Montag, 19. November 2007

Stuttgarter Erklärung

Pressekonferenz und Plakataktion des Bundes der Freien Waldorfschulen

Aufgrund der fortgesetzten Diskussion über den Rassismus und Antisemitismus im Werk Rudolf Steiners, das die Grundlage der „Waldorfpädagogik“ bildet, lädt der Bund der Freien Waldorfschulen am 16.11.2007 zu einer Pressekonferenz in Berlin ein, aber kaum jemand geht hin. Als hätten es die Journalisten schon vorher gewusst: Der Verband hat zwar einen neuen Vorstand, bleibt aber bei seinen altbekannten Rechtfertigungen. (Vgl. Der Stern; Die Welt)

Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG), der Rudolf Steiner Verlag und der Bund der Freien Waldorfschulen haben sich erneut auf eine gemeinsame Linie verständigt, die ganz der alten entspricht, die sie nun aber in jeweils etwa gleichlautenden Erklärungen der Öffentlichkeit präsentieren, in der Annahme, dass der vereinte Gleichklang offenkundiger Lügen in Gestalt offizieller Erklärungen überzeugender wirkt. Der Bund der Freien Waldorfschulen hat eine in sanften Farben gehaltene „Stuttgarter Erklärung“ zu Papier gebracht, die in einer vergrößerten Plakatausgabe bald in den Waldorfschulen zu lesen sein soll, möglicherweise unmittelbar neben den in allen Gebäuden stets gegenwärtigen Bildern Rudolf Steiners oder des Erzengels Michael.


Die Erklärung der vereinigten Waldorfschulen, der zufolge die Anthroposophie jede Art von Rassismus und Nationalismus ablehne und nur einzelne missverständliche Formulierungen Rudolf Steiners berge, die unter Umständen als diskriminierend empfunden werden könnten, ist schlicht und ergreifend absurd. Erstaunlich ist, dass die Anthroposophen diese erwiesenermaßen falsche Behauptung just zu dem Zeitpunkt hartnäckig beschwören, da in allen größeren Zeitungen das monumentale Werk von Helmut Zander über die Anthroposophie besprochen wird, das noch einmal detailliert Rudolf Steiners Rassenideologie beschreibt und die aberwitzigen Versuche, diese einfach hinweg zu leugnen ad absurdum führt. (Zander, Helmut: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945, Göttingen 2007, S. 624 ff.; vgl. ders. Sozialdarwinistische Rassentheorien)

Es dürfte auch kaum erfolgversprechend sein, den Historiker Zander als inkompetenten katholischen Theologen zu charakterisieren, der aufgrund mangelnder esoterisch-anthroposophischer "Schulung" unbefugt sei, sich überhaupt ein Urteil über Steiner anzumaßen und im übrigen als Schriftsteller des teuflischen Ahrimans fungiere, der sein elendes Machwerk wie ein Trojanisches Pferd in die anthroposophische Gesellschaft zu schleusen gedenke. (vgl. Gefährliche Wissenschaften) Solch "geistige Schauen" vermögen nur jene zu beeindrucken, die ohnehin für rationale Argumente schon lange nicht mehr empfänglich sind.

Rudolf Steiner hat eine in weiten Teilen von den Theosophen übernommene Rassenideologie hinterlassen, die ein integraler Bestandteil seines gesamten Menschen- und Evolutionsverständnisses ist und damit ein zentraler Bestandteil der Anthroposophie insgesamt. Illustriert hat er diese Sichtweise mit zahlreichen besonders hirnrissigen und abstoßenden Darlegungen über Menschen nicht weißer Hautfarbe. Diese sind klipp und klar auf Steiners Gegenwart und nicht etwa – wie von Anthroposophen immer wieder behauptet – auf die ferne Vergangenheit bezogen. Das geht aus den berühmt-berüchtigten Passagen, wie beispielsweise der über schwangere europäische Frauen, die keine „Negerromane“ lesen sollen, damit sie keine „Mulatten“ gebären (Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA) 348, S. 189) oder über die Indiander, deren innere zum „aussterben“ führende "Verknöcherung" auf Postkartenbildern mit „Händen zu greifen“ sei (GA 121, S. 117), in aller Unmissverständlichkeit hervor. (vgl. Keine Prügel, kein Rassismus) Richtig ist die Forderung der Anthroposophen, derartige Wahnvorstellungen in ihrem Kontext lesen zu sollen. Nur: Gerade dadurch wird eben deutlich, wie auch Helmut Zander immer wieder betont, dass es sich eben nicht um einzelne Entgleisungen handelt, sondern diese Sichtweisen untrennbar mit dem Gesamtwerk Rudolf Steiners verwoben sind, keineswegs begrenzt auf Vorträge vor Bauarbeitern oder auf einzelne Lebensabschnitte des vermeintlichen „Menschheitsführers“.

