Samstag, 23. Februar 2008

Hottentotten und Melancholiker

Rassismus und "Pädagogik" aus einem Guss


„Und so ist es wirklich ganz interessant: Auf der einen Seite hat man die schwarze Rasse, die am meisten irdisch ist. Wenn sie nach Westen geht, stirbt sie aus. Man hat die gelbe Rasse, die mitten zwischen Erde und Weltenall ist. Wenn sie nach Osten geht, wird sie braun, gliedert sich zu viel dem Weltenall an, stirbt aus. Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse.“
(Rudolf Steiner, Gesamtausgabe - zukünftig GA - , Bd. 349, S. 67)

In der Rudolf-Steiner-Liste (RSL), einer sogenannten "Mailingliste", in der Anthroposophen ihre Meinungen zu verschiedenen Themen per e-mail austauschen, debattiert gerade ein Redakteur der auflagenstärksten anthroposophischen Zeitschrift, „Info3“, mit deren "Webhoster" die Frage, ob es in dem Werk Rudolf Steiners (Begründer der Anthroposophie und ihrer Waldorfschulen) rassistische Elemente gibt oder nicht. Diese Frage beschäftigt ausschließlich Anthroposophen, denn aus wissenschaftlicher Sicht ist sie geklärt (zuletzt Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, insbes. S. 624 ff.) und von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) behördlicherseits bestätigt.

Felix Hau, Redakteur von Info3, ist zu der Auffassung gekommen, es gäbe tatsächlich "Rassismen" in Rudolf Steiners Menschen- und Evolutionsbild. Christian Grauer, "Webhoster" derselben Zeitschrift, Betreiber der RSL und neuerdings auch anthroposophischer Autor, will von Rassismus in Steiners Werk überhaupt nichts hören. Wie die anthroposophischen Interessensverbände, die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, der Bund der Freien Waldorfschulen und die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung, sind nahezu alle Anthroposophen nicht bereit, überhaupt irgendein kritisches Wort in Bezug auf ihren verehrten „Menschheitsführer“ zu dulden.


Felix Hau führte in der Debatte mit seinem Kollegen u.a. ein Zitat von Rudolf Steiner an, in dem es heißt:

„Soll Goethe die gleichen Bedingungen haben wie ein beliebiger Hottentotte? So wenig wie ein Fisch die gleichen Voraussetzungen hat wie ein Affe, so wenig hat der Goethesche Geist dieselben geistigen Vorbedingungen wie der des Wilden.“ (Rudolf Steiner, GA, Bd. 8, S. 47)

Während Hau hier durchaus eine Herabwürdigung der „Wilden“ erkennt, hält Grauer das für abwegig. Grauer ist generell fest entschlossen, noch die unsäglichsten Phrasen Rudolf Steiners als Zeugnisse überlegener "Geisteswissenschaft" (vgl. Zum Geleit) zu preisen. Mutig ergreift er auch in diesem Fall Partei für den gescholtenen Steiner:

„Steiner verwendet den Begriff "Hottentotte" durchweg in seinem Werk (zumindest soweit es in meiner Datenbank zu finden ist, die ja glücklicherweise nicht von kriminellen Heimsuchungen betroffen ist;:-)) synonym für einen ungebildeten oder unzivilisierten Menschen, manchmal auch einfach für Menschen völlig anderer Kultur. Und er verwendet ihn ausschließlich in Vergleichen, d.h. er führt sachlich überhaupt nichts über die Hottentotten oder irgend welche rassentheoretischen zusammenhänge aus.“ (Christian Grauer, RSL, 22.02.2008)

Nicht nur keinen Rassismus, auch keinerlei Hierarchisierung fände sich in Steiners Äußerungen über die „Hottentotten“, zumindest nicht in seiner eigenen Datenbank, die nicht von Kriminellen destruiert wurde, meint Grauer. Damit spielt er auf die Tatsache an, dass die Volltextsuche der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe im Internet seit ca. einer Woche nicht mehr öffentlich zugänglich ist. Die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung begnügt sich diesbezüglich mit der Schreckensmeldung:

"Die Seite musste wegen krimineller Attacken geschlossen werden. Weitere Informationen folgen." (GA-Volltextsuche Die Meldung erscheint, wenn registrierte Benutzer versuchen, sich einzuloggen)

