Dienstag, 22. April 2008

Stört die Signale

Bund der Freien Waldorfschulen manipuliert Online-Umfragen

In diesen Tagen fragt die „Wirtschaftswoche“ ihre Leser, ob Privatschulen gänzlich aus Steuermitteln finanziert werden oder weiterhin ein Teil der Kosten über Elternbeiträge gedeckt werden sollten. Die Abstimmung ergab zunächst ein Ergebnis, in dem die Leser mehrheitlich gegen eine vollständige öffentliche Finanzierung privater Einrichtungen votierten. Eine solche Lesermeinung war für den Bund der freien Waldorfschulen nicht hinnehmbar. Der Verband forderte daraufhin alle anthroposophischen Schulen auf, die Abstimmung in die gewünschte Richtung zu bringen:

„Von: Bund der Freien Waldorfschulen
Gesendet: Montag, 21. April 2008 10:39
An: An alle Waldorfschulen
Betreff: Bitte mitmachen bei online-Abstimmung!

Von: Hans-Georg Hutzel
Verschickt: Mo., 21. Apr. 2008, 12:04
Thema: WG: Bitte mitmachen bei online-Abstimmung!

Bitte Online abstimmen: Soll der Staat Privatschulen genauso fördern wie öffentliche Schulen?

In der aktuellen „Wirtschaftswoche“ ist ein Artikel über
Privatschulen abgedruckt, u. a. mit einem Interview mit Bernd Eisinger (Der Bildungsökonom fordert mehr Wettbewerb zwischen Privatschulen und Staat)

Auf der Homepage der Wirtschaftswoche

http://www.wiwo.de

ist daher die Frage der Woche zum Abstimmen:

Soll der Staat Privatschulen genauso fördern wie öffentliche Schulen?

Aktueller Stand:

46,97% JA, damit auch Kindern aus finanzschwachen Familien
Privatschulen offenstehen

53,03% - Nein, der Staat soll sich raushalten. Privatschulen sollen sich nur über Elternbeiträge und Spenden finanzieren

In dieser für uns überaus wichtigen Frage zeichnet sich momentan ab (s.o.), dass mehr Stimmen gegen eine gleiche Förderungen von Schulen in freier Trägerschaft sind als dafür. Daher bitten wir Sie, fleißig mitzustimmen, damit ein anderes Signal entsteht.“

Hans-Georg Hutzel, der mit diesem Schreiben an die Gleichgesinnten appellierte, die Umfrage der Wochenzeitung zu einem „Signal“ im Sinne der anthroposophischen Interessensorganisation umzufunktionieren, ist Vorstandsmitglied des Bunds der Freien Waldorfschulen und Geschäftsführer der Freien Waldorfschule Kreuzberg, Berlin. (vgl. Waldorf vor Gericht) Was gemeinhin als illegitime, vorsätzliche Manipulation gilt, bereitet Anthroposophen im Dienste einer „höheren Wahrheit“ keinerlei Skrupel. Deshalb musste Hutzel die Anhänger Rudolf Steiners nicht lange bitten. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Aufruf über die anthroposophischen Organisationen verbreitet und die „Wirtschaftswoche“ verzeichnete für eine eher unspektakuläre Meinungsumfrage eine Rekordbeteiligung.

Das sensationell-absurde Zwischenergebnis dürfte den Bund der Waldorfschulen bereits sehr zufriedenstellen: Ganz anders als zuvor, ist plötzlich eine überwältigende Mehrheit der Abstimmenden der Meinung, Schulen in privater Trägerschaft sollten dringend zur Gänze aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Ein voller Erfolg für den rücksichtslos operierenden Interessensverband, wäre nur nicht aufgeflogen, wie es dazu kam. Innerhalb von gut 24 Stunden brachten etwa 3000 gehorsame Anthroposophen ein derzeitiges Abstimmungsergebnis von deutlich über 90 Prozent für die staatliche Vollversorgung privater Schulträger zustande. (Zahl und Tendenz steigend) Die anthroposophischen "Individualisten" tanzen wie Marionetten nach der Pfeife ihrer Vorstände, die strikt nach dem Prinzip "Unser Zweck heiligt unsere Mittel" agieren. Demokratie und Menschenwürde, Wissenschaft und Pressefreiheit etwa - um nur einige Beispiele zu nennen - sind allerdings weder mit anthroposophischen Mitteln, geschweige denn mit ihren Zwecken vereinbar.


