Montag, 19. November 2007

Stuttgarter Erklärung

Pressekonferenz und Plakataktion des Bundes der Freien Waldorfschulen

Aufgrund der fortgesetzten Diskussion über den Rassismus und Antisemitismus im Werk Rudolf Steiners, das die Grundlage der „Waldorfpädagogik“ bildet, lädt der Bund der Freien Waldorfschulen am 16.11.2007 zu einer Pressekonferenz in Berlin ein, aber kaum jemand geht hin. Als hätten es die Journalisten schon vorher gewusst: Der Verband hat zwar einen neuen Vorstand, bleibt aber bei seinen altbekannten Rechtfertigungen. (Vgl. Der Stern; Die Welt)

Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG), der Rudolf Steiner Verlag und der Bund der Freien Waldorfschulen haben sich erneut auf eine gemeinsame Linie verständigt, die ganz der alten entspricht, die sie nun aber in jeweils etwa gleichlautenden Erklärungen der Öffentlichkeit präsentieren, in der Annahme, dass der vereinte Gleichklang offenkundiger Lügen in Gestalt offizieller Erklärungen überzeugender wirkt. Der Bund der Freien Waldorfschulen hat eine in sanften Farben gehaltene „Stuttgarter Erklärung“ zu Papier gebracht, die in einer vergrößerten Plakatausgabe bald in den Waldorfschulen zu lesen sein soll, möglicherweise unmittelbar neben den in allen Gebäuden stets gegenwärtigen Bildern Rudolf Steiners oder des Erzengels Michael.


Die Erklärung der vereinigten Waldorfschulen, der zufolge die Anthroposophie jede Art von Rassismus und Nationalismus ablehne und nur einzelne missverständliche Formulierungen Rudolf Steiners berge, die unter Umständen als diskriminierend empfunden werden könnten, ist schlicht und ergreifend absurd. Erstaunlich ist, dass die Anthroposophen diese erwiesenermaßen falsche Behauptung just zu dem Zeitpunkt hartnäckig beschwören, da in allen größeren Zeitungen das monumentale Werk von Helmut Zander über die Anthroposophie besprochen wird, das noch einmal detailliert Rudolf Steiners Rassenideologie beschreibt und die aberwitzigen Versuche, diese einfach hinweg zu leugnen ad absurdum führt. (Zander, Helmut: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945, Göttingen 2007, S. 624 ff.; vgl. ders. Sozialdarwinistische Rassentheorien)

Es dürfte auch kaum erfolgversprechend sein, den Historiker Zander als inkompetenten katholischen Theologen zu charakterisieren, der aufgrund mangelnder esoterisch-anthroposophischer "Schulung" unbefugt sei, sich überhaupt ein Urteil über Steiner anzumaßen und im übrigen als Schriftsteller des teuflischen Ahrimans fungiere, der sein elendes Machwerk wie ein Trojanisches Pferd in die anthroposophische Gesellschaft zu schleusen gedenke. (vgl. Gefährliche Wissenschaften) Solch "geistige Schauen" vermögen nur jene zu beeindrucken, die ohnehin für rationale Argumente schon lange nicht mehr empfänglich sind.

Rudolf Steiner hat eine in weiten Teilen von den Theosophen übernommene Rassenideologie hinterlassen, die ein integraler Bestandteil seines gesamten Menschen- und Evolutionsverständnisses ist und damit ein zentraler Bestandteil der Anthroposophie insgesamt. Illustriert hat er diese Sichtweise mit zahlreichen besonders hirnrissigen und abstoßenden Darlegungen über Menschen nicht weißer Hautfarbe. Diese sind klipp und klar auf Steiners Gegenwart und nicht etwa – wie von Anthroposophen immer wieder behauptet – auf die ferne Vergangenheit bezogen. Das geht aus den berühmt-berüchtigten Passagen, wie beispielsweise der über schwangere europäische Frauen, die keine „Negerromane“ lesen sollen, damit sie keine „Mulatten“ gebären (Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA) 348, S. 189) oder über die Indiander, deren innere zum „aussterben“ führende "Verknöcherung" auf Postkartenbildern mit „Händen zu greifen“ sei (GA 121, S. 117), in aller Unmissverständlichkeit hervor. (vgl. Keine Prügel, kein Rassismus) Richtig ist die Forderung der Anthroposophen, derartige Wahnvorstellungen in ihrem Kontext lesen zu sollen. Nur: Gerade dadurch wird eben deutlich, wie auch Helmut Zander immer wieder betont, dass es sich eben nicht um einzelne Entgleisungen handelt, sondern diese Sichtweisen untrennbar mit dem Gesamtwerk Rudolf Steiners verwoben sind, keineswegs begrenzt auf Vorträge vor Bauarbeitern oder auf einzelne Lebensabschnitte des vermeintlichen „Menschheitsführers“.

Anhand zweier Werke der Rudolf Steiner Gesamtausgabe hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien die wissenschaftliche Forschung mit ihrem Urteil bestätigt, den esoterisch verblasenen Rechtfertigungsversuchen des Rudolf Steiner Verlags eine Absage erteilt und diesem zur Auflage gemacht, die inkriminierten Bände aufgrund der rassistischen Passagen nur noch kommentiert in den Handel zu bringen. (vgl. Die Reihen fast geschlossen) Auch das lässt die anthroposophischen Strategen jedoch ungerührt. Die Wochenschrift Das Goetheanum behauptet im Internet ganz einfach das Gegenteil:

„Gerade erst gelang es den Vertretern des Dornacher Rudolf-Steiner-Verlages die deutsche ‹Bundesstelle für jugendgefährdete Medien› zu überzeugen, dass Steiner in der Tat kein Rassist war (‹Goetheanum› Nr. 37/2007).“ (Goetheanum 11.10.2007)

Einer der Wortführer der anthroposophischen „Bewegung“, der Redakteur der Zeitschrift „Erziehungskunst“, Lorenzo Ravagli wird ebenfalls nicht müde, die immer gleichen Unwahrheiten, eingekleidet in jede Menge diffamierender Tiraden gegen Wissenschaftler und Journalisten, zu wiederholen. Ravagli verhindert, dass ein gemeinsam von ihm und dem NPD-Funktionär Andreas Molau verfasstes Buch in den Handel gelangt, dessen Publikation in einem anthroposophischen Verlag er selber zuvor in die Wege geleitet hatte.

Vor drei Jahren erregt die Entlassung des ehemaligen Waldorflehrers Molau Aufsehen. (vgl. Worauf man sich einlässt) Natürlich distanzieren sich die Anthroposophen von der NPD; niemand habe in den acht Jahren seiner Lehrtätigkeit etwas von den rechtsextremen Überzeugungen Molaus geahnt. In diesem Jahr kündigt Molau an, ein NPD-Waldorflandschulheim einrichten zu wollen. Wieder distanziert sich der Bund der Waldorfschulen und will ihm gerichtlich untersagen, den Namen Waldorf für seine Projekte zu benutzen. Unter diesen Umständen erscheint es dem „Erziehungskünstler“ Ravagli schließlich angebracht, seinen Gedankenaustausch mit dem NPD-Funktionär besser doch nicht zu veröffentlichen. (Mehr dazu in einem späteren Beitrag)

Zu seiner Apologie der Schriften Rudolf Steiners steht Lorenzo Ravagli im Unterschied zu seinem Briefwechsel mit Andreas Molau unverändert. Die Berliner Wissenschaftlerin Jana Husmann-Kastein (Gutachterin des Familienministeriums für das Verfahren der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) bringt es auf den Punkt, indem sie gegenüber dem Magazin Der Stern erklärt, von Ravagli werde der Rassismus Rudolf Steiners

„nicht nur abgestritten, sondern zum Humanismus umgedeutet.“ (Der Stern, 16.11.2007)

Die Anthroposophie ist generell eine "Lehre" famoser Umdeutungen: Jede Rationalität gilt als ahrimanischer Materialismus, Esoterik ist reinste Wissenschaft, seriöse Forschung dagegen irreführender Intellektualismus. Eine kritische Individualität ist dann erreicht, wenn sie in absoluter Demut jedes Wort Rudolf Steiners als eigene Überzeugung verinnerlicht und die eigene Persönlichkeit zu Gunsten der Anthroposophie vollständig aufgegeben hat. Die Maßgaben zur Indoktrination von Schülern sind eine kindgerechte Pädagogik, die auf alle erziehungswissenschaftlichen Einsichten souverän verzichten kann ... Derartige „Weisheiten“ vermittelt Rudolf Steiner in 370 Bänden, und seine Anhänger möchten nicht eine Zeile in Zweifel gezogen sehen.