Der Stellvertreter - Helmut Zander als Sprachrohr Rudolf Steiners
„Das Denken wurde zum ‚Schauen‘, das Schauen zum Glauben, der Glauben zur Tat – und die Vernunft blieb auf der Strecke“ (Kurt Sontheimer: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik)
Die Sendung „Sternstunden“ des Schweizer Fernsehens vom 15. Februar 2009 hatte das Thema „Mysterium Anthroposophie“. Der Historiker Helmut Zander, der auf diesem Gebiet eine umfangreiche Forschungsarbeit (Anthroposophie in Deutschland) vorgelegt hat, stellte sich den Fragen von Norbert Bischofberger, um über dieses „Mysterium“ aufzuklären. Das versprach zumindest die Vorankündigung der Sendung.
Historiker Zander (links): anthroposophische Schulen und Medizin sind toll. Journalist Bischofberger (rechts): Rudolf Steiner war Visionär und Impulsgeber für die moderne Gesellschaft.
Tolle Theorie: Anthroposophie als Wissenschaft – Durchsichtiger Etikettenschwindel
Etwas mysteriös erschien es dem Moderator unter anderem, dass bereits im Vorfeld der Sendung zahlreiche Protestnoten bei der Redaktion eingegangen waren. Die Presseabteilung des „Goetheanums“, dem Sitz der anthroposophischen „Weltzentrale“ im Schweizer Dornach, beklagte sich schriftlich darüber, dass Helmut Zander nicht nur die Kompetenz fehle, sondern er mit unwissenschaftlichen Methoden den Rang des Anthroposophie- und Waldorfschulengründers Rudolf Steiner (1861-1925) zu beschädigen trachte. Derartige Zuschriften waren für Bischofberger eine neue Erfahrung und er fragte Helmut Zander, wie es dazu käme. Der Historiker erklärte, dass die Form dieses Schreibens „noch die sanfte Variante“ wäre. Schließlich hielt er den Anthroposophen aber zugute:
„Es ist ganz schwierig zu vermitteln, dass der wissenschaftliche Betrieb einer Universität – ich sag mal salopp – anders tickt als das Wissenschaftsverständnis Steiners.“
Bereits zuvor hatte er die Feststellung getroffen:
„Wissenschaft vom Geist, das ist der Nukleus von Geisteswissenschaft als Anthroposophie“
Das hatte kabarettistische Qualität, zweifellos. Es war nur leider ernst gemeint, geäußert in der Pose des Denkers, der gravierendes von sich gibt. Nein, es geht nicht um Leerformeln oder darum, dass die Anthroposophen nur ein vom universitären Betrieb abweichendes Wissenschaftsverständnis hätten, es ist auch nicht so, dass sich dies allzu schwer vermitteln ließe.
Anthroposophen strapazieren als Synonym für ihre „spirituelle“ Weltdeutung das Wort „Geisteswissenschaft“ (Singular), im fundamentalen Gegensatz zu den Geisteswissenschaften (Plural). In der englischen Sprache heißen die akademischen Geisteswissenschaften „Humanities“, im Unterschied zu der anthroposophischen „Geisteswissenschaft“, die als „Spiritual Science“ bezeichnet wird, was hierzulande Esoterik (Geheimlehre) genannt wird. (Zum Geleit)
Jeder Fernsehzuschauer wird diesen Unterschied ohne weiteres begreifen, wenn er einfach ausgesprochen würde, anstatt ihn mit den ideologie-immanenten Vokabeln zu umschreiben, die gerade die Funktion haben, die Gegensätzlichkeit zu kaschieren - und diesen Zweck auch dann erfüllen, wenn ein Helmut Zander sich ihrer bedient, anstatt den Sachverhalt angemessen zur Sprache zu bringen. Allein die Anthroposophen haben daran natürlich überhaupt kein Interesse. Ihnen nach dem Mund zu reden und keinesfalls auf die Füße zu treten, hatte für Zander offensichtlich absolute Priorität.
