Rudolf Steiners Nachlassgestalter und ihre Demagogie-Koryphäe im kollegialen Dialog mit einem NPD-Funktionär
Die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung hat infolge des öffentlichen Drucks, des Urteils der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) und mehrerer Strafanzeigen entschieden, vorerst drei Bände des Gesamtwerks Rudolf Steiners vom Markt zu nehmen und voraussichtlich im nächsten Jahr in einer kommentierten Neuauflage herauszubringen. Auf diese Weise soll dem Urteil der BPjM Rechnung getragen und einer möglichen Strafverfolgung in der Schweiz wegen Verbreitens rassistischer und antisemitischer Schriften vorgebeugt werden. (Vgl. Rudolf Steiners Verlag) In einem Interview des Deutschlandfunks erklärt der Präsident der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung, Cornelius Bohlen, Steiner habe sich mehrfach „eindeutig gegen Rassismus und Antisemitismus erklärt“. Der Moderator, Michael Köhler, fragt daraufhin nach, wo Steiner das täte, ob Bohlen „die Stellen zufällig parat“ habe. Hierauf antwortet der Nachlassverwalter etwas verunsichert:
„Ja, da gibt eine bekannte Stelle aus dem Jahre nach dem Ersten Weltkrieg: ‚Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit‘, also wo eine ganz eindeutige Aussage vorliegt.“ (DLF, Kultur heute, 1.12.2007)
Nein, diese „bekannte Stelle“ und ihre "ganz eindeutige Aussage", von Anthroposophen wieder und wieder „zitiert“, gibt es im gesamten Werk Rudolf Steiners nachweislich nicht, wovon sich jeder über die Volltextsuche der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung schnell überzeugen kann. (Rudolf-Steiner-Archiv) Das vermeintliche Steiner-Zitat ist eine Erfindung des Autorenteams Hans-Jürgen Bader/Manfred Leist/Lorenzo Ravagli, die in zwei Publikationen Steiners biologistische Wahn-Konstruktionen als glanzvolle Zeugnisse einer rundum vorbildlichen „Geisteswissenschaft“ lobpreisen. (Vgl. Der Stern, 16.11.2007) Jene Herren, die seriösen Wissenschaftlern und Journalisten wider besseren Wissens vorwerfen, Zitate aus dem Werk Steiners sinnentstellend zu verwenden, erfinden ihre Belegstellen ganz einfach selbst, und die anthroposophische Gemeinschaft zeigt sich dankbar für diese Kreativität. So wird der Nachlass Steiners nicht nur verwaltet, sondern für die Öffentlichkeit neu gestaltet.

Öffentlich prononciert sich aus den Reihen des erfindungsreichen Trios insbesondere Lorenzo Ravagli, mit Texten, die zur einen Hälfte aus „Spiritualität“ bestehen und zur anderen aus Lügen, bösartigen Verleumdungen und Beleidigungen derjenigen, die es wagen, ein kritisches Wort über die Anthroposophie und ihre Waldorfschulen zu äußern. So poltert der rasende Anthroposoph jüngst:
„Die rassistoiden Antirassisten, die faschistoiden Antifaschisten, die sektiererischen Sektenjäger, sie alle missbrauchen andere Menschen lediglich als Objekte ihrer ideologischen Selbstrechtfertigung.“ (Anthroblog)
Lorenzo Ravagli ist nicht nur freischaffender Demagoge, sondern Redakteur der Zeitschrift „Erziehungskunst – Zeitschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners“, die den Waldorflehrern erklärt, wie die Welt im Sinne Rudolf Steiners zu verstehen und den Kindern zu lehren ist. Wissenschaftler und Journalisten hasst Ravagli aus tiefster Seele. Sein Mitstreiter, Andreas Neider, von der deutschen Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG) in Stuttgart kündigt bereits an, dass Ravagli auch Helmut Zanders Darstellung der Anthroposophie in Deutschland nicht ungeschoren davonkommen lassen möchte und demnächst den ahrimanischen Wissenschaftler in Buchform gehörig zurechtweisen wird. (vgl. Gefährliche Wissenschaften)
Einem anderen, bereits fertiggestellten Buchprojekt, hat Lorenzo Ravagli unmittelbar vor der geplanten Veröffentlichung seine Autorisierung entzogen und damit eine Publikation durch den Stuttgarter Verlag Johannes M. Mayer verhindert, die er zuvor selber überhaupt erst ermöglicht hat. Es handelt sich dabei um einen Briefwechsel zwischen Lorenzo Ravagli und Andreas Molau, dem ehemaligen Waldorflehrer und heutigen Spitzenfunktionär der niedersächsischen NPD. (vgl. Worauf man sich einlässt) Während Ravagli Wissenschaftler und Journalisten zum Teufel wünscht, hält er den regen Gedankenaustausch mit Andreas Molau für ein fruchtbares Unterfangen. Offenbar hat ihn im letzten Moment jemand darauf hingewiesen, dass diese Kontaktpflege in der Öffentlichkeit wieder einmal vollkommen „missverstanden“ werden könnte, zumal der Bund der Freien Waldorfschulen doch gerade seinem ehemaligen Lehrer, Molau, gerichtlich untersagen möchte, sich mit seinen „Schulungen“ weiterhin auf die „Waldorfpädagogik“ zu berufen.
Angekündigt war das Buch von Ravagli und Molau unter dem Titel:
„Falsche Propheten. Anthroposophie und völkisches Denken. Eine Abgrenzung in Form eines Briefwechsels“
Das unveröffentlichte Werk enthält insgesamt 13 unterschiedlich lange und zum Teil langatmige Schreiben der beiden Autoren, in denen sie sich ihre Standpunkte zu Rassismus, Nationalismus und dem politischen System der Bundesrepublik wechselseitig erläutern, jeweils unter Berufung auf Rudolf Steiner, den beide als ihren Gewährsmann betrachten. Kurz gesagt: Keiner möchte als Rassist gelten, Molau sieht den Nationalismus positiv, Ravagli findet ihn nicht erstrebenswert und beide möchten den politischen Status Quo der Bundesrepublik beizeiten überwinden.
Die „Abgrenzung“ von der im Titel die Rede ist, fällt im Vergleich zu Ravaglis umfassender und prinzipieller Distanz zur seriösen Wissenschaft und Publizistik doch sehr milde und partikular aus. Während seine Elaborate über Wissenschaftler und Journalisten vor gehässigen Diffamierungen strotzen, erkennt man den Autor in diesem freundlichen Gespräch mit Andreas Molau kaum wieder. In anderer Hinsicht bleibt sich Ravagli dagegen treu, was allerdings die „Abgrenzung“ zusätzlich unscharf werden lässt: Während Molau es versteht, seine Position deutlich zu propagieren, verläuft sich Ravagli wie gewohnt in seinem spirituellen Irrgarten. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen:
„Wie uns das Beispiel des keltischen Volkes belehren kann, können Völker, wenn die Erzengel sich von ihnen abwenden, auch aus der Geschichte verschwinden, weil deren Erzengel andere Aufgaben in der geistigen Geschichte der Menschheit übernehmen.“ (Lorenzo Ravagli, Schreiben an Molau vom 14. Juli 2006)
„Die Emigration ist doch keine Verschwörung des Kapitals, sondern die Folge von Willensentschlüssen tausender Einzelner, die sich aufmachen, in anderen Ländern der Erde ihr Glück zu versuchen. Sie wollen emigrieren, sie werden nicht zur Emigration gezwungen.“ (ebd.)
„Wie gesagt: Assimilation und Akkulturation halte ich für nötig, im Interesse der Einwanderer selbst. Das führt zu einer multirassischen oder multiethnischen, nicht zu einer multikulturellen Gesellschaft.“ (Lorenzo Ravagli, Schreiben an Molau vom 30. Juli 2006)
„Die Mission würde, jetzt phantasiere ich ein wenig, darin bestehen, jene Menschen, die in den deutschen Kulturraum einwandern, dazu zu erziehen, sich zu diesem Allgemein-Menschlichen, Übernationalen zu erheben, das sich im Ich des deutschen Volkes ausspricht.“ (Lorenzo Ravagli, Schreiben an Molau vom 13. August 2006)
„Bereits die Deutschen des 19. Jahrhunderts, so habe ich geschrieben, haben ihren spirituellen Auftrag verraten, deswegen sind sie am Ende auch im Nationalsozialismus gelandet, der der ultimative Verrat an der spirituellen Aufgabe des deutschen Volkes war. Von der Möglichkeit eines solchen Verrats konnte Steiner natürlich nur in Andeutungen sprechen, was er auch getan hat, wie man seinen wenigen Hinweisen auf das Jahr 1933 entnehmen kann.“ (ebd.)
Völker „verschwinden“ aus der Geschichte, wenn Erzengel sich von ihnen abwenden. Migration erfolgt nicht aus wirtschaftlicher Not oder politischer Verfolgung, sondern aus freien Stücken. Einwanderer sollen zum „übernationalen“ Deutschtum bekehrt werden. Rudolf Steiner ist ein unfehlbarer Hellseher und wenn man sich an seine Weisungen hält, müssen auch keine Weltkriege geführt und keine Völkermorde begangen werden, die eine bedauerliche Folge mangelnder Spiritualität sind …
Es bedarf sicher einiger „Erziehungskunst“, um derartigen Irrsinn zu vermitteln. Lorenzo Ravagli, die „Zeitschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners“ und deren Leserschaft, die „Waldorfpädagogen“, tun ihr möglichstes. Eltern und Schulaufsichten sollten bei ihrem nächsten Besuch in einer Waldorfschule nicht nur die „Stuttgarter Erklärung“ an der Wand lesen, sondern auch einen Blick in die „Epochenhefte“ des Fachs Geschichte werfen. Nach wie vor werden die „geistigen Schauungen“ Rudolf Steiners zur „Menschheitsentwickelung“ anstelle von historischen Fakten in die Hefte geschrieben und mit bunten Stiften von Kinderhand verziert.
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