Donnerstag, 4. Dezember 2008

Anthroposophie und Sektenbegriff

Zweckmäßigkeit und Bedeutung einer Vokabel

Keine gesellschaftliche Organisation bezeichnet sich selbst als Sekte. Vielmehr weisen jene Gruppierungen, die als solche tituliert werden, mit allem Nachdruck weit von sich, auch nur im Entferntesten etwas mit dem zu tun zu haben, was im heutigen Sprachgebrauch synonym für unlautere Zwecke und Methoden steht. Weil die Konnotation des Begriffs "Sekte" derart negativ ist, wird er in den letzten Jahren häufig durch „neutralere“ Vokabeln wie „Neue Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften“ (und diverser Varianten) ersetzt. Das ergibt jedoch wenig Sinn, wenn andererseits gerade Jugendliche vor „Sekten“ gewarnt werden. Warum sollte jemand auch eine unverständlich-umständliche Wortwahl bevorzugen, anstelle eines geläufigen Ausdrucks? Soll vor Sekten gewarnt werden, ohne sie sprachlich zu „diskreditieren“? Das ist offenkundig Unsinn. Dieser Ansicht ist auch das Bundesverfassungsgericht:

„Das Grundrecht der Religions- und Weltanschauungsfreiheit aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG bietet keinen Schutz dagegen, dass sich der Staat und seine Organe mit den Trägern dieses Grundrechts sowie ihren Zielen und Aktivitäten öffentlich - auch kritisch - auseinander setzen. (...) Im Übrigen ist der Staat durch die Pflicht zur religiös-weltanschaulichen Neutralität nicht gehindert, in der öffentlichen Diskussion über religiöse oder weltanschauliche Gruppen für diese die Bezeichnungen zu verwenden, die in der aktuellen Situation dem allgemeinen Sprachgebrauch entsprechen und in diesem Sinne von den Adressaten der jeweiligen Äußerung auch verstanden werden.“ (BVerfG, Juni 2002)

Das Gericht würdigte durchaus die Bedenken der Enquete-Kommission des Bundestags, die empfohlen hatte, das Wort „Sekte“ in öffentlichen Verlautbarungen, Gesetzestexten und Broschüren möglichst zu vermeiden und durch „differenziertere“ Termini zu ersetzen. Dennoch bestätigten die Verfassungsrichter mit ihrem Urteil, dass die Verwendung des Begriffs „Sekte“ nicht nur legal und legitim, sondern auch angemessen und sinnvoll ist. Kritikwürdige Phänomene sollten auch weiterhin nicht mit ausschließlich positiven oder „neutralen“ Vokabeln beschrieben bzw. umschrieben werden.

Derzeit ist in offiziellen Stellungnahmen und im wissenschaftlichen Diskurs eine vornehme Zurückhaltung verbreitet, die sich scheut, die Dinge beim Namen zu nennen. In der Alltagssprache ist das unverändert anders. Kein Mensch redet von „neuen religiösen Weltanschauungsgruppen“, sondern kurz und knapp von „Sekten.“ Es stellt sich also nicht die Frage, ob -, sondern in welchen Fällen zutreffend und prägnant von einer „Sekte“ gesprochen werden kann und sollte. In der Bundestagssitzung vom 28.1.2000 zu dem Bericht der Enquete-Kommission "So genannte Sekten und Psychogruppen" erklärte der Abgeordnete Hans Peter Bartels:

„Was sind eigentlich Sekten? Auf dem Endbericht der Enquete-Kommission findet man das Wort gar nicht mehr. Keine Gruppe nennt sich selbst so; die Gruppen nennen sich Zentrum, Bewegung, Kirche, Bund, Orden, Verein - was immer sie wollen. "Sekte" ist ein Begriff, der von außen an bestimmte Gruppen herangetragen wird. Besser gesagt, es werden zwei Sektenbegriffe verwendet, die in der Vergangenheit auch für Verwirrung gesorgt haben. Vielleicht kann ich ein bisschen zur Klarheit beitragen. Der eine, der klassische Sektenbegriff, ist der theologische. Er bezeichnet eine Abspaltung von der christlichen Kirche, eine häretische Gemeinschaft, die auf eigenen Offenbarungs- und Wahrheitsquellen beruht, also neben der Bibel und der christlichen Überlieferung ein eigenes Buch - beispielsweise das Buch Mormon - oder einen eigenen Propheten hat. Solche Gruppen sind zum Beispiel die Quäker, die in unserem Sinne überhaupt nicht problematisch sind; einer von ihnen ist der Friedensnobelpreisträger von 1949. Darum geht es uns nicht, wenn wir von Sekten sprechen.

