Die Welt als Wille und Wahn
Das spirituelle Selbstverständnis der Anthroposophen ermöglicht es ihnen, souverän die gesamte Menschheitsgeschichte sowie innen- und weltpolitische Probleme der Gegenwart zu beurteilen. Die tief empfundene Überlegenheit der anthroposophischen Weltdeutung ist dabei von keinerlei historisch-politischer Sachkenntnis angekränkelt. Außerhalb der anthroposophischen Gemeinde stößt das krude Gedankengebäude Rudolf Steiners und seiner Adepten weitgehend auf Ablehnung, mit Ausnahme der extremen politischen Rechten, die viele Gewissheiten der Anthroposophie teilt.
Die Redakteure der anthroposophischen Zeitschrift Info3, Sebastian Gronbach (vgl. Mütter und Helden) und Felix Hau, wähnen sich als Krieger des Lichts, die im Auftrag höherer Welten gegen die Mächte der Finsternis zu Felde ziehen. In der Oktoberausgabe von Info3 legt auch Wolfgang Stadler noch einmal dar, wie schlimm es um Deutschland und die Welt bestellt ist. Schuld daran ist ein folgenschwerer Zivilisationsbruch, nicht der längst überwundene Wendepunkt von 1933, sondern die nachhaltig desaströse Zäsur von 1968. Seither befindet sich die Bundesrepublik fest im Griff des Ahrimans und seiner teuflischen Bräute.
Stadler sieht sich selbst als einen „Männerrechtler“, der sich gegen die Auswüchse eines „Femifaschismus“ zur Wehr setzt. Sein von Info3 leicht gekürzt abgedrucktes Manifest ist dankenswerterweise auch im Internet in aller Ausführlichkeit nachzulesen. (WGVDL; Campo News)
Zunächst wirft Stadler einen weiten Blick zurück:
„Der Mensch war in früheren Kulturen – sehr viel stärker als heute - im Gleichgewicht mit einer die Natur betrachtenden, ihr Wesen empfangenden Haltung. Überall war die Natur beseelt, Geist lebte in ihr – Schritt für Schritt verschwand diese Welt aus dem menschlichen Bewusstsein. (Heutzutage wird das alles als kindlicher Aberglaube abgetan)“ (ebd.)
Sodann „analysiert“ der Autor die Situation der gegenwärtigen Kulturepoche unter besonderer Berücksichtigung des Zeitraums von 1968 bis zur Gegenwart. Sein Ergebnis ist niederschmetternd: Nie war es so schlimm wie heute. Brutale Furien beherrschen die gesamte Gesellschaft, untergraben im Namen falsch verstandener Gleichberechtigung den Wert der Männlichkeit und verraten gleichzeitig die wahre Weiblichkeit, die beispielhaft von Eva Herman verkörpert wird.
Zu guter Letzt fehlt auch nicht der Blick voraus. Für die nähere Zukunft ist Stadler allerdings sehr skeptisch und prophezeit:
„Nachdem die kühle Seelenlosigkeit nun alle Lebensbereiche (von den Wissenschaften bis hin zu Medien, Kultur und Pädagogik (…) unserer Gesellschaft erfasst hat, wird diese in Zukunft wohl nur noch durch Krisen (seien es Naturkatastrophen, seien es Amokläufer an Schulen - und noch viele andere, evtl. auch weitaus größere Katastrophen…) zu einem Wertewandel kommen.“ (ebd.)
Angesichts derart düsterer Aussichten möchte Sebastian Gronbach die Anthroposophie endlich wieder aus dem pazifistischen Bann der 68er zurück zu den kämpferischen Wurzeln ihres Gründers führen. Studenten demonstrierten einst gegen den Vietnamkrieg, aber der erste Anthroposoph habe den Soldaten des ersten Weltkriegs Mantren gewidmet, „die zeigen, dass Steiner nicht auf die Weichspüler Version zu reduzieren ist, zu dem ihn die grüne 68er Welle gemacht hat“, was Gronbach mit einem Zitat Rudolf Steiners illustriert:
„Den Krieger stählt das Bewusstsein, dass er für ein Teuerstes einsteht, dass die Erde der Menscheit (sic!) zu geben hat. Er sieht dem Tod ins Antlitz mit dem Gefühl, dass sein Sterben von jenem Leben gefordert wird, dass als Höheres gegenüber dem einzelnen Menschen auch seinen Tod beanspruchen darf. Väter, Mütter und Söhne, Schwestern und Töchter müssen aus dem persönlichen Leide heraus sich finden in der Idee, dass aus Blut und Tod die Entwickelung der Menscheit (sic!) sich erheben werde zu Zielen, denen die Opfer notwenig (sic!) waren und die sie rechtfertigen werden. (GA 24)“ (Anthroposophisches Kriegsgerede)
Für Opfer hat Steiner ohnehin sehr viel übrig, auch für die sehr kleiner „Männer“, die noch zu jung für den Krieg sind und schon im Kindesalter „für Höheres sterben“. (vgl. Theos Opfer). Das Steiner-Zitat unterstreicht Gronbach noch einmal mit eigenen Worten bezüglich einer "heroischen" Auffassung familiärer „Werte“ in der Gegenwart:
„Männer, die im Krieg für Höheres sterben? Hinterbliebene von getöteten Soldaten die sich in ihrem Leid verdeutlichen sollen, dass dieses Blut, dieser Tod, notwenig (sic!) für die Entwicklung der Menscheit (sic!) sind? Das soll Steiner sein? Das ist doch Georg W. Bush! Mag sein. Es ist auch Steiner – nur ein Aspekt seiner Persönlichkeit, aber einer der nicht zu leugnen ist.“ (ebd.)
