Geisteskämpfer an der Front
In den Berichten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über Rudolf Steiner und die Waldorfschulen (vgl. Keine Prügel, kein Rassismus) sieht auch der Gesellschafter und Redakteur der Zeitschrift „Info3“, Jens Heisterkamp, nichts anderes als eine diffamierende Kampagne. Die Wissenschaftler und Journalisten sind für Heisterkamp „Krypto-Informanten“, mit deren Hilfe eine „Attacke gegen Waldorf in der FAZ-Sonntagszeitung“ inszeniert würde. Der „angebliche Rassismus“ sei wieder einmal nichts anderes als ein Vorwand, um gegen die Waldorfschulen zu Felde zu ziehen und die tatsächlichen „Erfolge der Anthroposophie auf breiter Front“ zu verheimlichen. Die Studie der niederländischen Anthroposophen (publiziert vom Info3-Verlag) hätte schließlich schon vor Jahren „selbstkritisch“ eingeräumt, dass Steiners Oeuvre auch einzelne „fragwürdige“ Sätze enthalte. Wer jetzt noch Kritik übt, der treibt es wirklich zu weit.
Was Heisterkamp unter Erfolgen der Anthroposophie versteht, ist seiner Stellungnahme „Gegen die Trennung von Glauben und Wissen“ zu entnehmen:
„Kulturkampf-Stimmung im Wiesbadener Landtag: aufgebrachte Abgeordnete von den Grünen und der SPD sehen den Untergang des Abendlandes kommen, das Ende von Aufklärung und Demokratie und des säkularen Staates. Das deutsche Feuilleton steht Kopf. Ging es etwa um den geplanten Bau einer Moschee, um Kopftücher in Schulen oder die Ausbreitung islamisierten Parallelgesellschaften in Deutschland? Mitnichten. Am Pranger stand vielmehr die Hessische Kulturministerin Karin Wolff mit ihrem Plädoyer dafür, im Biologieunterricht auch die biblische Schöpfungsgeschichte zu diskutieren. Mit dem Eifer von Glaubenskriegern warfen die Hessischen Oppositionsparteien daraufhin Parolen ins Feld wie die, dass es keine „Vermischung“ von Glauben und Wissen und keinen Rückfall in die Zeiten vor der Trennung von Wissenschaft und Religion geben dürfe. Genau darum aber geht es – die Zeiten dieser Trennung sind nämlich vorbei.“Die „Zeiten dieser Trennung“ hat es an Waldorfschulen nie gegeben. An staatlichen Schulen sind sie keineswegs vorbei. Dort sind Religion und Biologie auch weiterhin zwei unterschiedliche Lehrfächer. Heisterkamp verwechselt Erfolg und Wunschdenken. Zumindest soll aber nicht das bereits erreichte wieder verspielt werden. Insbesondere sind die Waldorfschulen davor zu bewahren, durch die Medien in Misskredit gebracht zu werden.
An anderer Stelle, in Michael Mentzels “Themen der Zeit” (TdZ), sehen sich die Anthroposophen daher aufgrund der Zeitungsberichte genötigt, einen Artikel des anthroposophischen Zentralorgans „Das Goetheanum“ vom 1. September 2006 erneut zu publizieren. Darin macht sich der Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg, Detlef Hardorp, Gedanken über "Unzeitgemäßes Vokabular":
„Ist es nicht an der Zeit, sich über angemessene und öffentlichkeitswirksame Stellungnahmen Gedanken zu machen? Die Anthroposophische Gesellschaft in den Niederlanden hat das im Kontext des heutigen niederländischen Strafrechts bereits vor Jahren getan (‹Goetheanum› Nr. 15/2000), mit der Wirkung, daß dort die Rassismusvorwürfe so gut wie aufhörten.“
“Unzeitgemäßes Vokabular”
Detlef Hardorp, Sprecher der Waldorfschulen, möchte die Rassenideologie Rudolf Steiners sprachlich modernisiert vermitteln.
Von den Niederländern lernen, heißt Siegen lernen. Hardorp empfiehlt deshalb, dass sich die deutschen Anthroposophen von dem Vokabular Steiners partiell distanzieren sollten, weil die Rassenterminologie heute vorwiegend von Rechtsextremisten verwendet würde und in der Öffentlichkeit gar nicht gut ankäme.
„Täte das eine offizielle Instanz innerhalb der anthroposophischen Bewegung, würde ein Zitieren von Halbsätzen Steiners mit diesen Ausdrücken seine journalistische Brisanz weitgehend verlieren.“
Unglücklicherweise fehlt in der deutschen "Bewegung" eine solche „Instanz“, die dazu Willens und in der Lage wäre, dem "Zitieren von Halbsätzen" wirksam zu begegnen. Allerdings meiden die Anthroposophen schon lange das eindeutige Vokabular. Hardorp lässt nicht den geringsten Zweifel daran, dass es dabei lediglich um eine sprachliche Innovation auf dem Gebiet der Öffentlichkeitsarbeit geht, ohne die Inhalte der Texte Rudolf Steiners preiszugeben. Eine offizielle Erklärung von anthroposophischer Seite, würde, so die Hoffnung, als ein symbolischer Akt, auf den sich alle Anthroposophen fortan berufen könnten, der lästigen Kritik ein Ende bereiten.
„Sieht man vom unzeitgemäßen Vokabular einmal ab, findet man bei Steiner interessante Charakterisierungsversuche kultureller Differenzen, die er einerseits zu Erdeinwirkungen und andererseits zu kosmischen Typologien in Beziehung setzt.“
Das klingt doch schon ganz anders als der authentische Duktus Rudolf Steiners (Keine Prügel, kein Rassismus), wenngleich die „Erdeinwirkungen“ und die „kosmischen Typologien“ auch immer noch ein wenig durchscheinen lassen, was „Anthroposophie“ tatsächlich bedeutet. Für die nicht "eingeweihte" Öffentlichkeit sind "interessante Charakterisierungsversuche kultureller Differenzen" aber allemal leichter eingänglich als das besondere "Triebleben" der "Neger". Es meint nur im anthroposophischen Sprachgebrauch genau dasselbe.

2 Kommentare:
Michael Mentzel, “Themen der Zeit”, hat den oben vorgestellten Artikel “Unzeitgemäßes Vokabular” von Dr. Detlef Hardorp zu Rudolf Steiners Rassen-Kunde gelöscht.
Anthroposophische Selbstzensur. Besser die Öffentlichkeit erfährt nicht, was Anthroposophie ist.
"Die Weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse."
Rudolf Steiner
Vielen Dank für den Hinweis.
Warum Michael Mentzel den Artikel gelöscht hat, entzieht sich unserer Kenntnis, zumal er sich in seinen „Themen der Zeit“ (TdZ) an weiteren Stellen nach wie vor zu dessen Inhalt bekennt und auf den Text von Detlef Hardorp verlinkt.
Wir haben selbstverständlich die Seiten der TdZ mit den diesbezüglichen Beiträgen – inklusive des nun spurlos verschwundenen – beizeiten archiviert.
Zu Michael Mentzel ferner: Anthroposophischer Journalismus
Mit freundlichen Grüßen,
Nachrichten aus der Welt der Anthroposophie
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