Anthroposophie, Wissenschaft und Menschenwürde
Tiere haben keinen Gott. Götter, in welcher Vorstellung auch immer, sind eine Erfindung der Menschen. Rudolf Steiner (1861-1925) ist keine Erfindung der Menschen. Er war selber ein Mensch, der anders als andere Menschen, von sich behauptete, „Übersinnliches“ wahrnehmen zu können, also ein „Hellseher“ zu sein. Die Wissenschaft und die meisten Menschen glauben ihm das nicht, einige jedoch tun das. Sie nennen sich Anthroposophen.
Anthroposophie - wörtlich: "Weisheit vom Menschen" - ist nichts anderes als die sonderbare „Weisheit“ des Menschen Rudolf Steiner. Dieser „Weisheit“ zufolge, ist Steiner nicht nur ein Mensch, sondern ein „Menschheitsführer“. Ausschließlich auf diesen „Führer“ gestützt, versuchen die Anthroposophen, heute wie vor hundert Jahren, die gesamte Welt zu deuten.
Irreführenderweise bezeichnen sie dieses Unterfangen als „Geisteswissenschaft“ (Singular), im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften (Plural). In der englischen Sprache wird die Differenz deutlicher. Die akademischen Geisteswissenschaften heißen dort „Humanities“, im Unterschied zu der anthroposophischen „Geisteswissenschaft“, die als „Spiritual Science“ bezeichnet wird. Kurz gesagt: Nicht Wissenschaft ist hier gemeint, sondern Esoterik („Geheimlehre“).
Steiner spricht deshalb auch von der „Geheimwissenschaft“ und ihrem spezifischen „Schulungsweg“, der schrittweisen „Einweihung“. Die beginnt idealerweise im Kindesalter, aber auch für Erwachsene ist es nie zu spät. Der „Geheimschüler“ muss dann nur möglichen akademischen Ballast und andere Vorbelastungen abwerfen und jegliche kritischen Erwägungen glaubwürdig verbannen, zugunsten einer „devotionellen“ Haltung gegenüber dem „Geheimlehrer“. So kann er schließlich im Kreis der „Eingeweihten“ Aufnahme finden und gegebenenfalls selber eine kleine Führerrolle übernehmen. Mit wissenschaftlicher Forschung und Lehre hat das nicht das Geringste zu tun.
Im Sinne ihrer „Geheimwissenschaft“ trennen die Anthroposophen konsequent zwischen internem Dialog und Außendarstellung. Wer kein überzeugter Anthroposoph ist und sich nicht auf den speziellen „Schulungsweg“ einlassen will, dem ist eben auch die Offenbarung der „Geisteswissenschaft“ nicht zuzumuten. Des „Menschheitsführers“ Worte über menschliche „Rassen“ und manch anderes, klängen in den Ohren der Unbedarften allzu „missverständlich“. So wird der Außenstehende „guten Gewissens“ getäuscht. Denn: Der Anthroposoph, der sagt, „unsere Lehrer vermitteln wissenschaftliche Erkenntnisse“, lügt ja in seinem Sinne nicht. Er versteht darunter nur eben nicht die die Forschung unserer Tage, sondern die Weltsicht des Kolonialzeitalters aus der „spirituellen“ Perspektive Rudolf Steiners.
Dieser Vorgehensweise kann ein Erfolg nicht abgestritten werden, wenn beispielsweise die anthroposophischen Einrichtungen auf schulischem Gebiet, die sogenannten „freien Waldorfschulen“, vielen immer noch als „kindgerechte“ Alternative zu staatlichen Schulen erscheinen. Die Anthroposophen verstehen aber unter der Besonderheit einer kindlichen Individualität keineswegs dasselbe wie die meisten Eltern und die Erziehungswissenschaft.
Nach deren Prämissen hat jeder Mensch einen besonderen Wert, der im Unterschied zum Preis einer Sache mit nichts anderem in ein Verhältnis gesetzt werden kann. Das heißt, der Mensch hat nicht nur einen Wert, sondern er ist selbst ein Wert, der nicht von seiner Person zu trennen ist. Dieser einzigartige Wert ist die Menschenwürde, die nicht relativierbar und nicht veräußerbar ist.
