Mittwoch, 17. Oktober 2007

Unbefleckte Fortpflanzung

Keuschheit im anthroposophischen Paradies

Anthroposophen leben in der freudigen Gewissheit, dass die ahrimanisch-verkommene Welt der Gegenwart nicht ewig währen wird. In ein paar tausend Jahren sind nach ihrer Auffassung nicht nur diverse menschliche „Rassen“ aufgrund physisch-geistiger Degeneration „abgestorben“(Vgl. Keine Prügel, kein Rassismus), auch das leidige „Geschlechterproblem“ (vgl. Mütter und Helden) wird kaum mehr eine Rolle spielen. Ermöglichen die zugehörigen Geschlechtsorgane derzeit noch sinnliche Entgleisungen von Frauen wie Männern, so werden diese schändlichen Körperteile eines Tages „verdorren“ zugunsten einer "übersinnlichen" Geistespotenz.

„Die Fortpflanzungsorgane haben am längsten ihren pflanzlichen Charakter bewahrt. Alte Sagen und Mythen berichten uns noch von Hermaphroditen, das waren solche Wesen, die keine Geschlechtsorgane von Fleisch und Blut, sondern solche von pflanzlicher Substanz besaßen. Manche glauben, das Feigenblatt, das die ersten Menschen im Paradies gehabt haben, sei ein Ausdruck der Scham. Nein, in dieser Erzählung hat sich die Erinnerung daran bewahrt, daß die Menschen an Stelle der fleischlichen Fortpflanzungsorgane solche pflanzlicher Natur gehabt haben. Und nun einen Blick in die Zukunft: Was heute noch niedrige Organe im menschlichen Körper sind, was am spätesten einbezogen wurde in die Fleischlichkeit, das wird auch am ersten wieder abfallen, verschwinden, verdorren am menschlichen Körper. Der Mensch wird nicht auf seiner jetzigen Stufe stehenbleiben. Wie er von der reinen Keuschheit der Pflanze in die Sinnlichkeit der Begierdenwelt hinabgestiegen ist, so wird er aus dieser wieder heraufsteigen mit reiner, geläuterter Substanz zum keuschen Zustande.“ (Rudolf Steiner: Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis, GA 100, S. 265)

Aber wie vermehrt sich der Mensch, nachdem er der „Begierdenwelt“ entronnen ist? Rudolf Steiners „Blick in die Zukunft“ macht klar: Während die Geschlechtsorgane zurückgebildet werden, kommt es gleichzeitig zu einer Mutation des Kehlkopfs und der „geistige“ Mensch, resp. die „menschliche Substanz“, vermag sich nun über die erweiterten Sprachorgane „fortzupflanzen“.

„Gewisse Organe des menschlichen Körpers sind im Zerfall, andere sind auf der Höhe ihrer Entwicklungsfähigkeit angelangt; wieder andere sind erst im Beginne ihrer Entwicklung. Zu den ersten gehören die Fortpflanzungsorgane, zu den zweiten gehört das Gehirn; zu jenen, welche erst in der Keimanlage sich befinden, gehören das Herz und der Kehlkopf und alles, was mit der Bildung des Wortes zusammenhängt. Aus ihnen werden Organe herausgebildet, welche die Fortpflanzungsorgane in ihren Funktionen ersetzen und weit überragen werden. Sie werden im höchsten Sinne willkürliche Organe werden. Wenn der Mensch in der Luft durch das Sprechen Formen erzeugt und in der Zukunft das Wort schöpferisch wirken wird, dann wird der Mensch zu jener Keuschheit zurückgekehrt sein, welche die Pflanze bewahrt hat, aber es wird eine bewußte Keuschheit sein. (…) Was auf niederer Stufe als Pflanzenkelch der Sonne entgegengestreckt wurde, was den Sonnenstrahl als Liebespfeil aufnahm, das wird auf der höheren Stufe der zukünftigen Menschheit dem Kosmos wieder zugewendet werden als Kelch, der befruchtet wird vom Geistigen aus. Dies ist dargestellt im Heiligen Gral, dem leuchtenden Kelch, dessen Erreichung dem Ritter des Mittelalters als erhabenes Ziel vorschwebte.“ (ebd., S. 265 f.)

