Theo Faiss, Rudolf Steiner und das erste Goetheanum
In dem kleinen Schweizer Ort Dornach (nahe Basel) beginnen 1913 die Bauarbeiten eines monumentalen anthroposophischen Theater- und Veranstaltungsgebäudes nach den Plänen Rudolf Steiners. Es erhält den Namen „Goetheanum“, worauf hier nicht weiter eingegangen werden soll. Um dieses Zentrum herum entstehen zahlreiche weitere anthroposophische Bauten unterschiedlicher Funktion sowie Wohnhäuser.
Während die Bauarbeiten an den Gebäuden noch andauern, siedeln sich 1914 die ersten Anhänger Steiners auf dem Dornacher Hügel an. An einem Herbstnachmittag wird das Kind einer dieser Familien vermisst und schließlich tot aufgefunden. Ein schwerer Möbelwagen (damals ein Pferdegespann) ist umgestürzt und hat den siebenjährigen Theo Faiss unter sich begraben, der qualvoll erstickt.
Damals wie heute würden die meisten Menschen sicher fragen, wie es zu dem Unfall kommen konnte, ob Aufsichtspflichten oder Sicherheitsvorkehrungen missachtet wurden oder, ob es sich schlicht um ein tragisches Unglück ohne Fremdverschulden handelt. Für Rudolf Steiner sind solche "materialistischen" Fragen hingegen abwegig.
Ein Gefühl der Trauer für das grausam ums Leben gekommene Kind, ist ihm ebenso fremd wie Mitleid mit dessen Eltern. Aus seiner „spirituellen“ Sicht ist das vermeintliche Unglück des kleinen Jungen doch ein tatsächliches Glück für das große Goetheanum.
„Das Kind war also tot. Die äußere materialistische Anschauung kann sagen: Nun ja, zufällig ist dort zu dieser Stunde der Möbelwagen umgefallen, das Kind kam darunter und wurde zerquetscht. So wird natürlich die materialistische Anschauung sagen. Vor der spirituellen Anschauung ist das ein vollständiger Unsinn. Denn das, was da vorliegt, ist das Karma des Kindes, und dieses Karma des Kindes lenkte all die einzelnen Verhältnisse. Es hat auch den Möbelwagen dorthin gelenkt gerade zu der Stunde, wo das Kind den Tod brauchte, weil das Karma des Kindes es so wollte. Das Karma des Kindes war abgelaufen. Wir haben es hier zu tun mit der Notwendigkeit, Ursache und Wirkung wirklich umzukehren.“ (Rudolf Steiner, Das Geheimnis des Todes, GA 159, S. 51)
Wer diese „Notwendigkeit“ begreift, der wird auch leicht einsehen, dass der kleine Junge sich selbst „geopfert“ hat, und zwar deshalb, damit seine „unverbrauchten“ Lebenskräfte der anthroposophischen Organisation zur Verfügung stehen.
„Denken Sie sich, was da hinter den äußeren Tatsachen für bedeutungsvolle innere Tatsachen stehen: Eine Familie verlegt ihren Wohnsitz in die Nähe des Baues. Da ist ein Knabe, durch sein Seelenwesen besonders veranlagt; er opfert seinen Ätherleib hin, damit der Bau eingehüllt ist in die Kraft dieses Ätherleibes. Da haben wir ein solches Beispiel, an dem wir ersehen, wie unverbrauchte Ätherleiber, die hingeopfert werden, ihre Aufgabe in der Welt haben.“ (ebd, S. 242)
Der Siebenjährige hat aus der „geistigen Welt“ ganz einfach eine neue „Aufgabe“ empfangen. Er soll nicht mehr leben, sondern fortan als Geist Steiners Goetheanum beschützen und das segensreiche Wirken der Dornacher Anthroposophen beflügeln. Das Leben des Kindes hat für Steiner keinen eigenen Wert, aber sein Tod einen Sinn. Menschenwürde existiert für Steiner nicht. (vgl. Zum Geleit) Die „Aura“ seines Tempels auf dem Dornacher Hügel ist für ihn allerdings sehr real und jedes Opfer wert.
Doch weder Steiners „Spiritualität“, noch Theos „Hinopferung“ vermögen das mit viel Holz errichtete Goetheanum vor einem Brand in der Silvesternacht 1922 zu schützen. 1924 wird daher mit dem Bau eines neuen, noch größeren Anthroposophen-Zentrums am selben Ort begonnen, diesmal aus Beton.
Da Rudolf Steiner nach 1915 kein Wort mehr zu Theos "Opfertod" verloren hat, stellen sich für seine Anhänger heute -allen Ernstes - zwei Fragen:
1. Wieso konnte das erste Goetheanum abbrennen? War das Opfer vergeblich? Hat Theo versagt?
2. Was wurde aus Theos „Ätherleib“? Ist der mit dem ersten Goetheanum in Rauch aufgegangen oder konnte der ins zweite Goetheanum diffundieren, um so auch heute noch die Dornacher Geisteskünstler zu inspirieren?
Antworten versucht Martina Maria Sam in der aktuellen Ausgabe der Wochenschrift „Das Goetheanum“ zu geben. Hierzu der nächste Beitrag: Schöne Wissenschaften
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