Was auch immer damit gemeint sein soll, geschlossen wurde die Volltextsuche von den Betreibern der Seite, der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung, und nicht von etwaigen „Hackern“, die die Seite lahmgelegt hätten, wie es der Hinweis suggeriert. Es soll offenbar der Eindruck erweckt werden, Kritik an Rudolf Steiner führe zu kriminellen Handlungen. Für die Kritiker sieht es hingegen so aus, dass die Nachlassverwalter es satt haben, dass nicht nur ideologisch zuverlässige Mitstreiter in den Werken des „Meisters“ stöbern können. Es ist doch zu peinlich, wenn etwa die Zitierkünste der anthroposophischen Wortführer unmittelbar überprüft werden können. (vgl. Falsche Propheten)

Da die Online-Volltextsuche der Steiner Gesamtausgabe gerade abgeschaltet wurde, möchten die Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie hier das etwas dürftige Privat-Archiv von Herrn Grauer mit einigen Zitaten ergänzen. Zu „Hottentotten“ äußerte sich Steiner in der Tat mehrfach, u.a in folgender Weise:

„So wie die höhere Tierart von den untergeordneten Gebilden der Tiere auf dem physischen Gebiete sich unterscheiden, so unterscheidet sich die Seele des Genies von der Seele des Hottentotten auf seelischem Gebiete.“ (GA, Bd. 52, S. 184)
„Wer mit offenem Geistesauge die Entwickelung der Menschheit verfolgt, der weiß, dass es innerhalb des Geisteslebens der Menschheit ebenso eine Entwickelung gibt wie innerhalb der physischen Natur. So wie es innerhalb der physischen Natur Wesenheiten gibt, die im Dunklen tappen, und andere, die im Dunklen tappen und außerdem, hören und so weiter, so gibt es auch im geistigen Leben alle Abstufungen zwischen der unentwickelten Seele eines Hottentotten und der Genie-Seele eines Goethe oder Newton. Wir sehen also, welch gewaltige Unterschiede bestehen, sowohl in der Abstufung der Sinnesentwickelung als auch in der Skala der Geistesentwickelung. Es gibt hochentwickelte Naturen in der Menschheit, und diejenigen, weiche sie gefunden haben, wissen davon Zeugnis abzulegen. Diese großen Naturen sind die Führer in der geistigen Entwickelung.“ (Rudolf Steiner, GA, Bd. 52, S. 228)
„Sie können ein bedeutender europäischer Bildungsmensch sein. Wenn Sie aber zu den Hottentotten Ihre Bildung tragen wollen, müssen Sie die Hottentottensprache lernen. So müssen auch hohe Wesenheiten, die heruntersteigen, wenn sie die Menschheit führen wollen, sich einverweben die Kräfte, durch die sie auf der Erde zu den Menschen sprechen können.“ (Rudolf Steiner, GA, Bd. 109, S. 52)

Für Rudolf Steiner ist „Hottentotte(n)“ ein Synonym für „Neger“, resp. die schwarze „Rasse“, die auf seiner imaginierten evolutionären Stufenleiter ganz weit unten steht. Die Schwarzen sind zwar rein physisch schon Menschen, werden also von Steiner nicht dem Tier- oder Pflanzenreich zugeordnet, haben aber ansonsten mit den Weißen nur wenig gemein, sind diesen unendlich weit unterlegen und sterben schließlich aus. Die „weiße Rasse“ ist hingegen die zukünftige, „die am Geiste schaffende Rasse.“ Deshalb gibt es eben weiße Menschheitsführer, von denen Rudolf Steiner selbstredend der vortrefflichste ist, da er dank seiner hellseherischen Kräfte über exklusives „kosmisches“ Wissen verfügt. Wo es Führer gibt, bedarf es aber natürlich auch der zu führenden. Das sind alle außer Steiner selbst, in diversen Abstufungen, von den weißen Anthroposophen seiner Gefolgschaft, bis hinab zu den „Hottentotten“.

