Freitag, 11. Juli 2008

Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung

KJHE „Alte Ziegelei“ Rädel -Theorie und Praxis anthroposophischer Kinderbetreuung


Viele Kinder haben aus den verschiedensten Gründen psychische Probleme, die weder sie selbst noch ihre Eltern zu lösen vermögen. Hilfe versprechen sich die Betroffenen von staatlich anerkannten und empfohlenen Einrichtungen, in denen solche Kinder von pädagogisch und psychologisch ausgebildetem Personal professionell betreut und therapiert werden. Die Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung (KJHE) „Alte Ziegelei“ im brandenburgischen Rädel ist ein Heim, das diese Aufgabe erfüllen soll. Am Donnerstag vergangener Woche (2.7.2008) berichtete der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) in einem Beitrag des Magazins „Klartext“ über die KJHE. Die Moderatorin leitete den Bericht mit den Worten ein:

„Hier gilt angeblich der Grundsatz von Rudolf Steiner, dem Begründer der Waldorf-Pädagogik: ‚Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen und in die Freiheit entlassen.‘ Soweit die Theorie. Doch die Praxis sieht offenbar anders aus …“

Auch die „Theorie“ des Anthroposophie und Waldorfschulengründers Rudolf Steiner (Vgl. Zum Geleit) sieht jedoch „anders aus“ als der zitierte Werbeslogan, hinter dem sie sich verbirgt. Rudolf Steiner war kein Pädagoge und kein Psychologe. Steiner verstand sich selber als „Hellseher“, der seine Eingebungen direkt aus dem „Kosmos“ erhielt. Von einer Theorie kann bei Steiner überhaupt nicht gesprochen werden. Was er über die Erziehung von Kindern schrieb, ist ein Konglomerat esoterischer Lehrsätze, die jeder rationalen Grundlage entbehren.


Steiner proklamierte siebenjährige Entwicklungsphasen und vier unterschiedliche Temperamente von Kindern, nach denen diese zu behandeln seien. (Vgl. Hottentotten und Melancholiker) Es sind diese absurden Postulate, die der KJHE als „Pädagogischer Ansatz“ dienen. (KJHE) Nach Steiner sind lebende Kinder nicht zum ersten und einzigen Mal auf der Welt. Krankheiten sind für Steiner eine Strafe aus einer Verfehlung in einem früheren Leben. Behinderte gelten Anthroposophen als „Trottel-Inkarnationen“, wie sich der „Waldorfpädagoge“ Johannes Kiersch in einem Streitgespräch mit Helmut Zander im Dezember vergangenen Jahres auszudrücken beliebte. (Waldorfschule Berlin Kreuzberg, 5.12.2007)


Behinderte Menschen haben nach anthroposophischer Lehrmeinung in ihrem früheren Leben zu viel gelogen und müssen das im gegenwärtigen Dasein durch körperliche oder seelische Gebrechen büßen. Dieser menschenverachtende Wahnsinn wird allen Ernstes nicht nur in einschlägigen Publikationen verbreitet (Reinkarnation und Karma in der Erziehung, hrsg. v. Heinz Zimmermann, Dornach 2002), sondern auch in den Ausbildungsseminaren für „Waldorfpädagogen“ gelehrt, wie das ZDF bereits vor zwei Jahren berichtete. („Frontal 21“, 18. April 2006)


Ebenso werden auch Entwicklungsschwierigkeiten oder psychische Erkrankungen von Anthroposophen nicht in Hinblick auf das konkrete, reale Kind therapiert. Vielmehr wird ihnen mit wissenschaftsfernen Methoden begegnet, die auf eine vermeintlich übersinnliche „Wesenheit“ des karmisch bestraften Menschen abzielen. Ein menschliches Individuum ist für Steiner und seine Adepten nur ein vorübergehender Aggregatzustand einer ewig währenden kosmischen Existenz. (Vgl. Theos Opfer)