Wir verwenden den neueren kulturellen, umgangssprachlichen Sektenbegriff, unter dem im Übrigen jeder das versteht, was auch wir darunter verstehen. Das ist aber nicht die christliche, kirchliche Definition. Dieser kulturelle Sektenbegriff bezieht sich auf die konfrontative Stellung der Gruppe im Verhältnis zur Gesellschaft. Aus dieser Perspektive sind Merkmale einer Sekte die Tatsachen, dass die Gruppe sich von ihrer Umgebung abkapselt, dass die Mitglieder der Gruppe von ihrem sozialen Umfeld isoliert werden und dass das Heilsversprechen der Gruppe mit einem Absolutheitsanspruch verbunden wird. Nicht das Heilsversprechen ist das Problem - das beinhalten jeder Glaube und auch manche Ideologie -, sondern der Absolutheitsanspruch. Elitebewusstsein, Machtanspruch, Gruppendruck, Bewusstseinskontrolle, Verschwörungsdenken, Verfolgungswahn, Psychoterror gegen Abtrünnige und Kritiker sind weitere Merkmale einer Sekte, wie wir sie verstehen. Das hat nicht mit Religion und Weltanschauung zu tun, sondern damit, wie eine Gruppe von Menschen sich gegenüber ihren Mitgliedern und gegenüber anderen verhält.“ (Sitzungsprotokoll)

Diese Eingrenzung des Sektenbegriffs ist nachvollziehbar und praktikabel. Weitere Kriterien lassen sich ergänzen: Im Unterschied zu den etablieren Kirchen müssen Sekten ihre Anhänger rekrutieren und bedienen sich dabei sehr verschiedener Methoden. Sekten müssen keineswegs erkennbar straff organisiert sein. Allerdings sind ihnen transparente und demokratische Strukturen fremd. Auch bezogen auf die Gesellschaft huldigen Sekten in der Regel antidemokratischen Vorstellungen. Das Angebot der Sekten ist ferner nicht nur spiritueller Natur, sondern zumeist auch materiell einträglich. Dafür müssen allerdings auch viele Menschen die gesundheitlichen und finanziellen Kosten tragen.

Nicht immer sind alle Eigenschaften anzutreffen und jede Definition des Sektenbegriffs wird auf Einwände stoßen. Das ist aber nichts Außergewöhnliches. Das gilt auch für andere wissenschaftliche Termini wie für gängige Bezeichnungen, auf die weder in der Wissenschaft noch in der Alltagssprache oder im Journalismus verzichtet werden kann. Insbesondere die Journalisten prägen nicht unwesentlich das Image und die sprachliche Zuordnung der „neuen religiösen Weltanschauungsgruppen“. L. R. Hubbards aus den USA eingewanderte „Scientology Church“ hat es hierzulande äußerst schwer. Im Unterschied zu Rudolf Steiners hiesiger „Anthroposophie“ werden die „Scientologen“ durchaus als Sekte klassifiziert. So stellt sich die Frage: Ist es angebracht, in den Medien auch die „anthroposophische Bewegung“ als Sekte zu bezeichnen?


Die „volle Demokratie“ – Herrschaft der „Erleuchteten“

„Gegeben hat es sie schon vor dem Krieg. (dem 1. WK, der Verf.) Zwar war die Welt bürgerlicher Gegenkultur insofern bürgerlicher, als sie sich den Anschein gab, als auch in ihr das Vereins- und Verbandswesen blühte: vom »Deutschen Verein für naturgemäße Lebensweise« über den »Deutschen Vegetarier-Bund« bis zur »Vereinigung für hygienische, ethische und ästhetische Kultur«, alle ordentlich ins Vereinsregister eingetragen, mit Vorstand, Kassenwart und Jahresbeitrag. Die solchermaßen verwaltete Utopie kam noch ohne hervorragende Figuren aus, aber seit Beginn der Wilhelminischen Ära zeigt sich das eigentlich liberale Vereinsprinzip durch andere Organisationsformen angefochten. Die konkurrierende Denkfigur ist der Bund von Meister und Jüngern …“ (Hagen Schulze: Gesellschaftskrise und Narrenparadies, in: Linse, Ulrich: Barfüßige Propheten. Erlöser der zwanziger Jahre, Berlin 1983, S.19)

Während die meisten der „barfüßigen Propheten“ schnell in Vergessenheit gerieten, gelang es dem „Erlöser im Gehrock“, Rudolf Steiner, einen finanzkräftigen Unterstützer zu finden. Emil Molt, Mehrheitseigner der Zigarettenfabrik „Waldorf-Astoria“, finanzierte Rudolf Steiners Organisation und spendierte die erste Waldorfschule. Die Gründung weiterer Schulen konnte zwar nicht verhindern, dass Rudolf Steiner außerhalb dieser Einrichtungen ebensowenig eine Bedeutung erlangte wie andere zeitgenössische „Künder“, „Mahner“ und „Heiler“, aber Sie bescherten doch eine treue Anhängerschaft in begrenztem Rahmen.