Anhand zweier Werke der Rudolf Steiner Gesamtausgabe hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien die wissenschaftliche Forschung mit ihrem Urteil bestätigt, den esoterisch verblasenen Rechtfertigungsversuchen des Rudolf Steiner Verlags eine Absage erteilt und diesem zur Auflage gemacht, die inkriminierten Bände aufgrund der rassistischen Passagen nur noch kommentiert in den Handel zu bringen. (vgl. Die Reihen fast geschlossen) Auch das lässt die anthroposophischen Strategen jedoch ungerührt. Die Wochenschrift Das Goetheanum behauptet im Internet ganz einfach das Gegenteil:

„Gerade erst gelang es den Vertretern des Dornacher Rudolf-Steiner-Verlages die deutsche ‹Bundesstelle für jugendgefährdete Medien› zu überzeugen, dass Steiner in der Tat kein Rassist war (‹Goetheanum› Nr. 37/2007).“ (Goetheanum 11.10.2007)

Einer der Wortführer der anthroposophischen „Bewegung“, der Redakteur der Zeitschrift „Erziehungskunst“, Lorenzo Ravagli wird ebenfalls nicht müde, die immer gleichen Unwahrheiten, eingekleidet in jede Menge diffamierender Tiraden gegen Wissenschaftler und Journalisten, zu wiederholen. Ravagli verhindert, dass ein gemeinsam von ihm und dem NPD-Funktionär Andreas Molau verfasstes Buch in den Handel gelangt, dessen Publikation in einem anthroposophischen Verlag er selber zuvor in die Wege geleitet hatte.

Vor drei Jahren erregt die Entlassung des ehemaligen Waldorflehrers Molau Aufsehen. (vgl. Worauf man sich einlässt) Natürlich distanzieren sich die Anthroposophen von der NPD; niemand habe in den acht Jahren seiner Lehrtätigkeit etwas von den rechtsextremen Überzeugungen Molaus geahnt. In diesem Jahr kündigt Molau an, ein NPD-Waldorflandschulheim einrichten zu wollen. Wieder distanziert sich der Bund der Waldorfschulen und will ihm gerichtlich untersagen, den Namen Waldorf für seine Projekte zu benutzen. Unter diesen Umständen erscheint es dem „Erziehungskünstler“ Ravagli schließlich angebracht, seinen Gedankenaustausch mit dem NPD-Funktionär besser doch nicht zu veröffentlichen. (Mehr dazu in einem späteren Beitrag)

Zu seiner Apologie der Schriften Rudolf Steiners steht Lorenzo Ravagli im Unterschied zu seinem Briefwechsel mit Andreas Molau unverändert. Die Berliner Wissenschaftlerin Jana Husmann-Kastein (Gutachterin des Familienministeriums für das Verfahren der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) bringt es auf den Punkt, indem sie gegenüber dem Magazin Der Stern erklärt, von Ravagli werde der Rassismus Rudolf Steiners

„nicht nur abgestritten, sondern zum Humanismus umgedeutet.“ (Der Stern, 16.11.2007)

Die Anthroposophie ist generell eine "Lehre" famoser Umdeutungen: Jede Rationalität gilt als ahrimanischer Materialismus, Esoterik ist reinste Wissenschaft, seriöse Forschung dagegen irreführender Intellektualismus. Eine kritische Individualität ist dann erreicht, wenn sie in absoluter Demut jedes Wort Rudolf Steiners als eigene Überzeugung verinnerlicht und die eigene Persönlichkeit zu Gunsten der Anthroposophie vollständig aufgegeben hat. Die Maßgaben zur Indoktrination von Schülern sind eine kindgerechte Pädagogik, die auf alle erziehungswissenschaftlichen Einsichten souverän verzichten kann ... Derartige „Weisheiten“ vermittelt Rudolf Steiner in 350 Bänden, und seine Anhänger möchten nicht eine Zeile in Zweifel gezogen sehen.

Samstag, 17. November 2007

Gefährliche Wissenschaften

Der Historiker Helmut Zander als Trojanisches Pferd und Diener des Ahrimans

Ein Gespenst geht um in der anthroposophischen Gesellschaft – das Gespenst der Wissenschaft. Helmut Zander hat eine detaillierte „Geschichte der Anthroposophie in Deutschland“ geschrieben, die trotz ihres extrem hohen Preises bereits in zweiter Auflage erscheint. In der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG) herrscht blankes Entsetzen. Zanders Buch wird von Rezensenten als wissenschaftliches Standarwerk gewürdigt und gekauft wird es sicher zum überwiegenden Teil von Anthroposophen. Deshalb sieht Andreas Neider von der deutschen AAG in Zanders Werk ein Trojanisches Pferd. Sergej Prokofieff, Vorstandsmitglied der Weltzentrale der AAG in Dornach, erkennt in dem Historiker sogar die rechte Hand des Ahrimans, des bösen Geistes der Finsternis aus Rudolf Steiners Phantasiewelt.

In zwei Artikeln warnt Andreas Neider eindringlich davor, sich von wissenschaftlichen Forschungsarbeiten in die Irre führen zu lassen. In den Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland vom September 2007 bezeichnet Neider Zanders Werk als „Koloss auf tönernen Füßen“. Der promovierte und habilitierte Historiker Helmut Zander wird von Neider schlicht als „katholischer Theologe“ vorgestellt, der historische Quellen bisweilen frei erfinden würde. Andreas Neider beruft sich hinsichtlich seiner verlogen-verleumderischen Auslassungen auf Lorenzo Ravagli, der bald auch in Buchform mit Zander abrechnen werde.