Für die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG) ist es vollkommen inakzeptabel, wenn Wissenschaftler und Journalisten über Rudolf Steiner, Anthroposophie und Waldorfschulen reden oder schreiben. In Ihren Publikationsorganen warnen die Funktionäre die Mitglieder davor, auf die Wissenschaft hereinzufallen, sehen nicht zuletzt in Helmut Zanders historischer Studie das Bedrohungspotential eines „trojanischen Pferdes“, wenn sie von Steiner-Jüngern gelesen würde, und betrachten den Historiker als vom teuflischen „Ahriman“ besessen. (Gefährliche Wissenschaften)
Absurderweise sah sich der so gescholtene Helmut Zander nun veranlasst, mehrfach zu betonen, dass Steiner und seine Anhänger sich als „Wissenschaftler“ verstünden, ohne ein einziges Mal die Zuschauer darauf hinzuweisen, dass es sich dabei ausschließlich um eine billige Camouflage handelt.
Rudolf Steiner erklärte sich selbst zum Hellseher, der seine Erkenntnisse nicht aus säkularer Wissenschaft schöpfte, sondern direkt aus dem Kosmos bezog. Auf Grundlage dieser Quelle sah er sich im Stande auf allen Wissensgebieten die entscheidenden Korrekturen an die irdische Menschheit heranzutragen. Steiners Anhänger hatten und haben keinen Zweifel daran, dass jeder seiner Sätze Offenbarungen „höherer Welten“ sind. Kein Wort sollte verloren gehen, das meinte auch der bescheidene „Geistesführer“ und „Menschheitsrepräsentant“ selber, und daher wurde jede Silbe mitstenographiert. Gedrucktes Werk und posthum veröffentlichte Vorträge des Anthroposophie- und Waldorfschulengründers umfassen heute 350 Bände.
Was gibt dieses Werk her? In keiner wissenschaftlichen Disziplin spielt Rudolf Steiner auch nur die geringste Rolle. Die Anthroposophen sehen darin die Bestätigung, dass alle Wissenschaft als „materialistischer Intellektualismus“ nur der wahren Erkenntnis im Wege stünde, nämlich den Postulaten Rudolf Steiners. Auch Helmut Zander hat in seinen wissenschaftlichen Arbeiten nichts aus dessen Schriften zutage fördern können, was irgendeine Relevanz besäße. Dem Fernsehpublikum verkündet er dagegen, Steiner sei ganz besonders sensibel für die gesellschaftlichen Fragen seiner Zeit gewesen. Nur,
„wenn ein Mensch unabgegrenzte Ansprüche hat, also, etwas zu Philosophie zu sagen, er macht einen Erkenntnisweg, er gründet eine esoterische Schule, er publiziert, am Ende macht er Medizin und Pädagogik und Landwirtschaft und so, dann gibt es natürlich auch Schwächen. Und ich glaube, das muss man zusammen sehen, dass er ein großes Werk auf den Tisch legt - da stehen tolle Dinge drin – und es gibt Punkte, da schmückt man sich zwar immer mit, aber, wenn man da genauer hinguckt, schaut man, naja, da gibt’s eben auch die kleinen Schwächen im Leben.“
Ginge es darum, den Zuschauern einen möglichst falschen Eindruck von Charakteristik, Inhalt und Bedeutung des Werks Rudolf Steiners zu vermitteln, Zander hätte ganze Arbeit geleistet. Was für „tolle Dinge“ darin zu finden wären, verrät der Historiker nicht. Weder ihm noch den Anthroposophen ist es trotz intensiver Bemühungen gelungen, einen Satz von Rudolf Steiner aus 350 Bänden zu präsentieren, der jenseits der anthroposophischen Parallelwelt Anerkennung finden würde.
Was Rudolf Steiners Werk aus wissenschaftlicher Sicht wirklich zu einem singulären Phänomen werden lässt, ist dessen gewaltiger Umfang und seine vollständige Bedeutungslosigkeit außerhalb der anthroposophischen Institutionen. Es ist das Werk eines Sektenpriesters, das ausschließlich für seine gläubige Gemeinde von Belang ist, für niemanden sonst. Die setzt allerdings den Wahnsinn Steiners in die Tat um, und davon sind nicht nur Anthroposophen betroffen. Mittels umfangreicher Desinformation und einflussreicher Helfer in Politik und Verwaltung, avancierte die Bundesrepublik Deutschland weit mehr als andere Länder zu einem einträglichen Anthroposophen-Paradies.