„Die Theosophie, deren Cagliostro Rudolf Steiner heißt, hatte bereits vor dem Weltkriege zu einer Art von Sektenbildung geführt, der es durchaus nicht an den Kennzeichen aller religiösen Sekten fehlte: Geheimbündelei, Autorität eines suggestiv wirkenden Mannes, Schwärmerei und Opferbereitschaft zahlungsfähiger Weiblein, Verfolgungssucht gegen alle, die den neuen Cagliostro und seine Rednerei nicht ernst nehmen konnten.“ (Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie, Leipzig 1923, Bd. 3, S. 274)

Die bereits zuvor von Steiner betriebene Abspaltung von den „Theosophen“ zu einer allein ihm huldigenden „Bewegung“ wurde endgültig 1923 vollzogen, mit der Gründung der „Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“ (AAG). Steiners Jünger bezeichneten sich nun konsequent nicht mehr als „Theosophen“, sondern als „Anthroposophen“ und lebten streng nach den Geboten ihres "Meisters".

Nach Steiners Tod (1925) und allerhand internen Zerwürfnissen, versuchte die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland sich während der nationalsozialistischen Herrschaft vergeblich bei den neuen Machthabern anzubiedern. Die Nationalsozialisten hatten ihren eigenen Führer, der alle Verehrung für sich allein beanspruchte. Dennoch wurde die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland nicht wie oppositionelle Verbände 1933, sondern erst 1935 aufgelöst. Die letzte der acht damaligen Waldorfschulen führte ihren Unterricht bis 1941 weiter. Die Machtmonopolisierung der Nationalsozialisten, die auch vor den treuesten Bündnispartnern nicht Halt machte, ermöglichte es den Anthroposophen, sich nach 1945 nicht nur als Verfolgte, sondern auch als Gegner des NS-Regimes zu präsentieren und hartnäckig an dieser Lebenslüge festzuhalten, die gerade erst wieder von Dorion Weickmann in der „Zeit“ kolportiert wurde. (Vgl. Augen zu und Drucken)

Eine Voraussetzung für den Neuanfang und die Expansion dieser Schulen war und ist die konsequente Verleugnung ihres esoterischen Charakters in der Öffentlichkeit. Die Anhänger Rudolf Steiners bestreiten bis heute vehement, was innerhalb ihrer Dornacher Zentrale eine selbstverständliche Gewissheit ist: dass die Waldorf-/Rudolf-Steiner-Schulen unerlässlich sind für den Erhalt und die Zukunft der „Anthroposophie“. Es gibt kaum einen Anthroposophen, der nicht eine Waldorf/Rudolf-Steiner-Schule besucht hätte. Schüler öffentlicher Einrichtungen ist die “geistige Welt“ des selbsternannten Hellsehers Steiner hingegen grundsätzlich fremd und Erwachsene können nur selten für diese „Lehre“ gewonnen werden.

Die Anerkennung der Waldorfschulen als Ersatzschulen macht sie in der Bundesrepublik besonders lukrativ, denn dadurch erhält die Mitglieder- und Nachwuchs-Rekrutierung nicht nur eine besonders exklusive organisatorische Grundlage, sondern wird auch noch zum größten Teil aus Steuergeldern finanziert. (Die anthroposophischen Organisationen sind wiederum zumeist in der Rechtsform gemeinnütziger Vereine konstituiert, um keine „unnötigen“ Steuern zu entrichten.) Die staatliche Subventionierung ist natürlich mehr als willkommen und sollte nach anthroposophischer Meinung auf eine vollständige öffentliche Finanzierung aufgestockt werden, obwohl Anthroposophen von staatlicher „Einmischung“ - vom Staat an sich und vom Parlamentarismus zumal - überhaupt nichts halten.

Rudolf Steiners gesellschaftspolitisches Konstrukt trägt den Namen „Dreigliederung“. So wie die Waldorfschulen eine „kindgerechte“ Erziehung versprechen, die der individuellen Entwicklung der Schüler Rechnung trage, sich aber tatsächlich hinter den schönen Worten das Gegenteil in Theorie und Praxis verbirgt (Prange, Klaus: Erziehung zur Anthroposophie. Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik, 3. Aufl., Bad Heilbrunn 2000), so verhält es sich auch hinsichtlich der „Dreigliederung des sozialen Organismus“. Die „reine Menschlichkeit“ und die „volle Demokratie“ verheißt Steiners Modell, das seine Anhänger bis heute als segensreiche Alternative preisen. Dahinter verbirgt sich jedoch etwas ganz anderes. Der Historiker Helmut Zander kommt in seinem Standardwerk über die Anthroposophie in Deutschland zu dem Ergebnis:

„Steiner befand sich mit seinen demokratiekritischen und an der Autorität von Führungspersönlichkeiten orientierten Vorstellungen unter seinen Zeitgenossen nicht allein, wie man fairerweise festhalten muss, aber das ist allenfalls ein Teil des Problems. (…) Die Staatsstruktur und die gesellschaftliche Praxis waren kein Gegenstand der im Prinzip freien Vereinbarung zwischen Bürgern, sondern galten als ein Ergebnis von Einsichten aus einer geistigen Welt, die durch »Eingeweihte« wie Steiner erkannt und vermittelt werden sollten. Die demokratische Gestaltung wurde zu einem nachgeordneten und auf den Rechtsbereich eingeschränkten Regelungsbereich. Die politischen Schlüsselfunktionen sollten in den Händen einer Geistesaristokratie liegen, zu der die Bürger qua demokratischer Mehrheit keinen Zugang besitzen. Von diesem geistesaristokratischen Ansatz her zog Steiner seine demokratiekritischen Konsequenzen: Bürgerliche Mündigkeit war angesichts der geforderten esoterischen Kompetenz kein Kriterium, Parlamentarismus im von eingeweihter Sachkenntnis beherrschten »Geistesleben« keine Form politischer Gestaltung. (…) So erscheint die Dreigliederung als liberales und pluralismuskonformes Gesellschaftskonzept. Analysiert man jedoch ihre fundamentalen Strukturen, erweist sie sich als das genaue Gegenteil, als autoritär und antipluralistisch. (…) Diese geistesaristokratische Konstruktion liegt auch der Dreigliederung zugrunde. Deren Grundlagen werden deshalb nicht vertragstheoretisch oder naturrechtlich oder im offenen Rekurs auf weltanschauliche Annahmen begründet, sondern an die Einsicht einer elitären Minderheit in »höheres« Wissen gebunden. Diese Autoritätsbegründung hat Steiner allerdings in öffentlichen Vorträgen nur kaschiert geliefert, hingegen im geschützten Bereich der internen Vorträge offen ausgesprochen.“
(Zander, Helmut: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945, Göttingen 2007, S. 1320, 1350)

Kurz: Die demokratische Verfassung soll beseitigt werden und an ihre Stelle die Herrschaft der „Eingeweihten“ treten, was nichts anderes bedeutet als die Errichtung eines Anthroposophen-Staats. Für dieses Anliegen konnte Rudolf Steiner allerdings schon zur Weimarer Zeit keinerlei Unterstützung außerhalb der eigenen Reihen gewinnen. Steiner zog daraus den Schluss, dass die Menschheit für seine Erlösungsvorstellungen nicht reif und sein Konzept daher bis auf weiteres nur in der eigenen Organisation und ihren Schulen anzuwenden sei. Dabei ist es auch bis heute geblieben und mehr noch als zu Lebzeiten des „Propheten im Gehrock“, achten die Anthroposophen unter den Bedingungen der real existierenden Demokratie des 21. Jahrhunderts auf die saubere Trennung zwischen interner Überzeugung und äußerer Präsentation.

Nicht Mitbestimmung und Mehrheitsentscheide, sondern der Grad der „Erleuchtung“ ist folgerichtig innerhalb der organisierten Anthroposophie das ausschlaggebende Kriterium für die informellen Hierarchien. Sachkompetenz der herkömmlichen Art zählt hier nicht. Legitimation verschafft allein die „übersinnliche Erkenntnis“, deren einziger Gradmesser die Treue zu Rudolf Steiners Überlieferungen ist. Der Vorstand der anthroposophischen „Weltzentrale“ im Schweizer Dornach nutzt das Kooptationsverfahren, beruft also etwaige Nachfolger selber in uneingeschränkter Autonomie, damit auch die kleinste Abweichung ausgeschlossen ist. In den Schulen dient die Donnerstagskonferenz dazu, die Linientreue des Personals zu gewährleisten. Sie ist selbst bei überzeugten „Waldorfpädagogen“ nicht selten gefürchtet und verhasst.


Des Wahnsinns fette Beute – „Erleuchtung“ braucht Opfer

Zu Lebzeiten Steiners gestalteten sich die Donnerstagskonferenzen an der von ihm geleiteten Stuttgarter Schule besonders übersichtlich. Das Lehrerkollegium durfte Rudolf Steiner Fragen stellen und erhielt verbindliche Antworten.

„Dr. Steiner: Das Mädchen L. K. in der 1. Klasse, da wird irgend eine recht schlimme Verwickelung da sein mit dem ganzen Innern. Da wird auch nicht viel zu machen sein. Das sind diese Fälle, die immer häufiger vorkommen, dass Kinder geboren werden und Menschenformen da sind, die eigentlich in bezug auf das höchste Ich keine Menschen sind, sondern die ausgefüllt sind mit nicht der Menschenklasse angehörigen Wesenheiten. Seit den neunziger Jahren schon kommen sehr viele ichlose Menschen vor, wo keine Reinkarnation vorliegt, sondern wo die Menschenform ausgefüllt wird von einer Art Naturdämon. Es gehen schon eine ganze Anzahl alte Leute herum, die eigentlich nicht Menschen sind, sondern naturgeistige Wesen und Menschen nur in bezug auf ihre Gestalt. Man kann nicht eine Dämonenschule errichten.

x: Wie ist das möglich?

