seinen "Anspruch an wissenschaftliche Redlichkeit" zum Ausdruck bringe. Diese wird Helmut Zander selbstredend abgesprochen. Der würde die "Quellen" teils aus Unvermögen, teils aus Vorsatz verfälschen, weigere sich (auf knapp 2000 Seiten) Rudolf Steiner "ernsthaft einem wissenschaftlichen Diskurs zu unterziehen" und vernachlässige die wegweisenden "Forschungen" der "großen Okkultisten aller vorangehenden Epochen". (Ravagli, Lorenzo: Zanders Erzählungen. Eine kritische Analyse des Werkes "Anthroposophie in Deutschland", Berlin 2009, Vorwort Walter Kugler, S. 11-15)

 

Nun hat Lorenzo Ravagli aber keinerlei eigene Forschungen vorzuweisen. In seiner Hilflosigkeit, empirischer Wissenschaft irgendetwas entgegensetzen zu sollen und zu wollen, fuchtelt Ravagli wahllos mit Begriffen wie "Dekonstruktivismus", "Positivismus" und "Hermeneutik", die er zu einer Art kategorischen Imperativ für den anthroposophischen Hausgebrauch zusammenfasst, wenn er den Helmut Zander bescheinigten "Tatsachenpositivismus" dadurch "dekonstruieren" will, dass er eine "Hermeneutik" praktiziere, die der Prämisse folge:

 

"Nicht Fakten und Ereignisse sind der eigentliche Inhalt der Geschichte, durch den sie für uns Bedeutung erlangt, sondern die Bedeutung, die sie in unserer verstehenden Auslegung und Aneignung für uns gewinnt. (ebd., S. 22)

Für die Handhabung von Lorenzo Ravagli und seines Kompagnons Hans-Jürgen Bader, der in diesem Fall Korrektur las, lässt sich das durchaus schnörkelloser formulieren, mit dem bekannten Handwerkerprinzip: Was nicht passt, wird passend gemacht. Ravaglis spezielle "Hermeneutik" besteht ganz einfach darin, die Selbststilisierung Rudolf Steiners zum kosmischen Hellseher für bare Münze zu nehmen, den Hochstapler als Heiligen zu verehren und alles, was nicht in dieses "spirituelle" Bild passt, als unqualifizierten und bösartigen Angriff auf die Anthroposophie zu verdammen. Dabei wird in paranoider Ekstase die Zurückhaltung und das mehr als weitreichende Entgegenkommen Helmut Zanders in öffentlichen Interviews (Anthroposophie ist toll) als besonders perfide Strategie, als Tarnung einer "verdeckten Agenda" (Ravagli: Zanders Erzählungen, a.a.O., S. 11 ) "interpretiert", in der Zander als Werkzeug des "Ahrimans", den "Mächten der Finsternis" zu Diensten sei, wovor schon frühzeitig das Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Sergej Prokofieff, die Anhängerschaft gewarnt hatte. (Gefährliche Wissenschaften)

 

Als Begründung führt Ravagli einen früheren Aufsatz von Helmut Zander an, in dem er ein Gutachten des Nationalsozialisten Alfred Bäumler erwähnt, das eine "wesentliche Übereinstimmung" von nationalsozialistischen und anthroposophischen Menschheitsvorstellungen konstatiere. Der Nationalsozialist habe jedoch, so Ravagli, das genaue Gegenteil formuliert, nämlich, dass die Rassenvorstellungen der nationalsozialistischen und der anthroposophischen "Bewegung" keineswegs identisch, sondern unvereinbar seien. (Ravagli: Zanders Erzählungen, a.a.O., S. 10 f.) Tatsächlich hatte Bäumler 1937 ein Gutachten über eine Dresdner Waldorfschule, stellvertretend für die gesamte Schulform verfasst. Darin machte er einerseits Unterschiede hinsichtlich menschlicher "Rassen" sowie eines "priesterlichen" und eines "soldatischen" Lehrertypus geltend.

 

"Gleichzeitig sprach er aber dem Lehrplan in methodischer und künstlerischer Hinsicht, besonders der Eurythmie, Anerkennung aus. Bäumler klagte sodann, dass mit den neuen Fächern wie Vorgeschichte und Rassenkunde im Grunde der Intellektualismus der Aufklärungsepoche nicht überwunden wurde und das Schulsystem immer noch das alte sei. Unter diesem Gesichtspunkt käme dem Lehrplan und der Praxis der Waldorfschulen eine hohe Bedeutung zu:

In methodischer Hinsicht müssen wir in dem Steinerschen Lehrplan das erste durchgebildete, nicht-intellektualistische Unterrichtssystem anerkennen (…) Mit Rücksicht auf die großen Vorzüge der Waldorfpädagogik ist zu erwägen, ob es möglich wäre, staatliche Versuchsschulen unter Zugrundelegung eines modifizierten Waldorf-Lehrplans aufzubauen."