Tolle Praxis: Anthroposophie in Schule und Medizin – „Erziehungskunst“ und „Heilkunst“
In den sogenannten „Praxisfeldern“ der Anthroposophen steht Rudolf Steiners Wort über allem, nicht nur über der Wissenschaft, auch über der Menschenwürde und den Gesetzen der Bundesrepublik. Hier gilt es für seine Anhänger die „Schauungen“ des „Meisters“ in die Tat umzusetzen. Auch das fand Helmut Zander im Gespräch mit Bischofberger einfach „toll“. Zwar wäre die Anthroposophie insgesamt autoritär geprägt, da Steiners Offenbarungen seiner „übersinnlichen Einsichten“ nun einmal nicht diskutierbar sind und einen Absolutheitsanspruch implizieren, der keinen Widerspruch duldet, aber was soll’s:
„Die Schulen, die sind in ihrer Dimension des künstlerisch-handwerklichen, sind die toll. Da würde ich sagen an diesem autoritären Moment muss man nacharbeiten, aber im, Grunde sind’s Schulen mit einem spannenden Ansatz.
Ich finde, noch spannender finde ich eigentlich die Medizin, also der Versuch, klassische Universitätsmedizin und Alternativmedizin miteinander zu verbinden.
Da gibt’s ne Menge Unfälle, da passiert auch manches, was nicht passieren dürfte, aber das Konzept finde ich toll und ich glaube, da hat die Anthroposophie echt Zukunft.“
Die Befürchtung im Goetheanum, wenn ein Wissenschaftler zum Thema Anthroposophie im Schweizer Fernsehen spräche, könnte der propagandistische Schleier gelüftet werden, erwiesen sich als unbegründet. Die Hintergründe der anthroposophischen „Medizin“ und „Pädagogik“ zu erläutern und auf die Folgen ihrer Praktiken hinzuweisen, dazu sah sich der Wissenschaftler nicht veranlasst.
Praxisfeld Schule
Einen der grundlegenden anthroposophischen Glaubenssätze erläuterte Helmut Zander seinem Gesprächspartner anhand eines kleinen Beispiels:
„Er (Rudolf Steiner, d. Verf.) wird gefragt, was ist eigentlich, wenn ein Theater brennt und da kommen ein paar hundert Leute um? Und dann sagt er: Das haben die selbst verursacht. Entweder hatten sie in einer vergangenen Reinkarnation was verbrochen oder sie bereiten sich auf ein besseres, künftiges Leben vor.“
Das würde uns zwar heute etwas befremdlich erscheinen, aber zu Steiners Zeit, meinte der Historiker, müsse darin der Versuch gesehen werden, unabhängig von einer göttlichen Instanz „radikal Autonomie zu denken“. Der Unfalltod eines kleinen Jungen während der Bauarbeiten am Goetheanum wurde von Steiner und wird von den Anthroposophen bis heute in derselben Weise „gedeutet“. (Theos Opfer, Schöne Wissenschaften) In diesem Fall fiel Steiners Urteil über den Sohn einer Anthroposophenfamilie gnädig aus. Der Kleine, der von einem Möbelwagen zerquetscht wurde, hätte das Gefährt selber herbeigerufen, um sich dem Goetheanum zu opfern und als Inspirationsquelle für die dort wirkenden Steiner-Anhänger zu dienen.
Der „geisteswissenschaftliche“ Befund des „Pädagogen“ und Schulleiters Rudolf Steiner über kleine Kinder konnte durchaus auch negativer ausfallen. Ohne jede Ausbildung in diesen wie in anderen Bereichen praktizierend, erklärte der Hellseher seinem Lehrerkollegium schon mal, dass das ein oder andere Kind gar kein Mensch wäre, sondern ein „Naturdämon“ in menschlicher Hülle. (Anthroposophie und Sektenbegriff) Nein, es geht bei Steiner ganz und gar nicht um den Versuch „radikal Autonomie zu denken“, wie Helmut Zander fabulierte. Es handelt sich um menschenverachtende Wahnvorstellungen, die auch als Esoterik noch sehr euphemistisch bezeichnet sind.