In der Wochenschrift „Das Goetheanum“ vom 28.9.2007 legt Neider noch im selben Monat nach. Helmut Zanders Buch wird als „Trojanisches Pferd“ präsentiert. Rudolf Steiners Werk darf für Neider keinesfalls historisiert werden, seine Gültigkeit ist vollumfänglich und überzeitlich bedingungslos anzuerkennen.

„Fängt man an, Steiners Werk neu zu sortieren in einen Bereich, der eben ‹zeitbedingt› ist, und einen, der sozusagen ‹zeitlos› gültig bleibt, dann bekommt man ein Problem, und das weiß Zander – nimmt man seine Äußerungen in Interviews und Aufsätzen ernst – sehr genau, denn dafür hat er sein ‹Trojanisches Pferd› gebaut.“ (ebd.)

Deshalb ist es für Neider vollkommen verfehlt, Helmut Zander „mit Samthandschuhen“ anzufassen (ebd.), anstatt mit ihm konsequent so zu verfahren wie mit anderen Wissenschaftlern und Kritikern auch. (Vgl. Es geht ums Ganze) Ist es also die Intention Helmut Zanders, mit seinem Buch die gesamte Anthroposophie zu entzaubern und damit zu vernichten? Ja, aber es ist noch weit schlimmer, weiß Sergej Prokofieff vom Vorstand der AAG in Dornach. In den „Nachrichten für Mitglieder“ der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft vom 16.11.2007 wirft Prokofieff einen „Blick auf die Gegnerschaft“, womit in diesem Fall Helmut Zander gemeint ist.

Zunächst erklärt Prokofieff jede Wissenschaft für vollkommen ungeeignet, die spirituelle Realität der Anthroposophie und der Person Rudolf Steiners überhaupt erfassen zu können. Seine selbstgestellte Frage, ob angesichts dieser Prämisse Zanders Buch „überhaupt irgendetwas Positives“ abgewonnen werden könne, beantwortet Prokofieff „klipp und klar: Überhaupt nichts!“ Die Wissenschaft habe der Esoterik nicht das Geringste zu bieten, sie ist reines Gift für die Anthroposophie.

Prokofieff sieht sich verpflichtet, die Anthroposophen darüber aufzuklären, welch finsterer Macht der Wissenschaftler Helmut Zander tatsächlich diene. Die investigative Offenbarung ist so unglaublich, dass er sie eigentlich den Mitgliedern der AAG vorbehalten möchte. Die Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie meinen jedoch, auch die Öffentlichkeit sollte den schonungslosen Blick des AAG Vorstands kennenlernen. Sergej Prokofieff entlarvt Helmut Zander als Büttel des Ahrimans:

„Die Hintergründe des Buches

Das Buch von Zander offenbart jedoch noch etwas anderes. In dem Hochschul-Vermerk, der nach Rudolf Steiners Intentionen nach der Weihnachtstagung in all seinen Zyklen stehen sollte (was heute leider nicht mehr der Fall ist), wies er darauf hin, dass der Autor dieser Werke mit keinem Kritiker in eine Diskussion über ihre Inhalte eintreten werde, der sich nicht die entsprechenden Urteilsgrundlagen erworben habe. Zander ist seinem Selbstzeugnis nach kein Anthroposoph, er geht keinen anthroposophischen Schulungsweg und kann folglich diese Grundlagen nicht haben. Deshalb ist meines Erachtens ein fruchtbarer Dialog mit ihm aus eben diesem Grund nicht möglich: Wer die Geistesforschung grundsätzlich negiert, mit dem lässt sich über ihre Resultate auch nicht diskutieren. Rudolf Steiner drückte dies noch in folgenden Worten aus: «Nur werden wir, wie das ja schon angedeutet worden ist [im Hochschul-Vermerk], eine spirituelle Grenze ziehen: Wir werden sagen, dass wir gar keine Einwände, keine Kritik irgendwie anerkennen können, als nur von denjenigen, die auch auf dem Boden stehen, auf dem die Zyklen stehen.»

Dieser Boden ist aber derjenige der Geistesforschung und diese teilt gerade für das Ende des 20. Jahrhunderts mit: «Das wird die Situation sein, welcher die Menschheit wird entgegenzuleben haben mit dem Ende des [20.] Jahrhunderts. Und diejenigen, die heute noch jünger sind, werden manches sehen von dem, wie Ahriman als Schriftsteller auftritt. […] Menschenhände werden die Werke schreiben, aber Ahriman wird der Schriftsteller sein.» Damit spricht Rudolf Steiner von der Zeit, in welcher Zander begonnen hat, sein Buch über die Anthroposophie und Rudolf Steiner zu schreiben. Mehr als zehn Jahre arbeitete er daran, und es wird sicher seine größte ‹Leistung› in dieser Inkarnation bleiben. Schlussendlich aber wird er nur den zweifelhaften Ruhm ernten, die lange Reihe der Gegner der Anthroposophie (vor allem durch die Anzahl der geschriebenen Seiten) für eine kurze Zeit anzuführen.

