Mittwoch, 17. Oktober 2007

Rudolf Steiners Verlag

Fortgesetzter Ärger in Dornach

Gerade hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) dem Rudolf-Steiner-Verlag zur Auflage gemacht, innerhalb eines Jahres zwei Bände der Steiner Gesamtausgabe aufgrund ihrer rassendiskriminierenden Inhalte in einer kommentierten Neuauflage herauszubringen (Vgl. Schrecklicher Verdacht), da widerfährt dem Dornacher Verlag neues Ungemach.

In Deutschland stellt der Publizist Michael Grandt Strafanzeige gegen den Rudolf-Steiner-Verlag wegen Volksverhetzung und in der Schweiz beantragt der Gründer der „Aktion Kinder des Holocaust“, Samuel Althof, eine Strafverfogung wegen Verbreitens rassistischer und antisemischer Inhalte.

Diesmal geht es um Buchbesprechungen des jungen Rudolf Steiner, die in dem Band 32 der Gesamtausgabe des Gründers der Anthroposophie und ihrer Waldorfschulen abgedruckt sind. Anstoß erregen Passagen wie diese:

„Es ist gewiß nicht zu leugnen, daß heute das Judentum noch immer als geschlossenes Ganzes auftritt und als solches in die Entwickelung unserer gegenwärtigen Zustände vielfach ein- gegriffen hat, und das in einer Weise, die den abendländischen Kulturideen nichts weniger als günstig war. Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und daß es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten. Wir meinen hier nicht die Formen der jüdischen Religion allein, wir meinen vorzüglich den Geist des Judentums, die jüdische Denkweise." (Rudolf Steiner: Gesammelte Aufsätze zur Literatur, GA 32, S.152)

Der Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs (verantwortlich für die Gesamtausgabe), Walter Kugler, hat mit solchen Sichtweisen kein Problem. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, hält Kugler daher auch die Strafanzeigen für vollkommen unbegründet:

„Kugler hält die inkriminierten Aussagen nicht für antisemitisch, sondern für "judenkritisch, und das muss eigentlich erlaubt sein, sonst dürfen wir gar keine Kritik mehr üben." Steiner liefere keine Glaubenssätze, sondern "Aspekte zum Nachdenken". Im übrigen, bekräftigte Kugler auf Nachfrage, sei "allen inzwischen klar, dass es bei Steiner weder Antisemitismus noch Rassismus gibt. Jedoch können einzelne Sätze Steiners, aus dem Kontext gerissen, aus heutiger Sicht als rassistisch gedeutet werden." (Süddeutsche Zeitung, 15.10.2007; Tele Basel, 28.09.2007)

Aus anthroposophischer Sicht ist alles, was Steiner sagt, richtig. Deshalb ist es anmaßend und abwegig, Steiner zu kritisieren, während dessen „Kritik“ am „Judentum“ nach wie vor allemal berechtigt erscheint und zum "Nachdenken" anregt. Mit dieser Haltung werden Steiners Positionen bis heute tradiert und gelehrt. Der als "Menschheitsführer" verehrte und geliebte Rudolf Steiner muss ohne Abstriche sakrosankt bleiben, auch im nicht nur rein "geistigen" Interesse der Schulen und Lehrer, Verlage und Autoren, Pharma- und Lebensmittelfirmen, die der Anthroposophie verpflichtet sind.

Helmut Zander hat in seiner voluminösen Arbeit über die Anthroposophie in Deutschland gezeigt, dass Steiners Stereotypen nicht einzelne Entgleisungen sind, sondern konstitutive Bestandteile der anthroposophischen Weltanschauung. Die von Kugler reklamierte Kontextualisierung trägt keineswegs zu einer positiveren Lesart der Steiner-Prosa bei, ganz im Gegenteil. Die Anthroposophen glauben dennoch weiterhin, sich allein mit rhetorischen Mitteln der öffentlichen Kritik entziehen zu können, indem sie so hässliche Begriffe wie Antisemitismus und Rassismus ganz einfach verbal weit von sich weisen .

Der Sprache trauen die Anthroposophen langfristig sogar noch ganz andere Dinge zu. Letztlich dient sie in ferner Zukunft nach anthroposophischer Überzeugung sogar einer „bewussten“, definitiv „keuschen“ und überaus „menschlichen“ Art und Weise der „Fortpflanzung“. Hierzu der nächste Beitrag (Unbefleckte Fortpflanzung).