So hält Steiner auch den sagenhaften König Arthus für eine reale Person, und die Waldorfschüler kommen in den Genuss von "erhabenen" Ritterlegenden anstelle "unkeuscher" Sexualkunde. Letztere wird seit einigen Jahren allerdings als „Lebens- und Sexualkunde“ an Waldorfschulen nicht mehr gänzlich verdammt, sondern durchaus teilweise auch positiv gesehen, um die Schüler auch im „Umgang mit dem Triebleben“ (Erziehungskunst) auf den rechten Weg (der Anthroposophie) zu bringen.

Rudolf Steiners Verlag

Fortgesetzter Ärger in Dornach

Gerade hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) dem Rudolf-Steiner-Verlag zur Auflage gemacht, innerhalb eines Jahres zwei Bände der Steiner Gesamtausgabe aufgrund ihrer rassendiskriminierenden Inhalte in einer kommentierten Neuauflage herauszubringen (Vgl. Schrecklicher Verdacht), da widerfährt dem Dornacher Verlag neues Ungemach.

In Deutschland stellt der Publizist Michael Grandt Strafanzeige gegen den Rudolf-Steiner-Verlag wegen Volksverhetzung und in der Schweiz beantragt der Gründer der „Aktion Kinder des Holocaust“, Samuel Althof, eine Strafverfogung wegen Verbreitens rassistischer und antisemischer Inhalte.

Diesmal geht es um Buchbesprechungen des jungen Rudolf Steiner, die in dem Band 32 der Gesamtausgabe des Gründers der Anthroposophie und ihrer Waldorfschulen abgedruckt sind. Anstoß erregen Passagen wie diese:

„Es ist gewiß nicht zu leugnen, daß heute das Judentum noch immer als geschlossenes Ganzes auftritt und als solches in die Entwickelung unserer gegenwärtigen Zustände vielfach ein- gegriffen hat, und das in einer Weise, die den abendländischen Kulturideen nichts weniger als günstig war. Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und daß es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten. Wir meinen hier nicht die Formen der jüdischen Religion allein, wir meinen vorzüglich den Geist des Judentums, die jüdische Denkweise." (Rudolf Steiner: Gesammelte Aufsätze zur Literatur, GA 32, S.152)

Der Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs (verantwortlich für die Gesamtausgabe), Walter Kugler, hat mit solchen Sichtweisen kein Problem. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, hält Kugler daher auch die Strafanzeigen für vollkommen unbegründet:

„Kugler hält die inkriminierten Aussagen nicht für antisemitisch, sondern für "judenkritisch, und das muss eigentlich erlaubt sein, sonst dürfen wir gar keine Kritik mehr üben." Steiner liefere keine Glaubenssätze, sondern "Aspekte zum Nachdenken". Im übrigen, bekräftigte Kugler auf Nachfrage, sei "allen inzwischen klar, dass es bei Steiner weder Antisemitismus noch Rassismus gibt. Jedoch können einzelne Sätze Steiners, aus dem Kontext gerissen, aus heutiger Sicht als rassistisch gedeutet werden." (Süddeutsche Zeitung, 15.10.2007; Tele Basel, 28.09.2007)

Aus anthroposophischer Sicht ist alles, was Steiner sagt, richtig. Deshalb ist es anmaßend und abwegig, Steiner zu kritisieren, während dessen „Kritik“ am „Judentum“ nach wie vor allemal berechtigt erscheint und zum "Nachdenken" anregt. Mit dieser Haltung werden Steiners Positionen bis heute tradiert und gelehrt. Der als "Menschheitsführer" verehrte und geliebte Rudolf Steiner muss ohne Abstriche sakrosankt bleiben, auch im nicht nur rein "geistigen" Interesse der Schulen und Lehrer, Verlage und Autoren, Pharma- und Lebensmittelfirmen, die der Anthroposophie verpflichtet sind.