So wie Rudolf Steiner souverän darüber entschied, welcher Mensch überhaupt ein Mensch sei und welcher nicht, wer einer höheren oder einer niederen „Rasse“ angehöre, so sortierte er Schüler kurzerhand in Konstrukte von Jahrsiebt-Zyklen und vier unterschiedlichen Temperamenten, nach denen sie zu behandeln wären. Schon an der Silhouette eines Schülers erkannte der Hellseher, wie mit ihm zu verfahren sei. (Hottentotten und Melancholiker) Angehende Waldorflehrer werden in anthroposophischen Seminaren mit diesen „Schauungen“ vertraut gemacht, und zwar nur mit ihnen - und nicht etwa mit Fachkennnissen oder pädagogischen Standards. (Wundersame Waldorfpädagogik)
In dem ZDF-Magazin „Frontal 21“ vom 10. März 2009 widmeten sich Rainer Fromm und Dietrich Krauß in einem kurzen Bericht der Waldorflehrerausbildung. Während der Sprecher des Bunds der Freien Waldorfschulen behauptete, Waldorflehrer genössen die spirituelle Unterweisung als Zusatzqualifikation, stellte sich heraus, dass allenfalls die Hälfte des anthroposophischen Lehrpersonals über eine Ausbildung verfügt, die für die Erteilung einer Lehrgenehmigung an einer öffentlichen Schule unabdingbare Voraussetzung ist.
Schulrechtsexperte Avenarius: Ausnahmeregelungen für Waldorfschulen sind nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.
„wenn die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen“.
Um die faktische Missachtung der Verfassung gesetzlich abzusegnen wurden teilweise Sonderregelungen in die Landesschulgesetze aufgenommen, die Waldorfschulen von den Anforderungen des Artikel 7 GG befreien sollen. Hierzu stellte nun auch der Schulrechtsexperte, der emeritierte Professor für öffentliches Recht und Verwaltungsrecht, Hermann Avenarius, in „Frontal 21“ klipp und klar fest:
„Es widerspricht dem Grundgesetz. Auch die an Waldorfschulen tätigen Lehrkräfte benötigen eine wissenschaftliche Ausbildung, die nicht hinter den öffentlichen Schulen zurücksteht. Von diesem Qualifikations- und Qualitätsniveau können sie nicht entbunden werden.“ (Frontal 21, 10.03.209)
Darüberhinaus entsprechen die anthroposophischen Ausbildungsseminare und die Lehrziele ihrer Schulen nicht nur nicht verbindlichen Standards, sondern, sie lehnen diese prinzipiell ab. Anstelle der Vermittlung allgemeiner Bildung auf wissenschaftlicher Grundlage, ist es das Ziel der Waldorfschulen, der von Rudolf Steiner als „materialistisch“ abqualifizierten Forschung und Lehre die anthroposophischen „Einsichten in höhere Welten“ entgegenzusetzen, Wissenschaft nicht zu ergänzen, sondern zu bekämpfen.
„Dass empirische Forschung nichts zählt, steht sogar im "Studienbegleiter" für angehende Waldorflehrer an der anthroposophischen Freien Hochschule Stuttgart. Anfänger müssen am staatlich anerkannten Seminar Steiners Buch "Theosophie" nicht nur lesen, sondern dabei auch eine "geistige Schulung" durchlaufen, bei der "Inhalte nicht kommentiert oder interpretiert" werden. Ziel ist, wortwörtlich, das "allmähliche Hinaufarbeiten zur Ebene eines produktiven Erkennens, das im Gegensatz zu den analytischen Erkenntnismethoden steht". (Der Spiegel, 03.09.2007)
Der renommierte Professor für Pädagogik, Klaus Prange, kam in seiner Studie über die „Waldorfpädagogik“ zu demselben Ergebnis. In keiner Weise könne diese als das gelten, was sie öffentlich vorgibt zu sein, eine kindgerechte Reformpädagogik. Vielmehr handle es sich um eine „Mogelpackung“ auf esoterischer Grundlage und mit dem Ziel einer „absoluten Erziehung“ zu anthroposophischer Weltanschauung. (Klaus Prange: Erziehung zur Anthroposophie. Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik, 3. Aufl., Bad Heilbrunn 2000)
In seiner eigenen Abhandlung stimmt auch Helmut Zander Prange zu. Dieser hätte lediglich die verdeckte Indoktrination gegenüber offen angewandter Steiner-Treue in den Waldorfschulen überbetont. Nicht der Befund sei falsch, er sei nur noch offenkundiger als es Prange beschreibe. (Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945, Göttingen 2007, S. 1441) Unter einem „spannenden Ansatz“ und „tollen Schulen“, von denen Helmut Zander stattdessen in dem Fernsehinterview redete, dürften die meisten Eltern wohl etwas anderes verstehen. Auch Zander selbst hat in vorherigen Stellungnahmen kein Geheimnis daraus gemacht, dass seine eigenen Kinder wohlweislich keine Waldorfschule besuchen.
