Metamorphosen eines Kriminologen
Wenige Tage nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung vom 8. Juli 2007 (vgl. Prügel in der Waldorfschule) veröffentlicht Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN), am 11. Juli 2007 einen
„Protest gegen Falschmeldung in der FAZ-Sonntagszeitung“ (KFN).
Nicht nur die eigentümliche Ausdrucksweise „FAZ-Sonntagszeitung“ erinnert an den anthroposophischen Autoren Jens Heisterkamp, der unverzüglich am 8. Juli einige Hasstiraden unter der Überschrift "Attacke gegen Waldorf in der FAZ-Sonntagszeitung" publiziert hatte. (vgl. Attacke) . Der gesamte „Stil“ dieser Protestnote im Namen des Kriminologischen Forschungsinstituts, zu der sich Herr Pfeiffer aus unbekannten Gründen genötigt sieht, ist in wissenschaftlichen Kreisen -milde formuliert- unüblich.
Gleich der erste Absatz der Pfeifferschen Neubewertung seiner Studie entpuppt sich für jene, die mit den Texten vertraut sind, als eine Darlegung seltener Dreistigkeit:
„Es gibt keine Studie des KFN zur Gewalt an Waldorfschulen. Richtig ist nur, dass wir Anfang 2005 im Rahmen einer in elf Landkreisen und Städten realisierten Schülerbefragung auch 520 Schülerinnen und Schüler von Waldorfklassen erfasst hatten. Für drei Vorträge an Waldorfschulen hatten wir dann eine Reihe von Schaubildern mit den Daten erarbeitet, die sich speziell für diesen Schultyp ergeben haben. Nur diese Abbildungen haben Herrn Kissler offenbar vorgelegen.“ (ebd.)
Alexander Kissler, Autor des Artikels der FAS vom 8.7.2007, schreibt keineswegs, dass es eine spezielle Studie des KFN zur Gewalt an Waldorfschulen gäbe. Vielmehr sagt er klar und richtig:
"Ende 2005 befragte das von dem Kriminologen Christian Pfeiffer geleitete Forschungsinstitut 5529 Viertklässler, darunter 214 Waldorfschüler, und 14 301 Neuntklässler, von denen 306 eine Waldorfschule besuchen. Die Resultate sind ambivalent ..." (FAS, 8.7.2007)
Auch die Behauptung, Kissler hätten nur einige Abbildungen zur Verfügung gestanden, verschlägt einem beinahe die Sprache:
Am 14.12.2006 hatte Herr Pfeiffer höchstpersönlich in dem SWR-Magazin "Ländersache" zum Thema Gewalt an Waldorfschulen exakt das gesagt, was Kissler in der FAS vollkommen korrekt wiedergibt.
Immerhin erwähnt Herr Pfeiffer bei dieser Gelegenheit seine Vortragstätigkeit an Waldorfschulen, die er nun vor der Kritik seiner eigenen Worte mit diffamierenden Bekundungen bewahren möchte.
In der SWR-Sendung erklärt Christian Pfeiffer:
„An den Waldorfschulen haben wir, was die einfachen Körperverletzungen angeht, dass man jemand mit der Faust ins Gesicht schlägt, dass man rangelt ihn zu Boden wirft und ähnliches tut. Das ist an Waldorfschulen sehr, sehr häufig. (…) also Intensivtäter, Hochkrimielle findet man kaum an Waldorfschulen, aber sehr wohl aggressives Potential, was die Lehrer zu wenig im Griff haben“ (Zitiert nach Videoaufzeichnung. Vgl hierzu: lexikon.lern-online)
Pfeiffer hat dafür folgende Begründung zur Hand:
„Wir führen es darauf zurück, dass die Quote der Familien, wo man schon an den äußeren Daten – Scheidung, Trennung - merkt, da ist vieles im argen, da haben die Kinder viel aushalten müssen, die ist an Waldorfschulen höher als etwa an Gymnasien, mir scheint es so, dass manche Eltern gerade weil sie Schwierigkeiten hatten, sagen, für mein Kind jetzt aber das beste, sie bekämpfen ihr schlechtes Gewissen über die Probleme die es gegeben hat, damit dass sie das Kind dann in eine besondere Schule geben.“ (ebd.)