Helmut Zander hat in seiner voluminösen Arbeit über die Anthroposophie in Deutschland gezeigt, dass Steiners Stereotypen nicht einzelne Entgleisungen sind, sondern konstitutive Bestandteile der anthroposophischen Weltanschauung. Die von Kugler reklamierte Kontextualisierung trägt keineswegs zu einer positiveren Lesart der Steiner-Prosa bei, ganz im Gegenteil. Die Anthroposophen glauben dennoch weiterhin, sich allein mit rhetorischen Mitteln der öffentlichen Kritik entziehen zu können, indem sie so hässliche Begriffe wie Antisemitismus und Rassismus ganz einfach verbal weit von sich weisen .

Der Sprache trauen die Anthroposophen langfristig sogar noch ganz andere Dinge zu. Letztlich dient sie in ferner Zukunft nach anthroposophischer Überzeugung sogar einer „bewussten“, definitiv „keuschen“ und überaus „menschlichen“ Art und Weise der „Fortpflanzung“. Hierzu der nächste Beitrag (Unbefleckte Fortpflanzung).

Dienstag, 16. Oktober 2007

Mütter und Helden

Anthroposophen im „sauberen Krieg"

Eva Herman, ehemalige Tagesschausprecherin und bis vor kurzem noch TV-Moderatorin, betätigt sich seit längerem hauptberuflich als Autorin und unterstützt nebenbei Kampagnen des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche. (Eva Herman – Wikipedia)

Die Reklame für ihr jüngstes Buch („Das Prinzip Arche Noah“) gerät ungewollt zu einem Medienspektakel. In ihrer Publikation tritt Herman vehement für eine strikte Rollenverteilung der Geschlechter in der Gesellschaft ein, die sie als unverzichtbaren „Wert“ betrachtet. In einer Pressekonferenz äußert sie in einem extrem wirren Satz, die Herrschaft des Nationalsozialismus sei eine „grausame Zeit“ gewesen, in deren Folge dann die 68er-Generation praktisch „alles, was wir an Werten hatten“ abgeschafft hätten, „eben auch das, was gut war“. (Wortlaut Eva Herman)

Bezüglich der von Herman verfochtenen „Werte“ richten demnach die Studenten der 60er Jahre schlimmeres an als die Nationalsozialisten. Während der NS- Herrschaft seien diese „Werte“ erhalten geblieben, teils sogar gefördert, teils vielleicht auch ein bisschen missbraucht worden. Erst die maßlose Tabula rasa der Studenen habe diese „Werte“ jedoch gut zwanzig Jahre später destruiert. 50 Millionen tote Familienmitglieder infolge der NS-Herrschaft vermögen somit dem „Wert“ der Familie kaum etwas anzuhaben, aber studentische Wohngemeinschaften richten die gesamte Moral zugrunde.

In weiten Teilen der Presse wird diese Auffassung als skandalös angesehen. Nachdem Herman der ARD ihre Darlegungen vor den Pressevertretern inhaltlich bestätigt, kündigt der Sender den mit ihr bestehenden Moderatorenvertrag. Selbstverständlich bestätigt Eva Herman nur das, was sie tatsächlich gesagt hat und nicht etwa Fehlinterpretationen wie die, dass Herman die NS-Familienpolitik mehr wertschätze als die der Bundesrepublik. Ihre Entlassung wiederum wird erneut als Skandal aufgefasst, und zwar von der NPD und der DVU, die eine Kampagne „Freiheit für Eva Herman“ starten, inklusive geplanter Kundgebung in Hamburg.