Praxisfeld Medizin
Noch spannender und noch toller als die Umsetzung „übersinnlicher Schauungen“ in den Waldorf-/Rudolf-Steiner-Schulen, findet Helmut Zander im Dialog mit Norbert Bischofberger das „Konzept“ einer „anthroposophischen Medizin“. „Gestandene Ärzte“ hätten sich am Beginn des 20. Jahrhunderts hilfesuchend an den Hellseher gewandt, der dann aufopferungsvoll seinen kosmischen Rat erteilte. Mit diesem im Gepäck hätte die heutige Anthroposophie „echt Zukunft“. In seiner eigenen Forschungsarbeit betont Helmut Zander vielmehr, dass es gar kein derartiges „Konzept“ gibt:
„Angesichts dieses Befundes sind selektive oder harmonisierende Zusammenstellungen nachträgliche Rationalisierungen eines amorphen Bestandes von Aussagen. Deshalb lasse ich in der folgenden Kompilation Steiners Denkbewegungen in ihrer lockeren Verknüpfung als Ausdruck eines bis zu seinem Tod unabgeschlossenen Suchprozesses bestehen.“ (ebd., S. 1494)
Zu einem medizinisch anerkannten Ergebnis führte dieser „Suchprozess“ in der „geistigen Welt“, der in einem Sammelsurium von Zeugnissen geistiger Umnachtung zum Ausdruck kommt, selbstverständlich nicht, wohl aber zu einem profitablen Geschäftsbereich einer sich etablierenden Sekte in der Bundesrepublik:
„Aus den schütteren, immer in ihrer Existenz oft bedrohten Initiativen zu Steiners Lebzeiten ist heute ein Netzwerk oder, wenn man in der Metapher bleiben will, ein locker gestrickter Medizinkonzern erwachsen.“ (ebd., S. 1573)
Wie im schulischen Bereich die Negativschlagzeilen über die öffentlichen Schulen, deren schlechten Abschneiden bei den vielzitierten PISA-Studien und die deutsche Wiedervereinigung den anthroposophischen Einrichtungen regen Zuwachs bescherten, so erhoffen sich auf medizinischem Gebiet viele eine Alternative zur „Fließbanddiagnostik“, „Apparatemedizin“ und „chemischer Pharmazeutik“. Auch im Bereich der Medizin vermochten die Lobbyisten der Anthroposophen Sonderregelungen durchzusetzen, die ihren „Erfolg“ ermöglichten.
Die Freunde der Anthroposophie sorgten dafür, dass deren „Heilmittel“ von der obligatorischen Wirksamkeitsprüfung entbunden wurden und die gesetzlichen Krankenkassen dennoch die Kosten zu erstatten haben. So floriert das Geschäft mit wirkungslosen Präparaten auf Kosten der Öffentlichkeit. Für ausreichend Nachfrage sorgen die Nachwuchsrekrutierung der steuerfinanzierten Waldorfschulen und einige tausend Ärzte die offen oder stillschweigend der Anthroposophie zu Dienste sind.
Genauso wie „Waldorfpädagogik“ nichts mit Erziehungswissenschaft zu tun hat, sondern dieser entgegen gerichtet ist, verhält es sich auch mit der „anthroposophischen Medizin. Nicht anders als die „Erziehungskünstler“ in den Schulen und Heimen, orientieren sich auch die „Heilkünstler“ in den Praxen und Kliniken an den „Schauungen“ ihres Meisters, wenngleich in Krankenhäusern die Handlungsspielräume ihrer „spirituellen Kreativität“ nicht uneingeschränkt sind.
Für Rudolf Steiner galt das noch nicht. In der ersten anthroposophischen Klinik (Ita Wegmann Klinik) im Schweizer Ort Arlesheim, in unmittelbarer Nachbarschaft zur anthroposophischen Zentrale, traf der Hellseher souverän ärztliche Entscheidungen. Fachkenntnisse benötigte er dazu nicht. Er konnte schließlich „sehen“, was zu tun war. Ein guter Rat war immer, die Heilmittel der Firma Weleda zu kaufen, einer von ihm, Ita Wegmann und anderen Getreuen gegründeten Aktiengesellschaft. Die Heilmittel ersannen die Anthroposophen aus dem Stehgreif, allein von 1921 bis 1922 sagenhafte 295 Rezepturen. Die hatten zwar keinerlei Wirkung, aber einen hohen Preis, dienten nicht der Gesundheit der Patienten, sondern unter anderem dem Neubau des 1922 abgebrannten Goetheanums. (Gemeingefährlich statt gemeinnützig)
Nachzulesen ist all das in dem zweibändigen Werk „Anthroposophie in Deutschland“ des Historikers Helmut Zander, der nun Rudolf Steiner im Fernsehen als freundlichen Ratgeber „gestandener Ärzte“ präsentierte. Selbstverständlich ist dem Wissenschaftler auch bekannt, dass das Ziel anthroposophischer Heilkunst keineswegs die Heilung von Krankheiten und die Gesundheit des realen Menschen ist, was wohl die meisten Fernsehzuschauer selbstverständlich aber irrtümlich annehmen dürften. Aus anthroposophischer Sicht ist eine solche Zielsetzung lediglich niederer „Materialismus“.