Dr. Steiner: An sich ist nicht ausgeschlossen, daß im Kosmos ein Rechenfehler geschieht. Es sind doch lange für einander determiniert die hinuntersteigenden Individualitäten. Es geschehen auch Generationen, für die keine Individualität Lust hat hinunterzukommen und sich mit der Leiblichkeit zu verbinden, oder die sie auch gleich am Anfang verlassen. Da treten dann andere Individuen ein, die nicht recht passen. Aber dies ist wirklich jetzt sehr häufig, daß ichlose Menschen herumgehen, die eigentlich keine Menschen sind, die nur menschliche Gestalt haben, naturgeistähnliche Wesen, was man nicht erkennt, weil sie in menschlicher Gestalt herumgehen. Sie unterscheiden sich auch sehr wesentlich von den Menschen in bezug auf alles Geistige. Sie können es zum Beispiel nie zu einem Gedächtnis bringen in den Dingen, die Sätze sind. Sie haben eigentlich nur Wortgedächtnis, kein Satzgedächtnis.

Die Rätsel des Lebens sind nicht so einfach. Wenn eine solche Wesenheit durch den Tod geht, dann geht sie zurück in die Natur, woher sie gekommen ist. Der Leichnam zerfällt; eine richtige Auflösung des Ätherleibes ist nicht da, und das Naturwesen geht in die Natur zurück.

Es könnte sein, dass irgendwie automatisch etwas geschehen könnte. Der ganze Apparat des menschlichen Organismus ist da. Man kann unter Umständen in den Gehirn-Automatismen eine Pseudo-Moral züchten.

Man redet sehr ungern über diese Dinge, nachdem wir ohnedies vielfach gegnerisch angefallen werden. Denken Sie, was die Leute sagen, wenn sie hören, hier wird erklärt, dass es Menschen gibt, die keine Menschen sind. Aber es sind Tatsachen. Wir würden auch nicht solchen Niedergang der Kultur haben, wenn ein starkes Gefühl dafür vorhanden wäre, dass manche Leute herumgehen, die gerade dadurch, dass sie rücksichtslos sind, etwas werden, daß die keine Menschen sind, sondern Dämonen in Menschengestalt.

Aber wir wollen das nicht in die Welt hinausposaunen. Die Gegnerschaft ist so schon groß genug. Solche Dinge chokieren die Menschen furchtbar. Es hat einen furchtbaren Chok hervorgerufen, als ich genötigt war zu sagen, dass ein ganz berühmter Universitätsprofessor, der einen großen Ruf hat, dass der nach einem sehr kurzen Leben zwischen Tod und neuer Geburt ein wiederverkörperter Neger war, ein Forscher.

Aber diese Dinge wollen wir nicht der Welt verkünden.“

(Rudolf Steiner: Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart 1919-1924, GA 300, Konferenz vom 05.07.1923)

Steiner unterteilte Menschen nach verschieden wertigen „Rassen“ und wenn es ihm gerade in den Sinn kam, sprach er auch Gruppen oder Einzelnen das Menschsein ab. So wird die Schülerin einer ersten Klasse schon mal als „Rechenfehler“ des Kosmos eingestuft, der einst dadurch korrigiert würde, dass die Kleine nach ihrem Tod keine Reinkarnation erfahren könnte, sondern wieder zu dem zerfalle, was sie eigentlich, trotz äußerer Menschengestalt, schon zuvor sei, ein „Naturdämon“. Da konventionelle Pädagogen, Eltern, Behörden und Öffentlichkeit solche kosmischen Einsichten einfach nicht begreifen könnten, sollen sie nur im sicheren Rahmen der Gleichgesinnten besprochen werden. Die Außenwelt bekommt dafür so schöne Worte zu hören, wie den Waldorf-Werbeslogan:

„Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen“

Rudolf Steiner hatte mit Emil Molt einen treuen und finanzkräftigen Förderer gefunden, doch um die materiellen Bedürfnisse der „geistigen Bewegung“ zu befriedigen, bedurfte es mehr. Um ein Heilsversprechen angemessen zu finanzieren, ist es sehr naheliegend, „Heilmittel“ zu verkaufen. Rudolf Steiner, ein Mann von grober Einfältigkeit, war in solcher Hinsicht durchaus geschäftstüchtig. Allem „Intellektualismus“ und jeder „materialistischen“ Wissenschaft (die auf Forschung statt auf „Eingebung“ basiert) erteilte er eine Absage und „erfand“ mit einigen Helfern binnen eines Jahres aus dem Stehgreif 295 Präparate, die den Grundstock der „Heilmittel“-Firma „Weleda“ lieferten. Derart effiziente „Hellsichts“-Produktion lohnt sich allemal, wenn für eine ausreichend gläubige Kundschaft durch einen auf die Produkte zugeschnittenen, spezifischen „Schulungsweg“ gesorgt ist und sie von ausgewählten „Medizinern“ empfohlen werden. (Gemeingefährlich statt gemeinnützig)

Gegen das Karma könne ohnehin nicht geheilt werden, so Steiner. Wenn die kosmischen Kräfte ihre Opfer verlangen ist das kein Anlass zur Traurigkeit, es dient der Läuterung für die nächste Reinkarnation. Wie die Pädagogen sollen auch die Ärzte nicht mit wissenschaftlicher Qualifikation glänzen, sondern durch ihre „Gesinnung“ dazu berufen sein als Priester der Anthroposophie den Gesetzen der „geistigen Welt“ zu entsprechen. Krankheiten haben für Steiner ebenso ihren guten Sinn wie das Massensterben an den Fronten des Ersten Weltkriegs oder der Unfalltod eines kleinen Jungen beim spielen. (Theos Opfer) Die „reine Menschlichkeit“ des „Geistesführers“ Rudolf Steiner, der sich ohne jede Ausbildung als Pädagoge betätigte, wirkungslose „Heilmittel“ erfand und an Kranke verkaufte sowie in der ersten anthroposophischen Klinik „ärztliche“ Anweisungen auf „spiritueller“ Grundlage erteilte, ist in Theorie und Praxis eine ethische Perversion, die über Leichen geht.