Hartwig Schiller vom Bund der Freien Waldorfschulen (vgl. Keine Prügel, kein Rassismus) gibt noch eine weitere Deutung:
„An der Waldorfschule tritt in diesem Alter in der vierten Klasse, die Beschäftigung mit der nordischen Mythologie auf, da wird sich auch mit Wikingern beschäftigt und solchen Leuten, die auch keine ganz zarten Gestalten waren, das hängt zusammen mit einer Entwicklung, wo das Kind nach außen hin sehr stark einen Ansatz hat sich mit seinen Impulsen in der Welt zu verwirklichen, und da wird die Beziehung zum Mitschüler unter Umständen robust.“ (ebd.)
Dass Christian Pfeiffer inzwischen eine ganz andere Version seiner Studie vorzieht, mag ja noch angehen, auch wenn es etwas überrascht. Dies jedoch nachträglich, zumal in einer derartigen Weise, Herrn Kissler anzulasten, ist mehr als grotesk.
In seiner skurrilen Protestnote beklagt sich Pfeiffer:
„Es erscheint deshalb geradezu absurd, die Daten unserer Schülerbefragung zur Unterstützung einer These einzusetzen, wonach an Waldorfschulen mit rassistischem Gedankengut gearbeitet wird, das Herr Steiner in den 30er Jahren (sic!) produziert haben soll.“ (KFN)
Alexander Kissler hatte stattdessen in seinem Artikel (FAS, 8.7.2007) lediglich über die KFN-Studie und den Indizierungsantrag des Bundesfamilienministeriums berichtet (vgl. Keine Prügel, kein Rassismus), was allein Pfeiffer kurzerhand durcheinanderwirbelt und entstellt. Offenbar hält Pfeiffer es neuerdings für unseriös, wenn die Presse über eine wissenschaftliche Studie und ein Prüfverfahren zum Jugendschutz informiert. (vgl. Es geht ums Ganze)
Vielleicht sollte Herr Pfeiffer sich auch bei einem seiner nächsten Auftritte in Waldorfschulen darüber aufklären lassen, dass Rudolf Steiner 1925 starb, und Alexander Kissler, anders als Pfeiffer, ganz sicher nicht auf die Idee gekommen wäre, Steiner hätte "in den 30er Jahren" noch irgend etwas "produziert haben" können.
1 Kommentare:
Der Kommentar von "Obi-Wan_Kenobi" zu einem FOCUS-Artikel über den Indizierungsantrag des Familienministeriums bringt es auf den Punkt.
Zitat:
"Das ist in der Tat eine Überlegung wert....
denn wenn man überlegt, dass Heute noch Steiners Weltbild auf die Kinder losgelassen wird, kann einem Angst und Bange werden. Man denke nur an die steinersche Rassensystematik oder die wahnwitzige Theorie über die vier Wesensglieder oder gar die Evolutionslehre von Atlantis ausgehend. Wenn man bedenkt, dass Kinder und junge Menschen wissensdurstig wie trockene Schwämme sind und sie ob der steinerschen Lehre bis zur "Geburt des Astralleibes" quasi nicht intellektuell gefordert werden, ist das schauerlich. Die meisten Kinder siechen dahin oder werden radikal, da sie unterfordert sind. In meinem Bekanntenkreis sind einige Eltern, die ihre Kinder nicht mehr dieser krankhaft visionären "Pädagogik" aussetzen wollten.... und den Kindern geht es jetzt besser - trotz Staatsschule."
(http://www.focus.de/schule/schule/
schulwahl/waldorfschulen_aid_131029.html)
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