Bundesprüfstelle und anthroposophische "Bewegung"
Im Juli 2002 lautet der Titel des Satiremagazins „Titanic“:
„Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ (Titanic)
In den letzten Tagen und Wochen wird in der Presse der Bundesrepublik ein weiterer „schrecklicher Verdacht“ laut:
"Ist Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, ein Rassist?“ (u.a. Der Stern)
Beide "Verdachtsmomente" haben einen Zusammenhang:
Der erste „Verdacht“, bezüglich des nationalsozialistischen „Führers“, gilt sehr vielen Bürgern dieses Landes als eine kaum zu bestreitende Tatsache. Umso mehr versuchen deshalb die Einwohner einer „Geistigen Welt“ innerhalb desselben Landes ihren anthroposophischen „Führer“, den weniger bekannten Rudolf Steiner, vor jedem „Verdacht“ dieser Art zu bewahren. Das geschieht besonders nachdrücklich, weil die „geistige Welt“ staatlich anerkannte Ersatzschulen inmitten der „materialistischen“ Welt unterhält.
Einige Bundesbürger wenden sich daher mit der Frage an das Bundesfamilienministerium, ob eindeutig rassistische Bücher möglicherweise jugendgefährdend sein könnten, zumal dann, wenn deren Inhalte in den Waldorfschulunterricht einfließen. (Vgl. FOCUS, 6.9.2007) Nach der Lektüre zweier Bände der Werke Rudolf Steiners ist die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien heute zu der Auffassung gelangt:
„dass die vorgelegten Bücher Elemente aufweisen, die aus heutiger Sicht als rassistisch zu bewerten sind. Von der Indizierung wurde jedoch abgesehen, da der betroffene Verlag in der Sitzung zugesichert hat, die jetzigen Bücher innerhalb eines Zeitraums von einem halben bis spätestens einem Jahr durch eine kritisch kommentierte Neuauflage zu ersetzen bzw. als Sofortmaßnahme den bis dahin ausgelieferten Exemplaren ein entsprechendes Beiblatt beizufügen.“ (Bundesprüfstelle)
Die Wortwahl der Bundesprüfstelle, die Bücher würden (nur?) „Elemente aufweisen“, die (lediglich?) „ aus heutiger Sicht als rassistisch zu bewerten“ seien, zeugt bereits von einem hohen Maß an Einfühlungsvermögen für die Perspektive der „geistigen Bewegung“. Verblüffend ist auch die „spirituelle Logik“, der zufolge die Bücher in der jetzigen Drucklegung jugendgefährdend seien, wenn die Anthroposophen sie in ihrem Sinne kommentiert haben, aber keinerlei Gefahr mehr von ihnen ausginge.
Eine solche Beurteilungskonsequenz empfiehlt sich auch für Gewaltvideos, Kinderpornografie, rechtextreme Musik und all die anderen Dinge, mit denen sich die Bundesprüfstelle befasst. Die NPD sollte endlich angewiesen werden, „Mein Kampf“ zu kommentieren. Es ist doch naheliegend, dass intime Kenner dieser Schrift dazu am berufensten sind. Ferner ist nicht jeder einzelne Satz des Buches antisemitisch und es erscheint erstmals 1925, ist also unbedingt im historischen Kontext (demselben wie dem der Werke Steiners) zu lesen.
Wird das Schriftgut der „Führer“ von der jeweiligen Gefolgschaft wohlwollend erläutert, ist es über jeden „Verdacht“ erhaben.
In der Bundesrepublik, so die Hoffnung der Anthroposophen, soll sich wiederholen, was den Steiner-Anhängern Ende der 90er Jahre in den Niederlanden scheinbar gelingt: sich wie der berühmte "Lügenbaron" Freiherr von Münchhausen selber aus dem "Sumpf" der öffentlichen Kritik zu ziehen. (Vgl. Reflexion ohne Kontext)
Es ist jedoch auch nach der Entscheidung der Bundesprüfstelle fraglich, inwieweit diese Vorgehensweise ein zweites Mal in der Bundesrepublik Erfolg haben könnte. Zu offenkundig ist doch der kontrafaktische Charakter der anthroposophischen Verlautbarungen. Ein Extrembeispiel liefert wieder einmal der Sprecher der Berlin-Brandenburgischen Waldorfschulen, Detlef Hardorp (vgl. Attacke), in seiner Stellungnahme zu dem Indizierungsverfahren der Bundesprüfstelle:
„Dabei aber blieben ihm (Steiner, der Verf.) völkische Stereotypen fremd und eine Abwertung von Individuen oder ganzen Ethnien, wie man sie heute in seinen Äußerungen wahrnehmen mag, lag nicht in seiner Absicht – eine Einschätzung, die gerade auch die jüngst erschienene, nicht eben steinerfreundliche Publikation von Helmut Zander über „Anthroposophie in Deutschland“ untermauert.“ (Detlef Hardorp)
Helmut Zander „untermauert“ mit größter wissenschaftlicher Akribie das genaue Gegenteil. Jeder, der das umfassende Buch von Zander (Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, S. 624 ff.) wie auch dessen übrige Publikationen (z.B. Rassentheorien) zu diesem Thema kennt, weiß das. Was geht vor in einer „Bewegung“, deren Repräsentanten für jeden erkennbar derart schamlos ihren Anhängern und der Öffentlichkeit die absurdesten Lügenmärchen aufzutischen versuchen?
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