Eine gegenwärtige Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft

In dieser Beziehung hat Rudolf Steiner der Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft eine wichtige Aufgabe für unsere Zeit gestellt: Die schriftstellerische Tätigkeit Ahrimans, der heute seine Inkarnation auch dadurch intensiv vorbereitet, zu identifizieren. Denn nur, wenn wir dies klar erkennen, «dann werden wir uns als rechte Anthroposophen in die gegenwärtige Zivilisation hineinstellen». Als Merkmale für eine solche Identifikation führt Rudolf Steiner an: «Und die Menschen, die von diesem Impuls ergriffen werden, entwickeln eine Logik, die in erbarmungs- und liebloser Art für sich selber zu sprechen scheint – in Wahrheit spricht eben Ahriman in ihr –,bei der sich nichts zeigt, was rechtes, inneres, herzlich-seelisches Verbundensein des Menschen ist mit dem, was er denkt, spricht, tut.» Diese Charakterisierung trifft meines Erachtens auf den ganzen Duktus, Stil und die Logik des Zander-Buches zu. Und diese geisteswissenschaftliche Diagnose möchte ich als eine interne Angelegenheit, die nur die Anthroposophische Gesellschaft angeht, aussprechen. Damit möchte ich als Anthroposoph mein gutes Recht in Anspruch nehmen, mich nur an Anthroposophen zu wenden, das heißt an diejenigen Menschen, welche nach der von Rudolf Steiner im Hochschul-Vermerk geforderten Qualität streben oder zumindest ihre Berechtigung anerkennen. Deshalb erscheint dieser Aufsatz im ‹Nachrichtenblatt›, das nur für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft bestimmt ist, die auch von einer solchen Beurteilung des Zander-Buches Kenntnis bekommen müssen.“ (Sergej Prokofieff a.a.O.)

Wissenschaft, Rechtsstaat, Demokratie, alles, was auf Rationalität basiert, ist für die anthroposophische Organisation „materialistisches“ Teufelswerk. Hiervon wollen die „Erleuchteten“ die Menschheit langfristig befreien und die Kinder in ihren Waldorfschulen (Rudolf-Steiner-Schulen) schon heute behüten. Allein die Wahnvorstellungen Rudolf Steiners, inklusive deren rassistischer Postulate hinsichtlich der „Menschheitsentwickelung“, gelten dieser "Bewegung" und ihren staatlich subventionierten, "pädagogischen" Einrichtungen als unumstößliche Wahrheiten.

Donnerstag, 8. November 2007

Die Reihen fast geschlossen

Anthroposophische Öffentlichkeitsarbeit – vor und hinter den Kulissen

Nicht zuletzt durch die anstandslose behördliche Genehmigung der Waldorfschulen als Ersatzschulen (vgl. Spirituelle Verfassungskonformität) hält sich in der Öffentlichkeit immer noch hartnäckig die Vorstellung, diese seien eine respektable, „reformpädagogische“ Alternative zur staatlichen Regelschule. Ein solcher, für viele Eltern und deren Kinder verhängnisvoller Irrtum, wird noch bestärkt durch die anthroposophische „Öffentlichkeitsarbeit“ der gezielten Desinformation.

Schreiben der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung an
die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien


Für Pädagogen wie Klaus Prange und Schulpsychologen wie Fritz Beckmannshagen ist das positive Image dieser Schulform und der ihr zugrunde liegenden Ideologie anstelle einer tatsächlichen Pädagogik ein groteskes und skandalöses Phänomen der bundesrepublikanischen Bildungspolitik.

„Der Kenner der pädagogischen Psychologie und ihrer umfangreichen Entwicklungsforschung steht verblüfft vor diesem kargen Modell und fragt sich vergeblich, wie ein renommiertes Schulsystem seit über sechzig Jahren, unbekümmert um die Fortschritte der Wissenschaft, danach arbeiten kann. Möglicherweise liegt gerade in der Anspruchslosigkeit des ‘Gerätes’ seine Durchschlagskraft; dieses kann schließlich jeder begreifen und handhaben, auch ohne pädagogische Examen. Möglicherweise liegt sie auch in der okkulten Ableitung des ganzen oder aber in der schier unbegreiflichen ministeriellen Duldung und Förderung.“ (Beckmannshagen, Fritz: Rudolf Steiner und die Waldorfschulen. Eine psychologisch-kritische Studie, Wuppertal 1984, S.29)

Insofern fungieren die Kultusministerien laut Beckmannshagen im schroffen Widerspruch zum Grundgesetz geradezu als „Okkultusministerien“ (ebd.), und das umso mehr, als infolge der deutschen Wiedervereinigung und von Eltern häufig fehlinterpretierten PISA-Studien (an denen die Waldorfschulen nicht teilnehmen) eine regelrechte Expansion dieser vermeintlich „kindgerechten“ Schulen erfolgt, die faktisch das genaue Gegenteil von dem praktizieren, was ihre Eigenwerbung zu versprechen scheint. (Prange, Klaus: Erziehung zur Anthroposophie. Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik, 3. Aufl., Bad Heilbrunn 2000)

Die Funktionäre und die Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG) haben zum weit überwiegenden Teil eine Waldorfschule besucht. Bei Schülern einer Regelschule ist Rudolf Steiner gar nicht bekannt oder gilt ganz einfach als „Spinner“. Nur in äußerst seltenen Fällen können Jugendliche oder Erwachsene ohne „Waldorf-Hintergrund“ für die „Bewegung“ gewonnen werden. Die Waldorfschulen sind eine existenzielle Voraussetzung für den Fortbestand der Anthroposophie insgesamt, nicht nur für die AAG, sondern für die gesamte anthroposophische Lebenswelt mit ihren lukrativen „Praxisfeldern“, Unternehmen wie Weleda, Demeter und die GLS-Bank, Krankenhäuser, Hochschulen, Buch- und Zeitschriftenverlage.