Der Pädagoge soll kein Erziehungswissenschaftler sein, sondern ein „Erziehungskünstler“, der als „geliebte Autorität“ seines Amtes waltet. Er soll nicht von „materialistischer“ Wissenschaft belastet, sondern von Rudolf Steiners „Anthroposophie“ beflügelt werden. Mit anderen Worten: Genau das, was eine Institution wie die KJHE leisten soll und was ihr gesetzlicher Auftrag ist, wird schon in der „Theorie“ explizit abgelehnt. Nicht aus einer Differenz von Theorie und Praxis, sondern gerade aus der programmatischen Umsetzung esoterischer Weltdeutung und deren pervertiertem Menschenbild resultieren die fachlichen und personellen Defizite anthroposophischer Einrichtungen, mit all ihren Folgen.


Es stellt sich daher die Frage, wieso Jugendämter Kinder einem Heim zuweisen, das ihre individuellen Traumata heilen soll, während die Heimbetreiber es gar nicht als ihre Aufgabe ansehen, die Leiden einer singulären kindlichen Individualität zu lindern, sondern den kosmischen Gesetzen von Karma und Reinkarnation zu folgen und anstelle von Fachkräften ein anthroposophisches Weltanschauungspersonal zu bevorzugen, mithin eine vollkommen andere Zielsetzung zu verfolgen als vorgesehen und vorgeschrieben ist. Da gerade diese Kinder unstrittig einer besonders qualifizierten Fürsorge bedürfen und diese auch gesetzlich verankert ist, muss hier von einem eklatanten Verstoß nicht nur der KHJE, sondern auch der zuständigen Behörden, gegen geltendes Recht und humanitäre Grundsätze ausgegangen werden.


Die Dokumentation des RBB

Die KJHE in Rädel wird mit öffentlichen Geldern finanziert, scheut allerdings nichts mehr als die Öffentlichkeit. Gabi Probst, erhielt für Ihren Beitrag der Sendung „Klartext“ des RBB vom 2. Juli 2008 keine Drehgenehmigung. Der Leiter und Geschäftsführer des Kinderheims, Erwin Roth, stand für ein Interview nicht zur Verfügung. Auch die pädagogische Leiterin, Angelika Gilde, war zu keiner Stellungnahme bereit. Schließlich willigte Malcolm Hope vom Vorstand der KJHE ein, auf Fragen von Probst zu antworten.

Stephan Kühne, ehemaliger Lehrer und Mitglied der Heimleitung, berichtete, dass in Rädel HIV-positive Kinder untergebracht seien, ohne dass das Personal davon in Kenntnis gesetzt worden wäre. Hierzu befragte die Journalistin Malcolm Hope und erhielt die Antwort:

„Dazu kann ich auch nichts sagen.“

Die Praktikantin Johanna Niermann berichtete, dass sie über Stunden und Tage auf sich allein gestellt neun Kinder betreuen musste. Hierzu erklärte Hope erneut:

„Es tut mir Leid Frau Probst, dazu kann ich auch nichts sagen.“


Malcolm Hope wusste rein gar nichts zu sagen. Gabi Probst wandte sich an das Landesschulamt Brandenburg, da in Rädel in Kooperation mit der Waldorfschule Potsdam auch Schulunterricht erteilt wird. Die Genehmigung dazu wurde von der Behörde ausgestellt, von einer Verantwortung mochte der Schulamtsleiter jedoch nichts wissen und warf die Journalisten kurzerhand hinaus, nachdem diese gewagt hatten, kritische Fragen zu stellen. Inzwischen hat das brandenburgische Bildungsministerium eingeräumt, dass vier von 16 Erziehern der KJHE keine vorgeschriebene Qualifikation besaßen. Mit anderen Worten: Ein Viertel der Betreuer waren reine „Erziehungskünstler“, die sich ohne fachliche Ausbidung, weniger den Gesetzen der Bundesrepublik als denen Rudolf Steiners „geistiger Welt“ verpflichtet sahen.

