Keuschheit im anthroposophischen Paradies
Anthroposophen leben in der freudigen Gewissheit, dass die ahrimanisch-verkommene Welt der Gegenwart nicht ewig währen wird. In ein paar tausend Jahren sind nach ihrer Auffassung nicht nur diverse menschliche „Rassen“ aufgrund physisch-geistiger Degeneration „abgestorben“(Vgl. Keine Prügel, kein Rassismus), auch das leidige „Geschlechterproblem“ (vgl. Mütter und Helden) wird kaum mehr eine Rolle spielen. Ermöglichen die zugehörigen Geschlechtsorgane derzeit noch sinnliche Entgleisungen von Frauen wie Männern, so werden diese schändlichen Körperteile eines Tages „verdorren“ zugunsten einer "übersinnlichen" Geistespotenz.
„Die Fortpflanzungsorgane haben am längsten ihren pflanzlichen Charakter bewahrt. Alte Sagen und Mythen berichten uns noch von Hermaphroditen, das waren solche Wesen, die keine Geschlechtsorgane von Fleisch und Blut, sondern solche von pflanzlicher Substanz besaßen. Manche glauben, das Feigenblatt, das die ersten Menschen im Paradies gehabt haben, sei ein Ausdruck der Scham. Nein, in dieser Erzählung hat sich die Erinnerung daran bewahrt, daß die Menschen an Stelle der fleischlichen Fortpflanzungsorgane solche pflanzlicher Natur gehabt haben. Und nun einen Blick in die Zukunft: Was heute noch niedrige Organe im menschlichen Körper sind, was am spätesten einbezogen wurde in die Fleischlichkeit, das wird auch am ersten wieder abfallen, verschwinden, verdorren am menschlichen Körper. Der Mensch wird nicht auf seiner jetzigen Stufe stehenbleiben. Wie er von der reinen Keuschheit der Pflanze in die Sinnlichkeit der Begierdenwelt hinabgestiegen ist, so wird er aus dieser wieder heraufsteigen mit reiner, geläuterter Substanz zum keuschen Zustande.“ (Rudolf Steiner: Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis, GA 100, S. 265)
Aber wie vermehrt sich der Mensch, nachdem er der „Begierdenwelt“ entronnen ist? Rudolf Steiners „Blick in die Zukunft“ macht klar: Während die Geschlechtsorgane zurückgebildet werden, kommt es gleichzeitig zu einer Mutation des Kehlkopfs und der „geistige“ Mensch, resp. die „menschliche Substanz“, vermag sich nun über die erweiterten Sprachorgane „fortzupflanzen“.
„Gewisse Organe des menschlichen Körpers sind im Zerfall, andere sind auf der Höhe ihrer Entwicklungsfähigkeit angelangt; wieder andere sind erst im Beginne ihrer Entwicklung. Zu den ersten gehören die Fortpflanzungsorgane, zu den zweiten gehört das Gehirn; zu jenen, welche erst in der Keimanlage sich befinden, gehören das Herz und der Kehlkopf und alles, was mit der Bildung des Wortes zusammenhängt. Aus ihnen werden Organe herausgebildet, welche die Fortpflanzungsorgane in ihren Funktionen ersetzen und weit überragen werden. Sie werden im höchsten Sinne willkürliche Organe werden. Wenn der Mensch in der Luft durch das Sprechen Formen erzeugt und in der Zukunft das Wort schöpferisch wirken wird, dann wird der Mensch zu jener Keuschheit zurückgekehrt sein, welche die Pflanze bewahrt hat, aber es wird eine bewußte Keuschheit sein. (…) Was auf niederer Stufe als Pflanzenkelch der Sonne entgegengestreckt wurde, was den Sonnenstrahl als Liebespfeil aufnahm, das wird auf der höheren Stufe der zukünftigen Menschheit dem Kosmos wieder zugewendet werden als Kelch, der befruchtet wird vom Geistigen aus. Dies ist dargestellt im Heiligen Gral, dem leuchtenden Kelch, dessen Erreichung dem Ritter des Mittelalters als erhabenes Ziel vorschwebte.“ (ebd., S. 265 f.)
So hält Steiner auch den sagenhaften König Arthus für eine reale Person, und die Waldorfschüler kommen in den Genuss von "erhabenen" Ritterlegenden anstelle "unkeuscher" Sexualkunde. Letztere wird seit einigen Jahren allerdings als „Lebens- und Sexualkunde“ an Waldorfschulen nicht mehr gänzlich verdammt, sondern durchaus teilweise auch positiv gesehen, um die Schüler auch im „Umgang mit dem Triebleben“ (Erziehungskunst) auf den rechten Weg (der Anthroposophie) zu bringen.