Deshalb reagieren die Anthroposophen, die nicht nur für die Anthroposophie, sondern auch von der Anthroposophie leben, äußerst ungehalten auf alles, was dem Image Rudolf Steiners und der Waldorfschulen abträglich ist. Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft und der Bund der Freien Waldorfschulen sind es gewohnt, seit Jahrzehnten mit der immer gleichen Methodik vorzugehen. Kritik an Rudolf Steiner gilt als Blasphemie. Wagt es ein Journalist oder Wissenschaftler Rudolf Steiner, seine Epigonen oder seine Schulen zu kritisieren, sehen sich die Verbände gezwungen, energisch einzuschreiten, und zwar nicht gegen die beklagten Missstände, sondern gegen die Kritiker.

Das Jahr 2007 ist für die Anthroposophen hinsichtlich ihrer Public Relations allerdings alles andere als erfreulich und droht zu einem Wendepunkt in der öffentlichen und behördlichen Akzeptanz ihrer Ideologie und deren Anwendung in staatlich anerkannten Ersatzschulen zu werden. Kaum eine größere Zeitung hat nicht über das Indizierungsverfahren der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) berichtet (vgl. z.B. Der Stern, 5.9.2007), in dem die Behörde zu dem Ergebnis kommt, dass Schriften des Schulgründers Rudolf Steiner aufgrund ihrer rassendiskriminierenden Inhalte nicht mehr unkommentiert vertrieben werden dürfen (vgl. FOCUS, 6.9.2007).

Trotz Massenpost und juristischer Drohgebärden lassen sich Journalisten nicht mehr ohne weiteres zum Schweigen bringen. (vgl. Es geht ums Ganze; Einschüchterung auf Waldorf-Art) Hinzu kommt der schwere Brocken einer knapp zweitausendseitigen wissenschaftlichen Darstellung der Anthroposophie in Deutschland von Helmut Zander, die durch die üblichen Verleumdungen ebenfalls nicht mehr einfach aus der Welt zu schaffen ist. (Zander, Helmut: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945, Göttingen 2007)

Einigkeit herrscht unter den Anthroposophen darüber, dass eine weitere Ruf- und Geschäftsschädigung dringend zu vermeiden ist. Was aber tun, wenn die bewährten Methoden nicht mehr greifen? Der anthroposophische Publizist Jens Heisterkamp (vgl. Schlachtrufe und Hilferufe) und Detlef Hardorp, Sprecher der Berlin-Brandenburgischen Waldorfschulen (vgl. Keine Prügel, kein Rassismus), fordern von der AAG eine offensivere Strategie. Kann die Kritik aufgrund der Presse- und Meinungsfreiheit nicht mit juristischen Methoden zum Schweigen gebracht werden, soll die anthroposophische Organisation möglichst lautstark Flagge zeigen. (Anthroposophische Öffentlichkeitsarbeit) Justus Wittich (Mitglied im Vorstand der deutschen AAG und im Aufsichtsrat des Demeter e.V.) meint hingegen, dass es nicht immer möglich sei, den verhassten Medienberichten öffentlich wirksam zu begegnen:

„Da ist es dann manchmal klüger zu schweigen und langfristig zu arbeiten, zumal die Redaktionen erfreulicherweise Hunderte von individuellen Leserbriefen (von Anthroposophen, der Verf.) erhalten.“ (ebd.)

Gemeint ist damit auch, dass Wittich sich selber öffentlich gern bedeckt hält und stattdessen (in eklatanter Fehleinschätzung des Presserechts und der Bedeutung seiner eigenen Person) in den Zeitungsredaktionen versucht gegen unliebsame Journalisten zu intervenieren, die seiner Ansicht nach entschieden zu maßregeln sind. Wittich geht wie die Exponenten der „Weltzentrale“ der AAG im schweizerischen Dornach davon aus, dass bezüglich Rudolf Steiner und der Anthroposophie prinzipiell das „sachkundige“ Urteil der Anthroposophen einzuholen ist. Einzig die bedingungslos affirmative Selbstauslegung der Anthroposophie erscheint aus dieser Sicht überhaupt zulässig.