(Werner, Uwe: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), München 1999, S. 220 f.)

Besonders erboste Ravagli, die AAG-Führung und deren Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung, dass Helmut Zander seinen Aufsatz der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) zugesandt hatte, die 2007 ein Indizierungsverfahren gegen zwei Bände der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe durchführte. (Anthroposophischer Journalismus) Passte doch dessen Inhalt nicht zu der ebenso umfangreichen wie aberwitzigen Stellungnahme, die von den anthroposophischen "Hermeneutikern" der Behörde als einzig wahre Wahrheit vorgelegt wurde. (Die Reihen fast geschlossen) Die BPjM sah die Tatbestände "Rassen diskriminierend" und "zum Rassenhass anreizend" erfüllt, verzichtete aber schließlich auf eine Indizierung der Bände, unter der Auflage und dem Versprechen des Rudolf-Steiner-Verlags, bis zur Fertigstellung einer kritisch kommentierten Neuauflage die vorhanden Exemplare mit einer eingelegten Erklärung zu versehen. Daraus wurde jedoch nichts. Ohne sanktionsfähige Fristsetzung fühlten sich die Anthroposophen nicht an ihr Versprechen gebunden und Walter Kuglers Kollege Jonathan Stauffer, Leiter des Rudolf-Steiner-Verlags, erklärte der Basellandschaftlichen Zeitung gut ein Jahr später nonchalant:

 

"Wir haben gar keine kommentierenden Zettel hergestellt, weil sie aus dem Buch herausfallen könnten." (Baselland. Zeitung, 02.12.2008, vgl. HPD)

Rassismus und Exorzismus

 

Sein neues Buch richte sich wie Zanders Forschungsarbeit an eine akademische Leserschaft. Die möchte Ravagli von den wissenschaftlichen "Holzwegen" auf den rechten Pfad der anthroposophischen Anschauung bringen. (Ravagli: Zanders Erzählungen, a.a.O., S.17) Von vornherein beschränkt sich der Anthroposoph darauf, nur den ersten der beiden Teilbände von Zanders "Anthroposophie in Deutschland", zu thematisieren. Er ist sich sicher, dadurch das wissenschaftliche "Zerrbild", das "Sammelsurium von Irrtümern, Unterstellungen, Fehlinterpretationen und Willkürannahmen", ohne jede "Polemik" entlarvt zu haben. Seine "Metakritik" würde Werk und Autor gleichermaßen "disqualifizieren". (ebd., S. 18, 255) Gewiss, so verbreiten es die anthroposophischen Multiplikatoren im Internet und so wird es die Gefolgschaft der "Bewegung" ihren "Medienschaffenden" wie immer abnehmen. Außerhalb dieser Parallelgesellschaft wird die Prosa-, Interpretations- und Zitier-Kunst, die Ravagli nun auf 440 Seiten ausbreitete, zweifellos keine Resonanz finden.

 

Allein das vermeintliche "Zitat" Rudolf Steiners, das jahrelang von jedem Anthroposophen nachgesprochen wurde, präsentiert Ravagli in seinem neuen Buch nicht noch einmal. (Falsche Propheten) und das ist auch das einzige, was neu ist. Ansonsten bleibt er dabei, sich ohne jede Einschränkung auch zu Steiners Rassismus zu bekennen, was natürlich ebenso für "Prof. Kugler" und die AAG-Führung gilt. Es gebe in Steiners Werk keine Rassentheorie, auch keinerlei einzelne Entgleisungen oder einen Eurozentrismus, so der "Hermeneutiker" Ravagli. (ebd., S. 287 ff.)

 

"Es ist weiterhin unzutreffend, wenn Zander behauptet, die Völker seien für Steiner »Substrukturen der Rassen«. Nach Steiners Verständnis müsste man vielmehr von »Hyperstrukturen« sprechen. Völker sind nach Steiners Definition in GA 121 Gruppen von Menschen, in deren Ätherleib ein und derselbe Erzengel wirkt. »Rasseneigenschaften« sind auf das Wirken von »zurückgebliebenen« Geistern der Form im physischen Leib des Menschen zurückzuführen. Während die Völkererzengel mit der seelischen Differenzierung der Menschheit in der nachatlantischen Zeit verbunden sind und auf die Christuswesenheit als ihren »Lehrmeister« hinblicken, was dazu führt, dass es keine »wirklichen Gegensätze« zwischen Völkern geben kann, wenn sich deren Angehörige mit den Inspirationen der jeweiligen Erzengel verbinden, wirken die »zurückgebliebenen« Geister der Form der von Christus angestrebten Verbrüderung der Menschheit antagonistisch entgegen." (ebd., S. 286)

