Wissenschaft und NPD
In der Ausgabe vom 6. Juli 2007 der Zeitschrift "Das Goetheanum" ist ein ungewöhnlich freundliches Interview mit Helmut Zander über dessen Buch „Anthroposophie in Deutschland“ zu lesen. Zanders Werk wird sogar von anthroposophischen Buchhandlungen geführt, in denen ansonsten wissenschaftliche Bücher zum Thema Anthroposophie und Waldorfschulen nicht zu finden sind. Vorsichtshalber versieht anthro-libri das angebotene Buch mit diesem Warnhinweis für den geneigten Käuferkreis:
"Hinweis
Das Buch setzt sich mit der Geschichte auseinander. Insofern es sich um die inneren und inhaltlichen Aspekte der Anthroposophie handelt, hat der Autor eine distanzierte bis ablehnde Haltung!"
Unter dem Titel „Worauf man sich einlässt“ sieht sich auch der Mannheimer Anthroposoph Andreas von der Decken genötigt, vor derartigen Berührungen mit der Wissenschaft zu warnen. (Leserbrief in: Das Goetheanum, 20. Juli 2007)
Da von der Decken eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Anthroposophie als Gefahr betrachtet, hat er das Buch sicherlich nicht gelesen; er geht folgerichtig auch mit keinem Satz auf den Inhalt ein. Dass das zweitausendseitige Werk bereits viel Aufmerksamkeit erregt, die im Laufe der Zeit noch wachsen könnte, ist für ihn ein Horrorszenario:
„Das ist nur zu befürchten. Es kann nichts dabei herauskommen. (…) Also nicht zu viel interne Öffentlichkeit für Zander. Anthroposophen leben vom Tun, es kann ihnen also nicht viel passieren, wenn sie nicht gegen Zander auftreten. Er ist nicht kompetent.“ (ebd.)
Was den Anthroposophen stattdessen "passieren" könnte, wenn sie doch "gegen Zander auftreten" (resp. ihn nur lesen) würden, obwohl dieser gar nicht "kompetent" ist, sagt von der Decken leider nicht. Die Furcht dieses Schwafelgrafen, der sich selbst als Koryphäe auf dem Gebiet der Reinkarnation preist, ist zumindest was die „interne Öffentlichkeit“ anbelangt, etwas übertrieben, denn das selbständige Lesen wird von Anthroposophen ohnehin weitgehend vermieden.
„Noch heute ist es ein bei Waldorflehrern bekanntes Übel, dass sie in der Regel lieber dreihundert Kilometer zu einem vorverdauten Vortrag anreisen als eine Seite Originaltext zu lesen, und sei er von Steiner.“ (Fritz Beckmannshagen: Rudolf Steiner und die Waldorfschulen. Eine psychologisch-kritische Studie, Wuppertal 1984, S. 73 f.)
So kann das Lehrerkollegium einer Braunschweiger Waldorfschule acht Jahre seinen "Pädagogen" für Deutsch, Geschichte und Politik, Andreas Molau, für einen „Mann der leisen Töne“ halten und seine politischen Überzeugungen „als eher linksliberal“ einstufen. (Der Spiegel, 29. Oktober 2004) Molaus Buch über Alfred Rosenberg und seine zahlreichen Aufsätze in rechtskonservativen und rechtsextremen Zeitungen und Zeitschriften sind den Waldorf-Kollegen offenbar vollkommen entgangen. Und trotz aller Übung in anthroposophischer "Hellsicht" und pädagogisch geschulter Menschenkenntnis, will keiner der "Erziehungskünstler" je irgendetwas von Molaus strammer Gesinnung auch nur andeutungsweise bermerkt haben.
Erst als der seine Beurlaubung beantragt, mit der Begründung, sich ganz seiner neuen Aufgabe als schulpolitischer Berater der sächsischen NPD-Landtagsfraktion widmen zu wollen, habe man bemerkt, dass dessen Auffassungen doch viel weniger „linksliberal“ seien als zuvor angenommen. Nachdem dies öffentlich geworden ist, erhält Molau die Kündigung und werden dessen Kinder von der Schule verwiesen. Laut Tagesschau will Molau nun ein eigenes "Waldorflandschulheim" gründen. (Tagesschau, 2. August 2007) Auf seiner Internetseite zeigt sich, wie viel Molau den Empfehlungen der Waldorfsprecher (vgl. Attacke) hinsichtlich einer öffentlichkeitskompatiblen Rhetorik verdankt:
„Nach so vielen Jahren der politischen Arbeit wollte ich wieder Boden unter den Füßen haben und bewarb mich bei der Waldorfschule in Braunschweig. Hier lernte ich als Klassenlehrer und Oberstufenlehrer für Geschichte, Deutsch und Politik viel mit den Kindern, Jugendlichen und Eltern. Wenn Lernen kein kreativer Prozeß ist – das ist in der Politik nicht anders – sterben alle Impulse ab. Wie ein Nationalist Waldorflehrer sein kann, wurde ich später immer wieder gefragt. Die Frage müßte andersherum lauten: Wie kann man als Linker Waldorflehrer sein? Denn angefangen von einer gelebten Autorität bis hin zum ganzheitlichen Lernen und der Vermittlung der eigenen Kultur hat die Reformpädagogik und insbesondere Rudolf Steiner Impulse gegeben, die heute längst noch nicht verwirklicht worden sind. Die Erziehung zur Freiheit ist für mich eines der wichtigsten gesellschaftlichen Forderungen in einer Zeit, die nur Abhängigkeit und Denkverbote kennt.“ (Homepage des Rechtsextremisten)Selbstverständlich distanziert sich der Bund der Freien Waldorfschulen nach Kräften von Molau. Der anthroposophische Publizist Michael Mentzel beschreibt die proklamierte Unvereinbarkeit von Rechtsextremismus und Waldorfpädagogik sehr subtil:
"So kann also wohl ein Waldorflehrer ein NPD-Genosse sein, ein NPD-Genosse kann allerdings kein Waldorflehrer sein. Ganz schön kompliziert." (Seitenspiegel)
Etwas deutlicher formuliert, ist das viel weniger "kompliziert":
Ein Waldorflehrer kann problemlos Mitglied der NPD sein, solange das nicht öffentlich wird. Ein Mitglied der NPD kann aber nicht Waldorflehrer werden oder bleiben, wenn seine Parteizugehörigkeit der Öffentlichkeit bereits bekannt ist. Ganz einfach.
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