Nach Steiners Tod (1925) setzten seine glühenden Verehrer das Werk ihres „Meisters“ fort. Die von Steiner und Ita Wegmann begründete Weleda-AG entwickelte sich zu einem profitablen Unternehmen. Anders als die meisten anthroposophischen Verbände und Schulen überstand das Unternehmen die NS-Herrschaft bruchlos. Ein führender Weleda-Mitarbeiter, Franz Lippert verließ während dieser Zeit das Unternehmen und experimentierte im Konzentrationslager Dachau mit „biologisch-dynamischer Landwirtschaft“. Auch Sigmund Rascher, Sohn des prominenten anthroposophischen Artzes Hanns-August Rascher und Absolvent der Stuttgarter „Ur-Waldorfschule“, machte Karriere. Er wurde zum KZ-Arzt und Massenmörder, der, ebenfalls in Dachau, Menschenversuche durchführte und dabei unter anderem Präparate der Weleda-AG todbringenden Testreihen unterzog.

Die Realgeschichte ist für Anthroposophen jedoch ohne jeden Belang. Ganz im Gegenteil: Rudolf Steiners eigene „Theorie“ von menschlichen „Rassen“ dient den Anthroposophen als „Erklärung“ für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Die seien nämlich in Wahrheit keine Europäer, keine Deutschen gewesen, sondern Verkörperungen asiatischer (Karl Heyer) oder indianischer (Arnold Ith), auf jeden Fall außereuropäischer, degenerierter „Rassen“. Da Rudolf Steiners „Dreigliederung“, also die Herrschaft der Anthroposophen, nicht realisiert wurde, hätten diese „Fremdkörper“ die für sie charakteristischen, barbarischen Verbrechen in deutschem Namen begehen können. Heyers „Schauungen“ von 1947 wurden 1991 im Perseus-Verlag neu herausgebracht und fanden lebhafte Zustimmung in dem anthroposophischen Zentralorgan „Das Goetheanum“. Dort lobte der Redakteur und Gesellschafter der freundschaftlich verbundenen Zeitschrift „Info3“, Jens Heisterkamp, dass jegliche „Neigung zu eifernder Selbstbezichtigung“ in diesem Buch keinen Platz gefunden hätte. (Zit. n. Bierl, Peter: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister. Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik, 2. Aufl., Hamburg 2005, S. 196 f; S.264)

Nein, von solchen „Neigungen“ ist bei den karmischen Sinnstiftern der Anthroposophie so wenig die Rede wie unter den säkularen Ausschwitzleugnern. Wer einmal in den zweifelhaften Genuss kommt, mit Funktionären der sogenannten Dornacher „Freien Hochschule für Geisteswissenschaft“, dem Zentrum der anthroposophischen „Bewegung“, vertrauliche Gespräche über dieses Thema zu führen, der bekommt ganz anderes zu hören als in den für die Öffentlichkeit formulierten Verlautbarungen. Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht um eine tatsächliche Hochschule. „Geisteswissenschaft“ steht in dem Namen synonym für Anthroposophie und zugänglich ist diese „Hochschule“ nicht „frei“, sondern nur für bewährte, auf weltanschauliche Zuverlässigkeit überprüfte, mehrjährige Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Nach außen dringen von den Diskursen dieser Institution nur sorgfältig gefilterte Informationen und auch intern wird strikt unterschieden zwischen verschieden Stufen der „Einweihung“. Schriftliche Einblicke werden (wie auch an Waldorfschulen) generell vermieden. Der Historiker Helmut Zander scheint ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben:

„Steiner hat die Konsequenz, dass der Tod durch Katastrophen karmisch zu begründen sei, selbst gezogen (GA 34,361–363), die Übertragung auf den Holocaust durch heutige Anthroposophen ist mir nur mündlich bekannt. Yonassan Gershom, der derartige Thesen vertritt, wird auf anthroposophische Tagungen eingeladen und in anthroposophischen Medien diskutiert (vgl. Diet: Auf den Spuren der Opfer, 288–291). Gershoms Buch »Kehren die Opfer des Holocaust wieder?«, wurde 1997 im Dornacher anthroposophischen Verlag Geering publiziert. Die in dieser Vorstellung vom selbstverschuldeten Holocaust-Schicksal implizierte Entlastung der Täter zieht inzwischen in rechtsradikalen Milieus außerhalb der Anthroposophie weite Kreise ...“ (Zander, a.a.O., S. 635)