Nicht gerade das überzeugendste Beispiel einer suggestionsfreien demoskopischen Umfrage in der Wirtschaftswoche, Stand: 22. April 2008. (Inzwischen aktualisierter Link vom 24.4.2008 unten im Nachtrag)
Das tatsächliche Umfrageergebnis missfiel den Anthroposophen dennoch so sehr, dass sie es mit Masseneinsatz erheblich "korrigierten".


Recht ist, was der Anthroposophie nützt


Die Art und Weise, wie die Anthroposophen ihre Weltsicht gegenüber anderen hinterrücks durchzusetzen versuchen, spricht Bände. Dabei kommt nur in Einzelfällen das Vorgehen dieser sich honorig gebärdenden „Bewegung“ ans Tageslicht. Vollkommen planmäßig und "geräuschlos" wurden z.B. die einschlägigen Stichwörter „Anthroposophie“, „Rudolf Steiner“, „Waldorfschulen“ etc. der deutschen wie der englischen Ausgabe der freien Internetenzyklopädie „Wikipedia“ unter "Kontrolle" gebracht. So vermittelt die Enzyklopädie nun weltweit ein recht philanthropisches Bild von jenem Organisationsgeflecht fundamentalistisch-neureligiöser Prägung.

Wer die irrsinnigen und menschenverachtenden Phantastereien Rudolf Steiners nicht teilt, der hat nach anthroposophischer Überzeugung mindestens sein Recht auf öffentliche Meinungsäußerung verwirkt. So gehen die Anthroposophen gezielt gegen Kritiker vor, und zwar auf allen Ebenen, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk über die freie Presse bis hin zu missliebigen Web-Blogs. Mit Massenpost, öffentlichen Verleumdungen und den exaltiertesten juristischen Drohungen versuchen die Anthroposophen alle Beteiligten (Redaktionen, Autoren, Web-Hoster) an der Veröffentlichung kritischer Beiträge zu hindern. (Vgl. Es geht ums Ganze)

Dass diese Aktionen im Rahmen des geltenden Rechts keine Aussicht auf Erfolg haben und auch der Presserat kein anthroposophisches Standgericht ist (zuletzt Entscheidung vom Nov. 07), ficht die „Geisteskämpfer“ in keiner Weise an. Vielmehr geht es darum, die Beteiligten durch fortgesetzte Belästigungen mürbe zu machen und so zum Schweigen zu bringen. In einigen Fällen funktionierte das, in anderen nicht. Auch die „Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie“ und deren Web-Hoster wurden in letzter Zeit verstärkt hinter den Kulissen angegangen, als bedürfe es noch eines zusätzlichen Ansporns für eine fortdauernde Berichterstattung über derartige Praktiken.

Zu jenen, die den "Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie" in den letzten Wochen mit "rechtlichen Schritten" drohten (und sich auch an deren Hoster wandten) zählt auch Frau Cornelie Unger-Leistner. Die anthroposophische „Journalistin“ glaubt allen Ernstes, ihre von einer Bundesbehörde als unwahr dementierten „Berichte“ müssten weiterhin unwidersprochen hingenommen werden und sie hätte ein Recht darauf, die Veröffentlichung der Tatsachen zu untersagen. (Zum Sachverhalt: Anthroposophischer Journalismus; Integrale Öffentlichkeitsarbeit) Hier zeigt sich - wie so oft - die radikale anthroposophische Realitätsumkehr, gepaart mit einem extremen Unterdrückungswillen, dem Pressefreiheit kategorisch im Widerspruch zur unantastbaren "Lehre" Rudolf Steiners steht. Die öffentliche Meinung muss aus anthroposophischer Sicht kontrolliert und manipuliert werden.