Für Anthroposophen hat das Leben eines Menschen hingegen keinen Selbstzweck und keinen absoluten Wert. In Steiners „geistiger Welt“ absolvieren die Menschen „wiederholte Erdenleben“. In jedem dieser Leben muss eine Rechnung aus dem jeweils vorausgegangenen Dasein beglichen werden und können andererseits Pluspunkte für die nächste Runde gesammelt werden. (Karma und Reinkarnation nennen das die „Eingeweihten“.) Pluspunkte sammelt der Mensch, indem er dem „Menschheitsführer“ vertraut und gehorcht, sein gesamtes Leben, Denken, Handeln und Fühlen von dessen „Weisheit“ leiten lässt. Wer Steiner glaubt, der gelangt im nächsten Leben auf eine höhere Stufe, wer selber denkt, muss solange als „Materialist“ wiederkehren, bis er seinen Irrtum eingesehen hat, sozusagen „nachsitzen“ bis er sich Steiners „Gesetzen der geistigen Welt“ zu fügen weiß.
Der Wert eines Menschen, ist für Steiner und seine Getreuen nicht nur relativ im Verhältnis zu dessen vorausgegangenen und folgenden „Reinkarnationen“ sowie im Verhältnis zur alles determinierenden "geistigen Welt“, er ist auch grundsätzlich veräußerbar, so dass von der spezifischen Menschenwürde rein gar nichts übrig bleibt.
Da für Steiner das Leben eines Menschen keinen Eigenwert hat, muss für ihn auch der Tod eines Kindes keinen Anlass zur Traurigkeit bieten, um so weniger, wenn sich das all zu frühe Ableben des kleinen Menschen für die „Bewegung“ als nützlich erweisen kann. Der Mensch ist nicht der Zweck, sondern das Mittel. Die Anthroposophie dient nicht dem Menschen, sondern der Mensch opfert sich der Anthroposophie, bei lebendigem Leib in ihrer Organisation oder durch seinen Tod für diese.
Mit diesem letzten Aspekt befassen sich die ersten beiden Artikel: Theos Opfer und Schöne Wissenschaften.
Die weiteren Beiträge werden in loser Folge publiziert.

1 Kommentare:
Lieber Blog-Autor,
ich danke Ihnen für die Texte über die Anthroposophie.
Als Leser der info3-Zeitschrift - von meiner Lebensgefährtin abonniert - verfolge ich deren Versuche, Rudolf Steiner mit allen erdenklichen modernen Denk- und Geistes- und Wissenschaftsströmungen in Verbindung zu bringen. Die Anbiederungen an Wilder und Walsch zum Beispiel, aber auch die permanente Promotion von esoterischen Praktiken aller Couleur, zeugt davon, dass sie, die Anthroposophen-Scene krampfhaft, ja geradezu "versteinert" nach Wiederbelebungs-, Wiederauflebungs- und Wiedergeburtsmöglichkeiten für die "abgelebte" Denkart Ihres großen Vorsitzenden suchen.
Dabei schrecken sie nicht vor der Verschiebung des Fokusses, wie z.B. der immer häufiger demonstrierten Rückwendung auf den "frühen", noch weniger Geheimwissen-umwitterten Steiner.
Die größte Gefahr, die vom anthroposophischen Gedankengut ausgeht, ist m.E. das Konzept eines Geist-Elitarismus, der sich kraft "geheimer" - letztlich jedoch höchst willkürlicher - Praktiken und nicht intersubjektiv bewertbar, nachvollziehbar und beurteilbar selbst die "Krone der Schöpfung" aufsetzt.
In einer Welt mit "höheren", gottgleichen Wesen und solchen auf den unteren Bewusstwerdungsstufen zurückgebliebenen Massen.
Die Geistige Plattform bzw. die corporate philosophy einer zugelassenen Schulform wie die Waldorf-Schule sollte genauer auf solche Inhalte hin untersucht und auf eine "höhere" Diskussionsplattform gebracht werden.
(Dieser Kommentar ist eigentlich als Dankkommentar an Sie als Blog-Initiator gedacht, wenn Sie diesen Kommentar als veröffentlichungswürdig erachten können Sie ihn ja posten. Vielen Dank)
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