Keine Krankheit, kein Unglück, kein Verbrechen, kein Opfer bleibt ohne „spirituelle“ Deutung. Alles folgt und dient letztendlich den kosmischen Gesetzen, die allein Rudolf Steiner zu erschauen vermochte. Die Lehren die es daraus zu ziehen gilt, hat Steiner mit seiner „Anthroposophie“ versucht den Menschen nahezubringen. Die, bei denen das gelang, nennen sich Anthroposophen. Für sie haben Steiners Worte absolute Geltung. Ihnen zuwider zu handeln, hieße sich den Kräften des Kosmos widersetzen zu wollen, was ebenso aussichtslos wie verwerflich wäre und entsprechende karmische Strafen nach sich zöge. Gutes wird hingegen jenen zuteil, die ihr Leben der Anthroposophie hingeben, Rudolf Steiner folgen und seiner „Bewegung“ dienen, ideell und materiell – „ganzheitlich“, vollkommen.


Die Welt der Anthroposophie – fundamentalistische Gemeinschaft

Der an das Heilsversprechen gekoppelte Absolutheitsanspruch von Sekten kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass sie sich für Auserwählte halten, deren exklusives Bewusstsein nur ihnen vergönnt ist und allen anderen verwehrt bleibt. Aus dieser Sicht ist gewissermaßen die ganze Welt eine Sekte, mit Ausnahme des eigenen kleinen Kreises wahrhaft Erleuchteter. Anthroposophen betrachten sich als wissende Avantgarde inmitten einer irrenden Gesellschaft. Von Sekten als „neuen Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften“ zu sprechen, ist nicht nur nichtssagend, sondern auch verharmlosend, da eine Unterscheidung zu achtbaren Anliegen, deren Lehren, Methoden und Ziele transparent und tolerabel sind, unter den Tisch gekehrt würde. Sekten sind nicht „neue“, sondern fundamentalistische Gruppierungen.

Die gläubigen Anhänger Rudolf Steiners schrieben jedes Wort mit, das ihr „Meister“ zu den verschiedensten Gelegenheiten äußerte. Sein Nachlass umfasst 350 zu Lebzeiten und posthum veröffentlichter Bände. Außerhalb der „Welt der Anthroposophie“ erlangte nicht eines seiner Werke, nicht eine seiner „spirituellen Erkenntnisse“, nicht ein Satz irgendeine Relevanz, da sie unschwer nicht als „übersinnlich“, sondern als unsinnig zu erkennen sind. Waren seine frühen Werke bestenfalls bedeutungslos, so sind seine späteren Schriften und Vorträge, nachdem sich der „Philosoph“ als hellsichtiger Prophet einer „geistigen Welt“ neu definierte, nur noch Ausdruck eines schieren Wahnsinns.

Aus diesem Grund gehen die Anthroposophen mit dem Wortlaut Rudolf Steiners in der Öffentlichkeit mehr als sparsam um und reagieren empört, wenn von Wissenschaftlern oder kritischen Journalisten aus dessen Werk zitiert wird. Stets ist dann davon die Rede, dass Zitate aus einem Zusammenhang gerissen worden seien und es sich um eine bösartige Falschdarstellung handeln würde. Nur gibt es in Steiners Werk keinen Zusammenhang, der seine Elaborate irgendwie zu retten vermöchte. Der Zusammenhang, in den Steiners übelste rassistische Tiraden gehören, ist beispielsweise dessen Evolutionsverständnis, das von seinem spezifisch esoterischen Rassismus geprägt ist und ein Grundpfeiler der „Anthroposophie“ überhaupt ist, und zwar bis heute. (Helmut Zander, a.a.O, S. S. 624 ff.) In einem seiner „pädagogischen Lehrbücher“ schreibt Steiner:

“Der Mensch steht der Außenwelt gegenüber. Das Geistig-Seelische strebt danach, ihn fortwährend aufzusaugen. Daher blättern wir außen fortwährend ab, schuppen ab. Und wenn der Geist nicht stark genug ist, müssen wir uns Stücke, wie zum Beispiel die Fingernägel, abschneiden, weil der Geist sie, von außen kommend, saugend zerstören will.” (Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293, S. 177)

Es sind solche „Erkenntnisse“, die von den Anthroposophen öffentlich wohlweislich nicht als Grundlagen der „Waldorfpädagogik“ benannt, in den „Lehrerseminaren“ jedoch wie heilige Schriften behandelt werden. (Seminar für Waldorfpädagogik; Waldorflehrerin) Derartige „Erleuchtungen“ sind gemeint, wenn Vertreter des Bunds der Freien Waldorfschulen, wie kürzlich Henning Kullak-Ublick im SWR, von Rudolf Steiner als „Forscher“ sprechen, der „Pionierarbeit“ geleistet hätte. Das Vorstandsmitglied des Walldorfbunds erklärte den Zuhörern unter anderem,

„dass die Anthroposophie von Rudolf Steiner entwickelt wurde als eine wissenschaftliche Methode, das Geistig-Seelische des Menschen zu erforschen, und zwar auch in Zusammenhang mit seinen leiblichen, körperlichen Prozessen. Das ist, wenn Sie so wollen, exakt der Forschungsgegenstand der modernen Hirnforschung.“ (Henning Kullak-Ublick, SWR 2, Forum, 17.11.2008)

Steiner gelangte diesbezüglich durch seine „Forschung“ zu folgendem bahnbrechenden Resultat:

"Was ist die Hirnmasse? Die Hirnmasse ist einfach zu Ende geführte Darmmasse. Verfrühte Gehirnabscheidung geht durch den Darm. Der Darminhalt ist seinen Prozessen nach durchaus verwandt dem Hirninhalt.