Auch die Anthroposophen sind empört, nicht über Eva Hermans Geschichtsinterpretation und ihre „Werte“, sondern über die Kündigung durch die ARD. Allen voran, erklären die Redakteure der anthroposophischen Zeitschrift Info3 (Autobahn geht halt nicht) ihren Anhängern, was Eva Herman eigentlich hat sagen wollen, was Info3 genauso sieht wie Herman, und dass es deshalb untragbar sei, sie rauszuschmeißen, nicht nur als Moderatorin des NDR, sondern anschließend auch noch als Gast einer Takshow des ZDF („Johannes B. Kerner“), in der Herman selber wieder einmal nicht die „richtigen“ Worte findet.

Insbesondere der Info3-Redakteur Sebastian Gronbach, ist voller Begeisterung für Hermans Thesen und ihren „Mut“, auszusprechen und niederzuschreiben, was auch er für unumstößliche Wahrheiten hält.

Natürlich will Gronbach selber da nicht zurückstehen und platziert auf seiner Internetseite heroische Links zu einschlägigen Mitstreitern der NPD/DVU-Kampagne unter dem Slogan „Freiheit für Eva Herman“. Die Links sind inzwischen wieder verschwunden, geblieben ist seine Laudatio auf das einzig richtige Verständnis wahrer Weiblichkeit:

„Sie (Eva Herman, der Verf.) haben gesagt, dass Frauen und Männer von Natur aus unterschiedlich sind. Dann haben Sie das spezifisch weibliche Profil skizziert und dabei auf Kompetenzen wie Hingabe, Mitgefühl, Zärtlichkeit, Sinn für Harmonie und Schönheit, Flexibilität und Fürsorge hingewiesen. Schließlich haben Sie gesagt, welche menschlich-gesellschaftlichen Mission, am besten zum Format der Weiblichkeit passt: Hausfrau und Mutter. (…) Sie beschreiben und belegen wissenschaftlich, was einem der gesunde Menschenverstand sagt: Vor allem kleinste Kinder brauchen eine Hülle, ein Zuhause, die verlässliche Gegenwart der Mutter und einen Vater der ihnen zeigt, was die männliche Natur ist.“ (Evas Sünde)


„Was die männliche Natur ist“, so wie es ihm sein „gesunder Menschenverstand“ sagt, erläutert Sebastian Gronbach kurz darauf in einem weiteren Artikel. Während das Weib seine „Mission“ als Hausfrau und Mutter verwirklicht, beweist sich der Mann idealerweise als Kriegsheld:

„Der Erzengel Michael ist die Symbolfigur der Anthroposophie. Die Majorität der Anthroposophen geht sogar davon aus, dass dieser Erzengel als Wesen existiert – Michael ist für sie also mehr als ein Symbol. Er ist für viele Anthroposophen eine Realität. Ein reales (wenn auch geistiges) Wesen mit einem realen (wenn auch geistigen) Schwert. (…) Ein sauberer Krieg ist ein Krieg, der frei ist von unbewusster Energie. Ein Krieg der bewussten Energie also. (…) Krieg ist insofern eine Metapher für absolutes und vorbildhaftes Engagement für eine Sache, die aus einer Person kommt, aber größer als Zeit und Raum von Personen ist. Man setzt sich für eine Sache ein. Man ist als Krieger sein eigener Einsatz. (…) Andererseits ist Krieg keine Metapher, sondern die zeitlose Antwort des Heroismus. Heroismus wurde krank gespöttelt und todgesagt und ist doch unsterblich. (…) Gibt es den Erzengel Michael? Es gibt ihn immer dann, wenn wir uns für Heroismus des Lichts entscheiden. Unsere Entscheidungen machen aus uns, was wir sind. Zum Beispiel ein Erzengel.“ (Mythos Michael-Wiklichkeit Heroismus)

Welche Heldentaten in welchen „sauberen“ Kriegen der Anthroposoph konkret meint, ist seinen Männerphantasien nicht zu entnehmen.

Verdun - unsterblicher Heroismus