Die Leiter des Dornacher Rudolf-Steiner-Verlags/Archivs, Jonathan Stauffer und Walter Kugler (vgl. Rudolf Steiners Verlag), glauben sogar, diesen abwegigen Anspruch gegenüber einer Bundesbehörde geltend machen zu können und übersenden der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien eine 51-seitige Stellungnahme zu dem ihrer Auffassung nach illegitimen Indizierungsantrag des Bundesfamilienministeriums:

„Zunächst möchten wir auf die verfahrensrechtliche Seite des Vorgangs eingehen, denn es ist für uns nicht nachvollziehbar und muss als Verfahrensmangel eingestuft werden, dass ein Bundesministerium einen Antrag bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien stellt, ohne vorher bei sachkundigen Stellen und/oder bei den Betroffenen Stellungnahmen einzuholen oder sich zu erkundigen, wie die Gutachter einzuschätzen sind, auf die sich der Antrag stützt. (…) Es wird daher beantragt, das Verfahren ohne weitere Prüfung einzustellen, auf eine Anhörung zu verzichten und den Antrag zurückzuweisen.“ (Schreiben von Stauffer u. Kugler, Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung, an die BPjM vom 23.7.2007)

In der „Begründung“ ihres Anliegens meinen die Verfasser allen Ernstes durch eine Verunglimpfung der beiden Gutachter des Familienministeriums, Jana Husmann-Kastein und Andreas Lichte, eine Einstellung des Verfahrens erwirken zu können. Der Kulturwissenschaftlerin Husmann-Kastein, die an der Berliner Humboldt Universität über „Deutschsprachige Rassendiskurse 1800-1925“ promoviert, wird von den Anthroposophen kurzerhand „Linksextremismus“ unterstellt. Der Versuch, durch grobschlächtig-wahrheitswidrige Verleumdungen der Gutachter sich aus der Affäre zu ziehen, scheitert allerdings und bei der Anhörung der Vertreter des Rudolf-Steiner-Verlags müssen die Dornacher „Geisteskämpfer“ sehr kleine Brötchen backen.

Ihre mündlichen Darlegungen vermögen ebenso wenig wie ihre ausführliche schriftliche Stellungnahme das Gremium der BPjM in der gewünschten Weise zu beeindrucken. Allein durch die „Selbstverpflichtung“, die beanstandeten Bände Rudolf Steiners nicht mehr unkommentiert zu verlegen, können die Anthroposophen eine Indizierung der Schriften ihres geistigen Oberhaupts gerade noch einmal abwenden.

In ihrer bisher unveröffentlichten Rechtfertigung für die BPjM erklären die Dornacher Anthroposophen abermals, dass es überhaupt gar keinen Rassismus im Werk Rudolf Steiners gäbe und machen deutlich, dass sie auch von den inkriminierten Passagen der Werke ihres Meisters keinen Millimeter abzurücken gedenken. (Schreiben von Stauffer u. Kugler an die BPjM) Nach der Urteilsverkündung der BPjM vom 6. September 2007 beeilt sich der Bund der Waldorfschulen öffentlich jene Entscheidung zu begrüßen, die er und die AAG mit allen Mitteln zu verhindern suchten. (Tagesschau) Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft und der Rudolf-Steiner-Verlag halten auch nach mehreren Strafanzeigen (vgl. Rudolf Steiners Verlag) an der für jedermann offenkundigen Lebenslüge der Anthroposophen fest, wonach keinerlei Rassismus und Antisemitismus im Werk Rudolf Steiners zu finden sei. (Goetheanum; Steiner-Verlag)

Die Anthroposophen stehen bedingungslos zu den Schriften ihres „Menschheitsführers“ und gestalten in dessen Sinne auch den Unterricht der Waldorfschulen. Auch die abstrusesten rassistischen Phrasen ihres Meisters sind für die heutigen Anthroposophen immer noch einwandfreie „geisteswissenschaftliche“ Bekundungen. Aus dieser Sicht spricht folglich auch nicht das Geringste dagegen, Rudolf Steiners Menschenbild und Evolutionsverständnis anstelle wissenschaftlicher Erkenntnisse in den Waldorfschulen zu lehren, nicht im originalen Wortlaut versteht sich, sondern „pädagogisch“ hübsch verpackt.

Mit ihrer weitgehend verquasten Stellungnahme zum Indizierungsverfahren bestätigen die Dornacher Strategen unfreiwillig erneut, was sie mit ihrem Schreiben eigentlich zu wiederlegen trachten. Bemerkenswert ist aber die Feststellung der Nachlassverwalter des ersten Anthroposophen:

„Die mit der Antragstellung behauptete Richtigkeit der Rassismus-Vorwürfe enthält damit zugleich einen schweren Vorwurf an die Aufsichtsfunktion der Kultusministerien.“ (Schreiben von Stauffer u. Kugler an die BPjM)

Das ist zweifellos richtig. Und mit dem Urteil der BPjM wird dieser implizite „Vorwurf“ zu einer expliziten Feststellung. Sowohl die Gutachten des Bundesfamilienministeriums als auch die Stellungnahme der Dornacher Ideologen und die Forschungsarbeit von Helmut Zander belegen detailliert die elementare Bedeutung der Rassenideologie theosophisch-anthroposophischer Prägung für die „ganzheitlichen“ Bestrebungen der Anthroposophie, ihres absurden Evolutions- und Menschenbildes, das die Grundlage der „Waldorfpädagogik“ bildet.