Steiner ist nicht schwer zu verstehen, es ist nur schwer schönzureden, was er von sich gab. Anthroposophen verwenden hierauf viel Kraft. Notfalls ist es alles irgendwie „geistig“, „seelisch“, „spirituell“ gemeint, ganz anders, ja gerade umgekehrt zu verstehen als es schwarz auf weiß zu lesen ist, als wäre der ansonsten unfehlbare Hellseher Rudolf Steiner vollkommen unfähig gewesen, sich auch nur halbwegs verständlich zu artikulieren - ja, als habe er seine wahre Menschenliebe in aller Bescheidenheit hinter einem kruden Rassismus versteckt, so dass es nur noch anthroposophische Interpretationsakrobaten verstehen, den guten, wahren Kern wieder hervorzuzaubern. Nur kann das angesichts des Schriftguts Rudolf Steiners auch mit der größten Anstrengung nicht gelingen.

Steiner glaubt zum Beispiel über ganz außergewöhnliche Erkenntnisse hinsichtlich der biologischen Beschaffenheit verschiedener menschlicher „Rassen“, aufgrund ihres „Drüsensystems“ zu verfügen:

"Da haben wir in allem, was wir als Saturn-Rasse zu bezeichnen haben, in allem, dem wir den Saturn-Charakter beizumessen haben, etwas zu suchen, was sozusagen zusammenführt, zusammenschließt das, was wieder der Abenddämmerung der Menschheit zuführt, deren Entwickelung in gewisser Weise zum Abschluss bringt, und zwar zu einem wirklichen Abschluss, zu einem Hinsterben. Wie sich das Wirken auf das Drüsensystem ausdrückt, sehen wir an der indianischen Rasse. Darauf beruht die Sterblichkeit derselben, ihr Verschwinden. Der Saturn-Einfluss wirkt durch alle anderen Systeme zuletzt auf das Drüsensystem ein. Das sondert aus die härtesten Teile des Menschen, und man kann daher sagen, dass dieses Hinsterben in einer Art Verknöcherung besteht, wie dies im Äußeren doch deutlich sich offenbart. Sehen Sie sich doch die Bilder der alten Indianer an, und sie werden gleichsam mit Händen greifen können den geschilderten Vorgang, in dem Niedergang dieser Rasse." (Rudolf Steiner, GA 121, S. 117)

Aus derselben „kosmischen“ Wissensquelle, der Steiner solche „Einsichten“ verdankt, speisen sich auch seine "pädagogischen" Ansichten, die sich auch durch dieselbe Qualität auszeichnen. (Vgl. Steiner und Waldorf) Genauso souverän wie Steiner menschliche „Rassen“ unterscheidet und qualifiziert, konstatiert er vier menschliche Temperamente, nach denen Schulkinder zu klassifizieren und zu behandeln sind, bis hin zur Sitzordnung. Und er führt diese Temperamente zurück auf – jawohl – die „Drüsen“, die seiner Auffassung nach schon zu innerer „Verknöcherung“ und „Hinsterben“ der amerikanischen Ureinwohner führen mussten. Zum Melancholiker etwa weiß Steiner zu erklären:

"Erst wenn wir wissen, wie die Seele, die hinauf will, der Geist, der in die Weite will, beschwert werden bei einem melancholischen Kinde durch die körperlichen Einlagerungen, die fortwährend aus den Drüsen heraus, den Körper beschwerend, in das übrige Körpergewebe hineinleben, erst wenn wir dieses Schwerwerden und dadurch Gefangennehmen der Aufmerksamkeit von Seiten des Körperlichen richtig verstehen, dann erst kommen wir dem melancholischem Kinde bei." (Rudolf Steiner, GA 305, S.118)

Und wie kommt ein Waldorflehrer einem derart eingestuften Kind bei? Er macht ihm klar, im Unterschied zu großen „Menschheitsführern“, ein ganz banales Geschöpf zu sein, das überhaupt kein Recht hat, traurig zu sein:

"Lässt man ihn das stark merken: ‚Du bist kein solch außerordentlicher Kerl, solche Exemplare gibt es viele, die das oder jenes erleben‘, dann ist das eine sehr starke Beeinträchtigung der Impulse, die gerade zur Melancholie führen. Deshalb ist es gut, ihn besonders mit Biographien großer Persönlichkeiten zu behandeln." (Rudolf Steiner, GA 295, S. 27)