Der Mensch hat die Folgen seines Karmas zu tragen, daran führt kein Weg vorbei. Gegen das Karma könne nicht geheilt werden, erklärte Steiner. So richtet sich die anthroposophische Heilkunst auf die „geistige“ Existenz, jenseits des „Erdenlebens“ in den Grenzen von Geburt und Tod. Das bringt u.a. den Vorteil mit sich, dass die Wirksamkeit eines verabreichten „Heilmittels“ selbst durch das Sterben des Patienten nicht widerlegt wäre. Im Unterschied zu einer solch „materialistischen“ Auffassung, erfolgt die Evaluation anthroposophischer Heilkunst in der übersinnlichen „geistigen Welt“, in die selbstredend nur der „Geistesführer“ Rudolf Steiner zu „schauen“ vermochte.
Insofern ist es konsequent, dass die Anthroposophen eine empirische Prüfung ihrer „Heilmittel“ und „Heilmethoden“ als inadäquat ablehnen. Nicht wissenschaftliche Experimente und Begründungen, sondern allein Steiners Worte sind für seine gläubigen Anhänger entscheidend und verbindlich. Weniger selbstverständlich ist es, dass in der Bundesrepublik auch der Gesetzgeber dieser Auffassung folgt, weil willfährige Politiker der anthroposophischen Sekte - sei es aus Unkenntnis oder Überzeugung - gern zu Diensten sind.
So gibt es in der Bundesrepublik neben der Weleda AG mittlerweile eine ganze Reihe anthroposophischer „Heilmittel“-Firmen, deren Kassen klingeln, weil sie von den für andere Mediakamente vorgeschriebenen Zulassungskriterien befreit wurden. Viele Krebspatienten greifen in ihrer Verzweiflung zu Mistel-Präparaten, die in anderen Ländern nicht als Medikamente vertrieben werden dürfen, weil es entgegen anderslautenden Behauptungen und lauthals proklamierten „Beweisen“ tatsächlich keinerlei Nachweis für eine die Krankheit heilende Wirkung der Produkte gibt. In den USA wird sogar davon abgeraten, Mistel-Extrakte einzusetzen. Während positive Auswirkungen allenfalls im Sinne eines Placebo-Effekts erhofft werden könnten, der das subjektive Wohlbefinden verbessere, wird das Wachstum des Tumors teilweise nicht nur nicht gebremst oder gestoppt, sondern gefördert. (Deutsches Krebsforschungszentrum)
Aus der Perspektive anthroposophischer „Heilkunst“ gilt es nicht, die physische oder psychische Erkrankung medikamentös oder therapeutisch zu heilen, um den Patienten am Leben zu erhalten oder sein Leid zu verringern. Vererbung, Krankheitserreger, schlechte Hygieneverhältnisse, traumatische Erlebnisse, alles, was zu Erkrankungen führt, sind nur die sinnlich wahrnehmbaren Auslöser, weiß die Leiterin der „Medizinischen Sektion“ am Goetheanum, Michaela Glöckler. Die tatsächlichen Ursachen lägen vielmehr im Schicksal, dem „Karma“ des Patienten verborgen. Nur dort kann folglich auch eine „Heilung“ ansetzen. Das geht natürlich nicht
„solange wir dem Trend der materialistischen Weltanschauung folgen und das menschliche Leben und Schicksal als mit der Geburt beginnend und mit dem Tode unwiederbringlich endend ansehen.“ (Anthroposophische Medizin, hrsg. von Michaela Glöckler u.a., Stuttgart 1993, S. 27)
„Heilung so verstanden“, bedeute, dass der Kranke die „verantwortlichen Faktoren“ seines Leids „bei sich selbst“ suche. Die anzustrebende Schicksalsergebenhheit bezeichnet die Anthroposophin als „Mündigkeit“ des Patienten, der akzeptiert, was er nun einmal verdient hat. (ebd., S. 28) Der mündige Patient, das ist der karmische Delinquent. In diesem Sinne ist es ein Frevel, dem „Karma“ ins geistige Handwerk zu pfuschen und womöglich sogar Krankheiten durch Impfungen vorzubeugen, damit sie gar nicht erst ausbrechen können. Unter der Parole „Freie Impfentscheidung“ agieren die anthroposophischen Heilkünstler wie Michaela Glöckler leidenschaftlich dafür, dass Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen. Schwerste Schäden und Todesfolgen werden billigend in Kauf genommen. (Gemeingefährlich statt gemeinnützig)