Interessant bleibt abzuwarten, ob die „Wirtschaftswoche“ Ihre Leser über die Besonderheiten ihrer aktuellen Umfrage aufklärt, deren Teilnehmerzahl, ihres rasanten Verlaufs und der jeden Anthroposophen erfreuenden „Klarheit“ des radikal verfälschten Ergebnisses. Schließlich ist es nicht mehr die erfragte Meinung der Wirtschaftswochen-Leser, die dort zum Ausdruck kommt, sondern das gesteuerte Votum der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und ihres Waldorfschulen-Verbands. Es ist ein Beispiel dafür, wie leicht Online-Umfragen manipuliert werden können, wenn eine organisierte "Bewegung" für sich das Recht in Anspruch nimmt, das Abstimmungsergebnis zu "korrigieren".

Natürlich kann das auch unter "normalen" Umständen nicht ausgeschlossen werden, ist aber auch nicht immer in einem solchen Ausmaß wahrscheinlich. Sind oder wähnen sich jedoch extremistische Gruppierungen tangiert, ist hingegen durchaus damit zu rechnen, wie dieses Beispiel erneut zeigt. Dabei wird deutlich, dass die anthroposophischen Organisationen wie der Bund der Freien Waldorfschulen ebenso wie die vermeintlich individualistische Mitglieder- und Anhängerschaft, auf der Grundlage eines rein ideologisch-instrumentellen „Rechtsempfindens“ geschlossen zur Tat schreiten.

Die „Wirtschaftswoche“ muss sich nun entscheiden: Bewahrt sie Stillschweigen oder macht sie transparent, welch seltsame Abstimmungssituation sich auf ihrer Internetseite vor den Augen der Leser abspielt. Das wird hier dann nachzutragen sein. Vielleicht fragt die Zeitung auch den Bund der Freien Waldorfschulen, weshalb dieser die Weisung an seine Mitglieder ausgibt, Meinungsumfragen nach Kräften zu verfälschen? Das ist schließlich außerhalb der Welt der Anthroposophie, für seriöse Schulträger, keine Selbstverständlichkeit.

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Nachtrag, Donnerstag, 24. April 2008

Erfreulicherweise hat die „Wirtschaftswoche“ ihre Leser über die Manipulation der Anthroposophen informiert. (WiWo, 24.4.2008) Unter Bezug auf den Aufruf des Bunds der Freien Waldorfschulen zur Abstimmungsmanipulation erklärt die Zeitung:

„Damit hier unsererseits kein falsches Signal entsteht: Es steht jedem unserer Leser frei, andere Leser auf wiwo.de-Artikel aufmerksam zu machen. Und wir heißen jeden zusätzlichen Leser auf den Seiten von wiwo.de herzlich willkommen. Doch wie die Abstimmungsergebnisse zeigen, hat die unverhohlene Aufforderung mehr als ausgereicht, um ein „anderes Signal“ zu setzen.“

Die Anthroposophen hatten zwischenzeitlich eine Zustimmungsquote von knapp 95 Prozent für eine vollständige öffentliche Finanzierung der Privatschulen erreicht. Die Wirtschaftswoche bat den Waldorschulen-Bund um eine Stellungnahme und erfuhr von dem Vorstandsmitglied Albrecht Hüttig, dass der Interessensverband durchaus stolz auf das in totalitärem Ausmaß umfunktionierte Votum ist. Die Eltern der Waldorfschulen hätten ihren „freien Willen“ zum Ausdruck gebracht und:

„Wir sehen das mit großer Freude, was sie da gemacht haben“, so Hüttig weiter."
(ebd.)