Bei Steiner hört sich das, um nur zwei Beispiele von vielen zu nennen, die selbstverständlich auch Ravagli bekannt sind, hingegen so an:

 

"Die schreckliche Kulturbrutalität der Verpflanzung der schwarzen Menschen nach Europa, ist eine furchtbare Tat, die der Franzose an anderen tut. Sie wirkt in noch schlimmerer Weise auf Frankreich zurück. Auf das Blut, auf die Rasse wirkt das unglaublich stark zurück. Das wird wesentlich die französische Dekadenz fördern. Das französische Volk wird als Rasse wieder zurückgebracht." (Rudolf Steiner, GA 300, Bd.2, S. 282)

"Neulich bin ich in Basel in eine Buchhandlung gekommen, da fand ich das neueste Programm dessen, was gedruckt wird: ein Negerroman, wie überhaupt jetzt Neger allmählich in die Zivilisation von Europa hineinkommen! Es werden überall Negertänze aufgeführt, Negertänze gehüpft. Aber wir haben ja sogar schon diesen Negerroman. Er ist urlangweilig, greulich langweilig, aber die Leute verschlingen ihn. Ja, ich bin meinerseits davon überzeugt, wenn wir noch eine Anzahl Negerromane kriegen und geben diese den schwangeren Frauen zu lesen, in der ersten Zeit der Schwangerschaft namentlich, wo sie heute ja gerade solche Gelüste manchmal entwickeln können - wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, da braucht gar nicht dafür gesorgt werden, dass Neger nach Europa kommen, damit Mulatten entstehen; da entsteht durch rein geistigs Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben, die mulattenähnlich aussehen werden." (Rudolf Steiner, GA 348, S. 189)

Das einzige, was Ravagli der Forschungsarbeit Helmut Zanders hier wie in seinem gesamten Buch entgegenzuhalten vermag, ist die brachiale Leugnung und Umkehr schlichter Fakten nebst des Vorwurfs, der Historiker habe nicht wie die Anthroposophen die Wahnwelt ("Geistige Welt") des Psychopaten Rudolf Steiner als wahre Erleuchtung akzeptiert und der Realität unverzüglich und uneingeschränkt abgeschworen. Eine Historisierung und Kontextualisierung Rudolf Steiners und seiner "Anthroposophie" wird als Frevel angesehen, der nicht nur bei Ravagli, sondern dem gesamten Sekten-Kollektiv zu wutschnaubender Empörung führt. Schließlich gilt für Steiners Jünger:

 

"Wer sein Erkenntnisvermögen zur Wahrnehmung des Wesens, des ewigen Ursprungs des zeitlich vergänglichen erhebt, ist in seiner Geschichtserkenntnis nicht auf vergängliche Zeugnisse angewiesen. Dieser fortbestehende, unvergängliche Ursprung der Geschichte wird von Steiner als ‚Akasha-Chronik' bezeichnet. Die ‚geistige Welt', das heißt, das Unvergängliche, das im Vergänglichen gegenwärtig ist, birgt das vergangene in seiner unvergänglichen Form in sich. Im ewigen Geist ist es lebendig." (Ravagli: Zanders Erzählungen, a.a.O., S. 261)

Für Ravagli und die seinen steht fest, dass Steiner seine "Erkenntnisse" via der exklusiv nur von ihm zu dechiffrierenden "Akasha-Chronik", einem universalen "Weltgedächtnis", das nur in des Hellsehers "Schauungen" existiert, direkt aus dem "Kosmos" bezog. Vergängliche irdische Quellen hätte er allenfalls zur Illustration und Vermittlung herangezogen. Wer diesen Blödsinn nicht widerspruchslos nachbete, der wolle nur das "Element der Heiligkeit" zertrümmern, das sich beispielsweise in Steiners "Keuschheit" gegenüber Frauen, unter anderem seiner Ehefrau, zeige. (ebd., S. 45) Die reale Geschichte, um die es dem Historiker Zander ging, ist für die Anthroposophen falscher Schein. Das Weltgeschehen wird unsichtbar von jenen Kräften bestimmt, die Rudolf Steiner herbei phantasierte, von Erzengeln und ihren Widersachern, in Gesellschaft zahlreicher Naturgeister und Dämonen, die sich bisweilen als kleine Schulmädchen tarnen. (Anthroposophie und Sektenbegriff)

 

Die anthroposophischen Geisterbeschwörungen dienen nicht nur dazu, Steiners Rassenwahn als "Erkenntnis höherer Welten" zu feiern und den Begriff des Rassismus gleichsam entrüstet zurückzuweisen, sie bilden auch das Fundament der sogenannten anthroposophischen "Praxisfelder", der "bio-dynamischen Landwirtschaft", der "Waldorfpädagogik" und der vermeintlichen "Alternativmedizin" auf "spiritueller" statt wissenschaftlicher Grundlage. In seinen Darlegungen über "Wesen und Erscheinung der Anthroposophie" kennzeichnet Ravagli den "anthroposophischen Forscher" als "abendländischen Schamanen", der ohne Drogen auskomme:

 

"Die von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft praktizierten Erkenntnismethoden entwickeln an Seele und Geist des Menschen Beobachtungsorgane und Beobachtungstechniken, die eine unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit von Seele und Geist ermöglichen. Diese Erfahrungsform ist mit aus archaischen Traditionen bekannten Ekstasetechniken verwandt, beruht aber nicht auf einem Fremdeinfluß auf das menschliche Bewußtsein durch den Konsum bewußtseinsverändernder Substanzen (Drogen), sondern stellt eine durch rein seelische Techniken hervorgerufene, selbstinduzierte geistige Erfahrungsform dar, durch die die Seele des betreffenden Forschers zu einer Anschauung der seelischen und geistigen Dimension der Wirklichkeit gelangt, die der sinnlichen Beobachtung nicht zugänglich ist. (…) Diese Beobachtungen liegen zum Beispiel der anthroposophisch erweiterten Medizin und ihrer Heilmittellehre oder der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und ihren Produktionsverfahren zugrunde. Im Mittelpunkt der Ausbildung des Geistesforschers stehen bestimmte Meditationstechniken, die an der menschlichen Seele Beobachtungsorgane ausbilden (Chakren), die zur Erforschung der seelisch-geistigen Wirklichkeit eingesetzt werden können." (Ravagli, Wesen und Erscheinung, Teil 11)

 

Demokratien wie die Bundesrepublik Deutschland sind für die "Geistesforscher" eine Verfallserscheinung, wie Ravagli auch gegenüber Andreas Molau betonte. Die Deutschen hätten ihren "spirituellen Auftrag" verraten und so den "tragischen Niedergang" herbeigeführt. Positiv sei allenfalls zu registrieren, dass die anthroposophische Sekte weitgehend unbehelligt agieren könne:

 

"Nun gut, es gibt inzwischen eine Waldorfschulbewegung, eine biologisch-dynamische Landwirtschaft usw., aber das Beste, was man darüber sagen kann ist, daß die Bundesrepublik sie nicht verhindert hat, obwohl die Tendenzen dazu nicht übersehbar sind." (Schreiben von Ravagli an Molau, 30.07.2006)

Schuld an der bundesrepublikanischen wie globalen Misere ist aus anthroposophischer Sicht das verhängnisvolle Wirken des "Ahrimans", des bösesten aller Geister aus Rudolf Steiners "Geistiger Welt", einem Satansbraten, dessen seelenlos rationale Intelligenz, sich der Wissenschaft bedient, um der Menschheit den Weg der anthroposophischen Erleuchtung zu verbauen. Die "materialistisch-positivistischen" Büttel dieses finsteren Patrons, die seriösen Wissenschaftler, vermehren stetig das seelische Elend der Menschheit. (ebd., Teil 5) und verschließen sich gegenüber dem "spirituellen" Heilsweg.

 

"Die materialistische Ausrichtung der abendländischen Zivilisation führt zu einer Fixierung des Bewußtseins auf das Leben zwischen Geburt und Tod. Durch die Versteifung auf ein materialistisch-positivistisches Verständnis der wissenschaftlichen Erfahrung wird alles von der wissenschaftlichen Diskussion ausgeschlossen, was sich nicht den die Wirklichkeit verengenden Forschungsmethoden unterwerfen will. (ebd., Teil 1)

Diese teuflische Irreführung der gesamten Menschheit bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Weltkriege, Völkermorde, Naturkatastrophen, Attentate und Amokläufe, alle Übel der Vergangenheit und Gegenwart sind der menschlichen Uneinsichtigkeit in die von dem "Menschheitsführer" Rudolf Steiner offenbarten Hintergründe "geistiger Realitäten" geschuldet. Ravagli spricht es offen aus:

 

"Die Attentäter des 11. September waren keine blindwütigen Affekttäter, der Amokläufer von Winnenden auch nicht, ebensowenig der Inzesttäter von Amstetten, der seine Tochter 24 Jahre lang im Keller gefangenhielt, und sie mehrere tausend Mal vergewaltigte. All diese Täter waren von einer kalten, seelenlosen Intelligenz besessen, die ihnen ihre Taten als rational, als logisch, als natürlich und gerechtfertigt erscheinen ließ. So auch der »Amokläufer« von Winnenden. Diese kalte, seelenlose, empathiefreie Intelligenz ist die Macht des Bösen, mit der wir es in unserer Epoche zu tun haben. Nennen wir sie beim Namen: sie ist satanisch." (Ravagli: Winneden und das Böse)

Im Kampf gegen die satanische Macht des Bösen ist jedes Mittel recht und billig und kein Opfer zu groß.