Gemäß Rudolf Steiners „Jahrsiebtlehre“ werden Kinder nicht nach Ihren Fähigkeiten und Begabungen unterrichtet und gefördert, sondern nach dem, was der „Hellseher“ für die jeweilige Altersgruppe für angemessen hielt. Die Folgen für ihr Kind beschrieb eine Mutter so:

„Das Schlimmste, was man meinem Sohn angetan hat, dass man ihn unterrichtet hat als Drittklässler. Das ist das Schlimmste. Diese seelische Vernachlässigung, wie er darunter gelitten hat. Wie er gelitten hat, nicht lernen zu dürfen.“


Laut RBB bescheinigten zwei unabhängige Schulpsychologen dem Jungen eine mangelnde Schulbildung bei überdurchschnittlicher Intelligenz. Kurze Zeit nachdem er das Heim verlassen hatte, schaffte er die Aufnahme ins Gymnasium. Andere Kinder litten laut eigenen Aussagen, die von ehemaligen Angestellten der KJHE bestätigt wurden, nicht nur unter psychischen Qualen, sondern auch unter physischen Misshandlungen.

Unter anderem soll ein Mädchen mehrere Tage und Nächte in einem Kellerraum ohne Licht und Schlafgelegenheit eingesperrt worden sein. Ein Junge berichtete, von der pädagogischen Leiterin mit einem Stuhl derart heftig am Kopf getroffen worden zu sein, dass ihm ohnmächtig geworden wäre. Ein anderer beschrieb den sogenannten "Gilde-Griff", benannt nach der pädagogischen Leiterin der KJHE, Angelika Gilde: Ein Kind würde zu Boden geworfen. Auf dem Bauch liegend, setze sich Frau Gilde auf den Rücken des Kindes und ziehe dessen überkreuz um den Hals geschlungene Arme nach hinten, während sie ihr Knie in den Rücken des Opfers presse. Das Kind erleide große Schmerzen und geradezu existenzielle Angst. Stephan Kühne bestätigte, dass „Gilde-Griff“ in Rädel ein geflügeltes Wort des Schreckens sei. Yesha Karmeli, ehemaliger Heiltherapeut der KHJE sagte aus, in einem Fall, hätten drei Mitarbeiter des Heims, darunter die pädagogische Leiterin, ein Kind zwei Stunden lang am Boden liegend festgehalten.

Am Ende ihres Beitrags präsentierte Gabi Probst ein Tondukument der besonderen Art:

„Frau Gilde, aua, ich mag das nicht! Oh manno Frau Gilde, du erdrückst mich! Du tust meinem Finger weh! Bitte, mein Finger wird blau, aua!“

Aus Leibeskräften schrie ein kleines Mädchen diese Worte. Die Lehrerin der Kleinen, Angelika Gilde, drohte daraufhin:

"Du bist jetzt still, sonst muss ich dir den Mund zuhalten, Christina ist jetzt still!“

Wer das Schreien der kleinen Christina gehört hat, wird es so schnell nicht vergessen. Ein Mitschüler hatte die Szene heimlich aufgenommen und seinen Eltern vorgespielt, die das Material dem Sender zukommen ließen. Dreißig Minuten soll Frau Gilde den Angaben der Schüler und Eltern zufolge das Mädchen während des Schulunterrichts vor den Augen der anderen Kinder auf schmerzhafte Art und Weise fixiert haben.

Mehrere Eltern erstatteten inzwischen Strafanzeige gegen Gilde. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener in mehreren Fällen. Gilde wurde zunächst untersagt, sich mit Kindern allein in einem Raum aufzuhalten. Nach weiteren Hinweisen und Aussagen hatte das Landesjugendamt ein Beschäftigungsverbot ausgesprochen. Angelika Gilde wohnt allerdings nach wie vor auf dem Gelände der KJHE.