Um den Siegeszug der Anthroposophie zu forcieren, plädiert Gronbach für eine „Wiederbewaffnung des Guten“ und ruft die Gleichgesinnten dazu auf,
„einen Diskurs darüber zu führen, welche Waffen, welche Kriegskunst und was für Schlachtrufe das Gute braucht.“ (ebd.)
Texte wie die von Stadler und Gronbach lassen sich nur noch als abstruse Zeugnisse eines esoterischen Fanatismus zur Kenntnis nehmen. Allein von Gazetten wie der rechtskonservativen/rechtsextremen „Jungen Freiheit“ wird den „Kämpfern“ von Info3 kollegiales Lob zuteil und die Anthroposophen bedanken sich selbstverständlich ihrerseits für die Anerkennung. (Kollegen-Kritik)
Die Junge Freiheit und Info3 fordern „Meinungsfreiheit“ für Eva Herman, die ihre Meinungen in Wort und Schrift ungehindert und profitabel äußert, wenngleich auch die ARD ihren Nebenerwerb als Moderatorin mit ihrem Engagement als Autorin für unvereinbar hält und daher den Vertrag mit ihr kündigte.
Um Meinungsfreiheit im Sinne des Grundgesetzes geht es den Info3-Strategen auch keineswegs, denn diese ist ihnen vollkommen fremd. Jens Heisterkamp, Redakteur und Gesellschafter in Personalunion, jammert in der jüngsten Ausgabe seiner Zeitschrift:
„Da steht der geistige Vater der Anthroposophie unter größtem Druck und die anthroposophische Gesellschaft in Deutschland lässt in der Öffentlichkeit nicht das Geringste von sich vernehmen, überlässt Kritikern und Gegnern kampflos das Feld. Landauf landab taucht Anthroposophie in den Medien auf, aber die dafür in Deutschland verantwortliche Gesellschaft hat keine Instrumente entwickelt, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Was ist hier in der Vergangenheit versäumt worden? Auf der von Anthroposophie-Kritikern anonym im Internet betriebenen Webseite www.rudolf-steiner.blogspot.com wurde beispielsweise unmittelbar nach dem Beschluss der Bundesprüfstelle von dem offenbar enttäuschten Betreiber Rudolf Steiner mit Hitler auf eine Stufe gestellt und die Bundesprüfstelle der „Kollaboration“ mit den Anthroposophen bezichtigt („Schrecklicher Verdacht“) Wäre hier nicht die Anthroposophische Gesellschaft auch sogar juristisch gefordert?“ (Anthroposophische Öffentlichkeitsarbeit)
Abgesehen von Heisterkamps skurriler Lesart des Artikels „Schrecklicher Verdacht“, zeigt sich hier innerhalb eines Absatzes, was die Anthroposophen unter „Schlachtrufen“ und „Meinungsfreiheit“ in der Praxis verstehen: einen erbärmlichen Hilferuf an die Dornacher Zentrale, doch bitte unbequeme Meinungen mit juristischen Mitteln aus dem Weg zu räumen.
Der Bundesgerichtshof hat gerade einer Berliner Waldorfschule in einem Rechtsstreit mit den Eigentümern der Nachbargrundstücke abschließend eine „bemerkenswert fernliegende Rechtsaufassung“ attestiert. (BGH) Gänzlich abwegige Überzeugungen sind zweifellos ein generelles Charakteristikum der anthroposophischen Parallelgesellschaft, für die eben auch Meinungsfreiheit und kritischer Journalismus nicht etwa selbstverständlich, sondern vollkommen unerträglich sind.
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