Der Historiker Helmut Zander beschränkt sich in seiner Abhandlung zwar weitgehend auf die Vergangenheit und äußert sich in Interviews mit größter Zurückhaltung über die Gegenwart, bekennt aber gleichwohl, seine eigenen Kinder auf keinen Fall an einer Waldorfschule unterrichten lassen zu möchten, da für ihn „ungeklärt“ sei, in welchem Maße Rudolf Steiners „Lehre“ in den Unterricht einfließe. (Zuletzt in WDR 5 „Redezeit“ vom 11.10.2007)

Gänzlich „ungeklärt“ ist das freilich nicht, denn es ist schließlich der Sinn dieser Schulen, im Gegensatz zur seriösen Wissenschaft und Pädagogik, anthroposophische „Einsichten“ und „Erziehungskunst“ zur Anwendung zu bringen, und zwar, das zeigen auch die Gutachten des Familienministeriums, ohne Abstriche, soweit das die mangelnde Aufsicht der Behörden zulässt. Für die Genehmigung einer Ersatzschule verlangt das Grundgesetz, dass

„die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen.“ (GG, Art. 7)

Im Falle der Waldorfschulen werden diese Anforderungen nicht nur insgeheim unterlaufen, sondern in Theorie und Praxis der anthroposophischen „Erziehungskunst“ konsequent abgelehnt. Steiners Esoterik gilt den Anthroposophen als jeder Wissenschaft und Pädagogik weit überlegen. Die gefühlte Überlegenheit des Personals einer esoterischen, antidemokratischen Heilslehre entspricht nicht dem Grundgesetz, sondern spricht diesem Hohn.

Donnerstag, 1. November 2007

Schlachtrufe und Hilferufe

Die Welt als Wille und Wahn

Das spirituelle Selbstverständnis der Anthroposophen ermöglicht es ihnen, souverän die gesamte Menschheitsgeschichte sowie innen- und weltpolitische Probleme der Gegenwart zu beurteilen. Die tief empfundene Überlegenheit der anthroposophischen Weltdeutung ist dabei von keinerlei historisch-politischer Sachkenntnis angekränkelt. Außerhalb der anthroposophischen Gemeinde stößt das krude Gedankengebäude Rudolf Steiners und seiner Adepten weitgehend auf Ablehnung, mit Ausnahme der extremen politischen Rechten, die viele Gewissheiten der Anthroposophie teilt.

Die Redakteure der anthroposophischen Zeitschrift Info3, Sebastian Gronbach (vgl. Mütter und Helden) und Felix Hau, wähnen sich als Krieger des Lichts, die im Auftrag höherer Welten gegen die Mächte der Finsternis zu Felde ziehen. In der Oktoberausgabe von Info3 legt auch Wolfgang Stadler noch einmal dar, wie schlimm es um Deutschland und die Welt bestellt ist. Schuld daran ist ein folgenschwerer Zivilisationsbruch, nicht der längst überwundene Wendepunkt von 1933, sondern die nachhaltig desaströse Zäsur von 1968. Seither befindet sich die Bundesrepublik fest im Griff des Ahrimans und seiner teuflischen Bräute.

Stadler sieht sich selbst als einen „Männerrechtler“, der sich gegen die Auswüchse eines „Femifaschismus“ zur Wehr setzt. Sein von Info3 leicht gekürzt abgedrucktes Manifest ist dankenswerterweise auch im Internet in aller Ausführlichkeit nachzulesen. (WGVDL; Campo News)

Zunächst wirft Stadler einen weiten Blick zurück:

„Der Mensch war in früheren Kulturen – sehr viel stärker als heute - im Gleichgewicht mit einer die Natur betrachtenden, ihr Wesen empfangenden Haltung. Überall war die Natur beseelt, Geist lebte in ihr – Schritt für Schritt verschwand diese Welt aus dem menschlichen Bewusstsein. (Heutzutage wird das alles als kindlicher Aberglaube abgetan)“ (ebd.)

Sodann „analysiert“ der Autor die Situation der gegenwärtigen Kulturepoche unter besonderer Berücksichtigung des Zeitraums von 1968 bis zur Gegenwart. Sein Ergebnis ist niederschmetternd: Nie war es so schlimm wie heute. Brutale Furien beherrschen die gesamte Gesellschaft, untergraben im Namen falsch verstandener Gleichberechtigung den Wert der Männlichkeit und verraten gleichzeitig die wahre Weiblichkeit, die beispielhaft von Eva Herman verkörpert wird.

Zu guter Letzt fehlt auch nicht der Blick voraus. Für die nähere Zukunft ist Stadler allerdings sehr skeptisch und prophezeit:

„Nachdem die kühle Seelenlosigkeit nun alle Lebensbereiche (von den Wissenschaften bis hin zu Medien, Kultur und Pädagogik (…) unserer Gesellschaft erfasst hat, wird diese in Zukunft wohl nur noch durch Krisen (seien es Naturkatastrophen, seien es Amokläufer an Schulen - und noch viele andere, evtl. auch weitaus größere Katastrophen…) zu einem Wertewandel kommen.“ (ebd.)