Die Reaktion der Anthroposophen

Erst nachdem die Behörde die pädagogische Leiterin suspendiert hatte, hielt es die Leitung der KJHE für opportun, die „Pädagogin“ von ihren Aufgaben „freizustellen“, die sie ohnehin nicht mehr wahrnehmen durfte, um dies der Öffentlichkeit so zu präsentieren, als habe die Einrichtung sich auf eigene Initiative zu diesem Schritt entschlossen. Mag man dies noch als kleine Mogelei durchgehen lassen, so sind die weiteren Stellungnahmen der Verantwortlichen in keiner Weise mehr zu billigen. Bereits einen Tag nach der Ausstrahlung des Fernsehberichts hatte der Pressesprecher der Waldorfschulen in Berlin und Brandenburg, Detlef Hardorp, seine ganz andere „Wahrheit“ für die Öffentlichkeit parat. (Waldorf.net)


Inzwischen hat Hardorp für seine aus dem Stehgreif ersonnene Gegendarstellung auch die Unterschriften von Erwin Roth und Malcolm Hope von der KJHE eingeholt. (OpenPR, 4.7.2008) Die offizielle anthroposophische Version sieht jetzt so aus: Es sei ausreichend und bestens qualifiziertes Personal vorhanden. Es habe keinerlei Misshandlungen gegeben. Die schreiende Christina habe auf dem Schoß der Betreuerin gesessen und sei dieser sehr zugeneigt. Kinder, Eltern, Erzieher und Lehrer hätten ihre Schilderungen frei erfunden, weil sie mit der Einrichtung „unzufrieden“ gewesen seien. Sie hätten dann ein „Komplott“ geschmiedet und die Medien wie auch die Staatsanwaltschaft für ihre Zwecke „instrumentalisiert“ ... Und schließlich:

„Deshalb ist eine Anwaltskanzlei damit beauftragt worden, wegen dieser Vorgänge einen Strafantrag wegen Vortäuschen einer Straftat, Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung, Verletzung von Privatgeheimnissen und Bildung einer kriminellen Vereinigung (sic!) sowie etwaiger Beihilfehandlungen vorzubereiten. Wegen etwaiger Schäden für die Einrichtung soll die Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen vorbereitet werden.“ (OpenPR, 11.7.2008)

Die Aussagen von Betroffenen gegenüber Journalisten sind für die Anthroposphen also ein Akt organisierter Kriminalität ("Bildung einer kriminellen Vereinigung"). Reagiert so ein seriöser Träger von allgemeinbildenden Schulen und sonderpädagogischen Einrichtungen? Nein, die Grobschlächtigkeit der absurden Entgegnung, die Diffamierung von Presse und Justiz sowie die Bedrohung von Zeugen, entsprechen sprachlich und inhaltlich vielmehr dem für fanatische Sektenanhänger charakteristischen Gebaren. Mit ihren "Presseerklärungen" haben Hardorp, Roth und Hope im Namen des Bunds der Freien Waldorfschulen und der KJHE erneut deutlich gemacht, welchem Personal die Kinder in Rädel ausgeliefert waren und bis heute sind, sofern sie nicht von Ihren Eltern nach Hause geholt wurden, wie es der Sprecher des brandenburgischen Bildungsministeriums, Stephan Breiding, in einem Interview mit dem RBB empfahl. (RBB-Aktuell, 7.7.2008)


Die Neuaufnahme von Kindern ist der KJHE bis auf weiteres untersagt. Es bleibt zu hoffen, dass die zuständigen Behörden endlich dazu bereit sind, eigene Versäumnisse einzugestehen und auszuräumen, anstatt weiterhin zu beschönigen, zu vertuschen und Journalisten hinauszuwerfen. Kinder, zumal kranke und behinderte, sind die schwächsten und wehrlosesten Mitglieder unserer Gesellschaft. Sie mit behördlicher Unterstützung oder gar Weisung in die Hände anthroposophischer Extremisten zu geben, die in ihnen nichts anderes als das lebende Material ihres Karma- und Reinkarnations-Wahns erblicken, ist mehr als nur ein Skandal.


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