Zur selben Zeit als Helmut Zander und Norbert Bischofberger öffentlich über das „tolle“ und zukunftsträchtige Karma-„Konzept“ anthroposophischer Medizin plauderten, starben erneut kleine Kinder an Masern, die alle Jahre wieder insbesondere über die Waldorfschulen epidemische Ausbreitung erlangen. (Der Spiegel, 02.02.2009, Berner Zeitung, 11.02.09) Es geht dabei keineswegs um „Unfälle“, um partielle „Kunstfehler“ einer ansonsten vorbildlichen „Heilkunst“, sondern es sind die tödlichen Folgen der zur programmatischen Tat gewordenen Wahnvorstellungen Rudolf Steiners. Ein Wissenschaftler, dem das sehr wohl bekannt ist, der aber dessen ungeachtet zum wiederholten Mal diese Praktiken gutheißt, trägt dafür fraglos eine Mitverantwortung.
Tolles Gespräch: Anthroposophie im Fernsehen – Reklame für eine Sekte
Die Sendung "Sternstunden" zum Thema Anthroposophie war alles andere als eine Sternstunde der Wissenschaft und des Journalismus. Gleich zu Beginn streute Helmut Zander den Anthroposophen zuliebe Asche auf sein Haupt. Es sei nicht vollends auszuschließen, dass sein persönlicher Lebensweg und seine Ausbildung auch Einfluss auf seine Forschung haben könnten, dass er aber redlich bemüht sei, derartige Einflüsse so gering wie möglich zu halten. Zander studierte Geschichte, Politik und Theologie. Das ist aus anthroposophischer Sicht materialistisch-intellektualistischer Ballast, der „überwunden“ werden muss. Überraschenderweise scheint Helmut Zander das inzwischen genauso zu sehen. Nicht wissenschaftliche Distanz, sondern größtmögliche Empathie mit dem Forschungsobjekt hieß das Gebot der Stunde in dem sechzig minütigen Gespräch.
So gesehen war die Performance des Eiertanz-Duetts durchaus geglückt. Norbert Bischofberger erblickte seine journalistische Aufgabe darin, einen belesenen Eindruck zu erwecken, einige Fragen zu stellen und seinen Gesprächspartner ausführlich reden zu lassen - egal was. Und Helmut Zander hielt es für wissenschaftlich angemessen, weitgehend in die Rolle Rudolf Steiners zu schlüpfen und möglichst viel Sympathie für diesen zu erwecken. Wer vorher wenig oder gar nichts über „Anthroposophie“ in Theorie und Praxis gehört hatte, der war nach dieser Sendung keineswegs besser informiert. Im Gegenteil: Hier wurde nicht ein vermeintliches „Mysterium“ entzaubert, sondern ein Sektengründer mystifiziert und das Handeln seiner Anhängerschaft glorifiziert.
Sektenführer Steiner: Helmut Zander und Norbert Bischofberger gaben sich große Mühe, ihn als interessante und integerere Persönlichkeit vorzustellen.
Zu Lebzeiten Steiners blieb dessen „Anthroposophie“ weitgehend bedeutungslos, beschränkt auf den kleinen Kreis seiner gläubigen Anhänger. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es diesen, sich insbesondere in der Bundesrepublik fest zu etablieren. Zander sprach bezogen auf Steiners Werk von einem „gesplitteten Oeuvre“, das sauber trennte zwischen tatsächlichen Absichten und öffentlicher Darstellung. Das war und ist noch immer eine der Voraussetzungen für das Wirken der Anthroposophen, das sie sich weitgehend aus öffentlichen Geldern finanzieren lassen.
Auf die Frage Bischofbergers, wie es den Anthroposophen gelang, im Unterschied zu vergleichbaren „Bewegungen“ nicht unterzugehen, sondern regelrecht zu expandieren, sprach Helmut Zander stattdessen von einer „vernünftigen Institutionalisierung“ in Kombination mit den „Praxisfeldern“. In seinem Buch über die Anthroposophie in Deutschland ist nachzulesen, was damit gemeint ist. Eine esoterische Hierarchie, die auch innerhalb der Organisation genau zwischen verschiedenen Stufen der „Einweihung“ – sprich Sektentreue – unterscheidet, wie etwa an der sogenannten „Freien Hochschule für Geisteswissenschaft“ der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft im Dornacher Goetheanum.
Das vermeintlich pluralistische Gesellschaftskonzept der sogenannten „Dreigliederung“ entpuppt sich ebenfalls als vormodernes Herrschaftsmodell, in der die „spirituell Eingeweihten“ die profane Masse regieren. (Anthroposophie und Sektenbegriff) Nichts von alledem klang in dem Gespräch an. Der Historiker scheint selber ein „gesplittetes Oeuvre“ pflegen zu wollen, in dem er zwischen wissenschaftlichen Forschungsergebnissen und ihrer öffentlichen Darbietung eine klare Trennlinie zieht. Die Preisgabe jeglicher Menschenwürde in der Theorie und die freudige Hinnahme von Menschenopfern in der Praxis (Zum Geleit) verklausulierte Helmut Zander in aller Bescheidenheit gerade einmal so:
„Ja, ich fürchte, dass mit einer Reinkarnation dann doch die Freiheit schwer zu sichern ist. Und was mich glaube ich viel mehr bedrückt, ist, sozusagen, dass der Körper, dass unsere soziale Dimension, dass dieses Leben weggeht. Also, der Körper, das ist etwas, das man austauscht. Das bekommt man immer neu und meine körperliche Existenz hat nur einen nachgeordneten, sozusagen peripheren, transitorischen Wert.“
Ja, wir fürchten, dass der absolute Führerglaube an den „Propheten im Gehrock“ (so die Zeitgenossen über Steiner) dann doch schwer mit den Grundsätzen des demokratischen Verfassungsstaats und der Ethik der allgemeinen Menschenrechte auch nur partiell kompatibel sein könnte. Was Helmut Zander aufgrund der inneranthroposophischen Querelen darüber, wie ihre krude Weltanschauung am Besten der Öffentlichkeit als kosmopolitisch-karitatives Anliegen verkauft werden könne, dazu veranlasste, von einigen „liberalen Anthroposophen“ zu sprechen, bleibt unergründlich, zumal er beispielhaft den Fanatiker Jens Heisterkamp und dessen Zeitschrift „Info3“ nannte. (Attacke, Schlachtrufe und Hilferufe)
Bischofberger zitierte die wohlklingende „Definition“ des Anthroposophen Heisterkamp, wonach Steiners Organisation eine spirituelle Bewegung auf philosophischer Grundlage mit sozialer Ausrichtung wäre. Auf die Frage, wie er – Zander - das beurteile, antwortete der Experte:
„Ja - Steiner hätte vermutlich noch ein Wort dazugefügt - sie (die Anthroposophie, der Verf.) ist auch Wissenschaft - das war Steiner immer wichtig."
Helmut Zander hatte jede Orientierung verloren. Er antwortete nicht mehr als Wissenschaftler, nicht mehr als er selbst, sondern als Stellvertreter Rudolf Steiners auf Erden. Die Unterschiede von Glauben und Wissen, von religiöser und weltlicher Herrschaft, von Totalitarismus und Liberalismus, von Propaganda und Realität, von Wahn und Forschung, von Dr. Steiner und Dr. Zander, sie verloren sich in seiner Rolle als Sprachrohr des ersten Anthroposophen. Nur gut, dass er nicht zum Thema Nationalsozialismus befragt wurde. Wir hoffen, dass der Historiker seine Professionalität und Identität bald zurückerlangt, sich wissenschaftlicher und ethischer Maßstäbe wieder gewahr wird, bevor er erneut vor größerem Publikum auftritt. Nicht allein die Vernunft bleibt in den „Schauungen“ Rudolf Steiners und dem Glauben seiner Anhänger auf der Strecke, sondern in der Folge ihrer Taten auch Menschen, nicht als „geistige Wesenheiten“, sondern als wirkliche Menschen.