Angesichts derart düsterer Aussichten möchte Sebastian Gronbach die Anthroposophie endlich wieder aus dem pazifistischen Bann der 68er zurück zu den kämpferischen Wurzeln ihres Gründers führen. Studenten demonstrierten einst gegen den Vietnamkrieg, aber der erste Anthroposoph habe den Soldaten des ersten Weltkriegs Mantren gewidmet, „die zeigen, dass Steiner nicht auf die Weichspüler Version zu reduzieren ist, zu dem ihn die grüne 68er Welle gemacht hat“, was Gronbach mit einem Zitat Rudolf Steiners illustriert:

„Den Krieger stählt das Bewusstsein, dass er für ein Teuerstes einsteht, dass die Erde der Menscheit (sic!) zu geben hat. Er sieht dem Tod ins Antlitz mit dem Gefühl, dass sein Sterben von jenem Leben gefordert wird, dass als Höheres gegenüber dem einzelnen Menschen auch seinen Tod beanspruchen darf. Väter, Mütter und Söhne, Schwestern und Töchter müssen aus dem persönlichen Leide heraus sich finden in der Idee, dass aus Blut und Tod die Entwickelung der Menscheit (sic!) sich erheben werde zu Zielen, denen die Opfer notwenig (sic!) waren und die sie rechtfertigen werden. (GA 24)“ (Anthroposophisches Kriegsgerede)

Für Opfer hat Steiner ohnehin sehr viel übrig, auch für die sehr kleiner „Männer“, die noch zu jung für den Krieg sind und schon im Kindesalter „für Höheres sterben“. (vgl. Theos Opfer). Das Steiner-Zitat unterstreicht Gronbach noch einmal mit eigenen Worten bezüglich einer "heroischen" Auffassung familiärer „Werte“ in der Gegenwart:

„Männer, die im Krieg für Höheres sterben? Hinterbliebene von getöteten Soldaten die sich in ihrem Leid verdeutlichen sollen, dass dieses Blut, dieser Tod, notwenig (sic!) für die Entwicklung der Menscheit (sic!) sind? Das soll Steiner sein? Das ist doch Georg W. Bush! Mag sein. Es ist auch Steiner – nur ein Aspekt seiner Persönlichkeit, aber einer der nicht zu leugnen ist.“ (ebd.)

Um den Siegeszug der Anthroposophie zu forcieren, plädiert Gronbach für eine „Wiederbewaffnung des Guten“ und ruft die Gleichgesinnten dazu auf,

„einen Diskurs darüber zu führen, welche Waffen, welche Kriegskunst und was für Schlachtrufe das Gute braucht.“ (ebd.)

Texte wie die von Stadler und Gronbach lassen sich nur noch als abstruse Zeugnisse eines esoterischen Fanatismus zur Kenntnis nehmen. Allein von Gazetten wie der rechtskonservativen/rechtsextremen „Jungen Freiheit“ wird den „Kämpfern“ von Info3 kollegiales Lob zuteil und die Anthroposophen bedanken sich selbstverständlich ihrerseits für die Anerkennung. (Kollegen-Kritik)

Die Junge Freiheit und Info3 fordern „Meinungsfreiheit“ für Eva Herman, die ihre Meinungen in Wort und Schrift ungehindert und profitabel äußert, wenngleich auch die ARD ihren Nebenerwerb als Moderatorin mit ihrem Engagement als Autorin für unvereinbar hält und daher den Vertrag mit ihr kündigte.

Um Meinungsfreiheit im Sinne des Grundgesetzes geht es den Info3-Strategen auch keineswegs, denn diese ist ihnen vollkommen fremd. Jens Heisterkamp, Redakteur und Gesellschafter in Personalunion, jammert in der jüngsten Ausgabe seiner Zeitschrift:

„Da steht der geistige Vater der Anthroposophie unter größtem Druck und die anthroposophische Gesellschaft in Deutschland lässt in der Öffentlichkeit nicht das Geringste von sich vernehmen, überlässt Kritikern und Gegnern kampflos das Feld. Landauf landab taucht Anthroposophie in den Medien auf, aber die dafür in Deutschland verantwortliche Gesellschaft hat keine Instrumente entwickelt, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Was ist hier in der Vergangenheit versäumt worden? Auf der von Anthroposophie-Kritikern anonym im Internet betriebenen Webseite www.rudolf-steiner.blogspot.com wurde beispielsweise unmittelbar nach dem Beschluss der Bundesprüfstelle von dem offenbar enttäuschten Betreiber Rudolf Steiner mit Hitler auf eine Stufe gestellt und die Bundesprüfstelle der „Kollaboration“ mit den Anthroposophen bezichtigt („Schrecklicher Verdacht“) Wäre hier nicht die Anthroposophische Gesellschaft auch sogar juristisch gefordert?“ (Anthroposophische Öffentlichkeitsarbeit)

Abgesehen von Heisterkamps skurriler Lesart des Artikels „Schrecklicher Verdacht“, zeigt sich hier innerhalb eines Absatzes, was die Anthroposophen unter „Schlachtrufen“ und „Meinungsfreiheit“ in der Praxis verstehen: einen erbärmlichen Hilferuf an die Dornacher Zentrale, doch bitte unbequeme Meinungen mit juristischen Mitteln aus dem Weg zu räumen.

Der Bundesgerichtshof hat gerade einer Berliner Waldorfschule in einem Rechtsstreit mit den Eigentümern der Nachbargrundstücke abschließend eine „bemerkenswert fernliegende Rechtsaufassung“ attestiert. (BGH) Gänzlich abwegige Überzeugungen sind zweifellos ein generelles Charakteristikum der anthroposophischen Parallelgesellschaft, für die eben auch Meinungsfreiheit und kritischer Journalismus nicht etwa selbstverständlich, sondern vollkommen unerträglich sind.