Wenn ich grotesk rede, würde ich sagen, ein fortgeschrittener Dunghaufen ist das im Gehirn sich Ausbreitende; aber es ist sachlich durchaus richtig. Der Dung ist es, der durch den eigenen organischen Prozess in die Edelmasse des Gehirns umgesetzt wird und da zur Grundlage für die Ich-Entwickelung wird."

(Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft, GA 327, S. 201)

Ein Pionier war Rudolf Steiner allenfalls insofern, als es ihm gelang, solcherlei Darlegungen als kosmischer Weissager an eine dankbare Gruppe von Menschen zu vermitteln, die sich aufgrund derart tiefer Schauungen stolz als Anthroposophen bezeichnen. Und noch heute kann ein Exponent des Bunds der Freien Waldorfschulen im Rundfunk von "Forschungsleistungen" Rudolf Steiners sprechen, im Vertrauen darauf, dass Moderator wie Zuhörer nicht ahnen, was damit gemeint ist.

Wissenschaftler und Journalisten, die nicht auf die anthroposophische Sprachkulisse hereinfallen, werden dagegen mit allen Mitteln bekämpft, insbesondere mit Diffamierungskampagnen, Intervention bei den jeweiligen Redaktionen, Massenzuschriften und Gerichtsklagen - in einem Ausmaß, das von keiner anderen Gruppierung bekannt ist. (Zuletzt betroffen: Gabi Probst) Anthroposophen halten solche Vorgehensweisen nicht nur für ihr „gutes Recht“, sondern für ihre Pflicht. Die meisten von ihnen leben seit ihrer Schulzeit an einer Waldorf-/Rudolf-Steiner-Schule in einer nahezu hermetisch geschlossenen Parallelwelt, deren ethische Maßstäbe sich nicht mehr an Demokratie, Recht und Menschenwürde orientieren, sondern an Rudolf Steiners Schriften. Zwar fehlt es auch nicht an internen Querelen über die einzig richtige Auslegung dieser Hinterlassenschaft, in der konfrontativen Stellung gegenüber der Außenwelt und der Unantastbarkeit Steiners herrscht jedoch absolute Geschlossenheit.

Die rhetorische Camouflage, die George Orwell hätte erblassen lassen, und die staatlich geförderten Waldorf-/Rudolf-Steiner-Schulen bilden die wichtigsten Voraussetzungen für den „Erfolg“ der „anthroposophischen Bewegung“ in der Bundesrepublik. Zu deren weitverzweigter Organisation gehören u.a.: die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, die Waldorfschulen und deren Bundesverband, Kinderheime wie „Camphill“ und sonderpädagogische Einrichtungen, Wirtschaftsbetriebe wie die Weleda-AG, die GLS-Bank und dem Demeter-Verband, Privathochschulen (in Alfter und Witten) sowie eine Vielzahl von Verlagen, Zeitschriften und Buchhandlungen.

Vergleichbare Organisationen wie die „Scientology Church“ können nur neidvoll auf das Ausmaß blicken, in dem es den Anthroposophen gelungen ist, sich in der Bundesrepublik zu behaupten, unterstützt von einflussreichen Gönnern und Nutznießern in Wirtschaft und Politik, wie beispielsweise dem dm-Drogeriemarkt-Besitzer Götz Werner oder der Familie Schily, deren bekanntester Anhänger Rudolf Steiners der ehemalige Innenminister Otto Schily ist, dessen Bruder Konrad als Gründungspräsident der Privatuniversität Witten/Herdecke fungierte und dessen Neffe Julian dem Vorstand der Finanzgesellschaft des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin angehört, in dessen Aufsichtsrat wiederum Otto Schily seines Amtes waltet. (GAG-Havelhöhe)

Helmut Zander hat mit seiner Geschichte der „Anthroposophie in Deutschland“ (1884–1945) einen wohlwollenden Beitrag zur Erforschung der anthroposophischen Weltanschauung geliefert. Eine kritische Geschichte der Anthroposophie in der Bundesrepublik steht nach wie vor aus. Es ist die Geschichte der Etablierung und Expansion einer fundamentalistischen Gemeinschaft in einer demokratischen Gesellschaft. Die anthroposophische Organisation kann nicht nur als Sekte bezeichnet werden, sie ist hinsichtlich der meisten Kriterien eine Sekte par excellence.