So einfach ist das. Und es kommt noch besser: Steiner und sein Lehrpersonal können die Zuordnung eines Kindes zu einem der Temperamente gleich auf den ersten Blick treffen. Schon die Silhouette eines Menschen reicht dem "Hellseher", um die Einordnung in seine aberwitzigen Schubladen ad hoc zu vollziehen:



„Was ist das? Das ist auch eine Charakterisierung der vier Temperamente. Die melancholischen Kinder sind in der Regel schlank und dünn; die sanguinischen sind die normalsten; die weiche die Schultern mehr heraus haben, sind die phlegmatischen Kinder; die den untersetzten Bau haben, so daß der Kopf beinah untersinkt im Körper, sind die cholerischen Kinder.“ (Bild und Text: Rudolf Steiner, GA, Bd. 295, S. 28)

Nein, auch mit noch so vielen Worten gibt es hinsichtlich des vermeintlich philanthropischen Weltbildes und der angeblich kindgerechten Erziehung im Sinne Rudolf Steiners nichts zu beschönigen. Es ist nicht schwer zu verstehen, was Steiner schrieb und sagte, es ist so erbärmlich simpel, dass jeder, der es nur will, erkennen kann, um was für ein autoritäres und menschenverachtendes Geschwätz es sich handelt.

In der kommenden Woche gedenken die Anthroposophen des Geburtstags ihres 1925 verstorbenen „Führers“. Was er hinterließ und was in mehr als 200 bundesdeutschen Waldorfschulen in die Praxis umgesetzt wird, bietet dagegen für Demokraten und Menschenrechtler wenig Anlass zum feiern.


2 Kommentare:

Anton hat gesagt…

liebe/r dame/herr,
sie haben sich da wunderbar einseitig auf ein äussert spannungsgeladenes thema eingeschossen.

ich hoffe sie haben, da sie so vielseitg zitieren, auch weitere schriften ausser goethes weltanschauung gelesen und konnen zu dem schluss kommen das rudolf steiner in keinster weise unterscheidet zwischen rassen und völkern in deren vermögen erkenntnisse der höheren welten zu erlangen.

den begriff rasse gibt es aus dem grund weil es rassen gibt. um merkmale von menschen die dunkle, helle, oder gar gelber haut haben zu charakterisieren wird dieser verwendet. diese merkmale bzw. voraussetzungen die einem individuum durch seine rassen- bzw. völkerzugehörigkeit gegeben sind beeinflussen in der realität dieses individuum. davon zu sprechen, also von merkmalen und deren einfluss, wird von ihnen mit dem negativen kriterium des "rassisten" belegt. dadurch nehmen sie den menschen die möglichkeit uber rassenphänomene die es nun mal gibt zu sprechen. schade.

Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie hat gesagt…

Sehr geehrter Anton,

dass Rudolf Steiner ein unsäglicher Rassist war geht aus vorstehendem Artikel hervor, ebenso wie aus weiteren Beiträgen der Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie, einigen anderen Internetseiten und Büchern zu diesem Thema, sowie in der krassesten Form, ganz unmittelbar, natürlich aus den Schriften Ihres verehrten Herrn Steiner.

Dass die allermeisten Steiner-Jünger immer noch daran festhalten und diesen Rassenwahn als „Erkenntnis höherer Welten“ feiern, wenn auch oftmals unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ist ebenfalls bekannt.

Dass Sie zu diesem Personenkreis gehören, macht ihr Kommentar überdeutlich. Zugleich offenbart er die vollkommene Geistesverwirrung eines typischen Sektenmitglieds, das seine radikale ethische Desorientierung für „Erleuchtung“ hält.

Hierzu:
http://rudolf-steiner.blogspot.com/2008/12/anthroposophie-und-sektenbegriff_4138.html

Wir veröffentlichen Ihren Kommentar als ein Dokument anthroposophischen Daseins in der Bundesrepublik Deutschland des 21 Jahrhunderts, inklusive der symptomatischen Orthografie.

Etwaige weitere Zeugnisse dieser Art senden Sie bitte an eine der vielen anthroposophischen Internetseiten. Dort werden Sie viel Zuspruch bekommen, hier sind Sie an der falschen Adresse.

Mit freundlichen Grüßen,

Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie