Donnerstag, 30. September 2010

Mission im Museum – Rudolf Steiner in Wolfsburg und Stuttgart

Kunstmuseen huldigen dem Hellseher und Sektenführer - Besucher und Öffentlichkeit werden gezielt getäuscht

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt seit Mai 2010 eine gemeinsam mit dem Vitra Design Museum organisierte Doppelausstellung zu Ehren Rudolf Steiners. „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart“ und „Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags“ lauten die Titel der Einzelausstellungen
. Zu der Aufteilung sei es allein aus organisatorischen Gründen gekommen. Im kommenden Frühjahr, pünktlich zu Steiners hundertfünfzigsten Geburtstag, sollen sie erneut zusammen unter dem Obertitel „Kosmos Rudolf Steiner“ im Kunstmuseum Stuttgart präsentiert werden. Begeistert von diesem „Kosmos“ und ihrer Leistung, diesen entdeckt und präsentiert zu haben, verkündeten die Ausstellungsmacher, Rudolf Steiner wäre bis heute zu Unrecht in eine esoterische Schublade gesteckt worden. Er sei nicht nur der Führer einer isolierten Gemeinschaft, sondern ein verkanntes Universalgenie, das auch die Kunst der Moderne in außergewöhnlichem Maße beflügelt habe. Zeitungen, Magazine und insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk verbreiteten enthusiastisch die sensationelle Kunde, ohne jeden Zweifel an deren Inhalt. Haben also Wissenschaftler und Künstler auf der ganzen Welt jahrzehntelang unachtsam übersehen oder vorsätzlich ignoriert, was für einen immensen und schätzenswerten Einfluss Rudolf Steiner hatte und hat? War er viel mehr als nur ein Esoteriker und hat er Wegweisendes geleistet? Fördert das Ausstellungsprojekt etwas zu Tage, was solche Schlüsse zuließe?

Rudolf Steiner – Fundamentalistischer Gegner der Moderne

Rudolf Steiner (1861-1925) erklärte sich zum Hellseher, und zwar zum größten aller Zeiten. Er ersann eine „Geistige Welt“, in der sich Gut und Böse, „Kräfte des Lichts“ und der „Finsternis“ in Gestalt von Engeln, Dämonen, Elementarwesen und dergleichen mehr gegenüberstehen. Seine „übersinnlichen“ Vorstellungen von einem „Geisterlande“ nannte er „Geisteswissenschaft“. Deren gesammelte Resultate taufte er „Anthroposophie“ und seine Jünger, die an die imaginäre Welt voller Gespenster glauben, nennen sich „Anthroposophen“. Mit Hilfe zahlungsfähiger Gönner schaffte es Steiner, eine kleine, aber gut ausgestattete Sekte ins Leben zu rufen, die ihn als neuen Heiland verehrte. Anthroposophische Bewegung oder Waldorf-Bewegung nennt sich die Gefolgschaft, die nach 1945 zu einem einflussreichen Netzwerk mit einer einträglichen Anhängerschaft expandierte. Vor allem die Rudolf-Steiner-/Waldorfschulen leisteten erfolgreiche Missionsarbeit. Absolventen öffentlicher Schulen ist zumeist nicht einmal der Name Rudolf Steiner oder das Wort „Anthroposophie“ geläufig, weil es im Rahmen einer seriösen Wissensvermittlung keinen Anlass gibt, die „geistigen Schauungen“ eines „Hellsehers“ zu behandeln, die ausnahmslos kontrafaktische Wahnvorstellungen beinhalten. Etwas anderes hat Rudolf Steiner nicht hinterlassen. Davon kann sich anhand der „Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe“ (GA) jeder überzeugen und das ist der Grund, weshalb Steiner in keiner wissenschaftlichen Disziplin auch nur die geringste Rolle spielt.

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Band 11 der Gesamtausgabe von Rudolf Steiners Wahnvorstellungen

Steiner behauptete, mittels „geistiger Schau“ Einblick in eine „Akasha-Chronik“ zu haben, in der das gesamte „kosmische Wissen“ gespeichert wäre. Er bescheinigte sich so einen exklusiven Zugang zur Allwissenheit. Folglich konnte Steiner nach eigener Angabe zu jedem Thema das einzig Wahre verkünden, im Gegensatz zu der von den „Kräften der Finsternis“ irregeleiteten Wissenschaft. Es ist der denkbar totalitärste Anspruch (auf der aberwitzigsten Grundlage), den die Anthroposophen gern als „ganzheitlich“ umschreiben. „Anthroposophie“, das ist der fundamentalistische Kampf gegen die gesamte gesellschaftliche Entwicklung der Neuzeit, einschließlich des Wandels der Kunst. Steiner predigte gegen die Trennung von Staat und Kirche, gegen die von Wissenschaft und Religion und genauso auch gegen die von Kunst und Kultus.

Das, was die Kunst der Moderne ausmacht, war dem Hellseher unerträglich: ihre Autonomie und ihre ästhetische Funktion anstelle des klerikalen Auftrags. Maler, die sakrale Kirchenwände gestalteten, könnten noch als echte Künstler gelten. Doch seit der Renaissance und der fortschreitenden Emanzipation von der Kirche, sieht Steiner nur noch Verfall, bis hin zu seiner Gegenwart, in der profane Tafelmalereien in Kunstausstellungen gezeigt würden. Das wäre „im Grunde genommen das Schrecklichste“, man könnte „sich kaum etwas schlimmeres denken“, klagte der Hellseher im Namen des Kosmos. (GA 276, S. 107) Die Kunst der Moderne war für Steiner ein einziger Verrat am „Geistig-Göttlichen“. Von „wahrhaftiger Kunst“ könnte erst wieder gesprochen werden, wenn die Künstler der Freiheit der Kunst abschwören würden, ihre Autonomie über Bord würfen und sich nach Rudolf Steiners Vorgaben ans Werk machten. Das ist seinen Ausführungen dazu unmissverständlich zu entnehmen. (GA 271, 276, 284, 291, 292) Dass in Wolfsburg der radikale Gegner der Moderne stattdessen als ihr verkannter spiritus rector präsentiert wird, ist auf die Besonderheiten dieser Inszenierung zurückzuführen.

„Kosmos Steiner“ – ein anthroposophisches Projekt

Schon vor langer Zeit hätte der Direktor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, Alexander von Vegesack, eine Steiner-Hommage angeregt, erzählte Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg im Interview mit dem Zentralorgan der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG). Die Würdigung des Hellsehers sollte sich aber nicht auf den Aspekt anthroposophischen Designs beschränken. Er, Brüderlin, wäre dann auf Empfehlung des AAG-Funktionärs Walter Kugler mit ins Boot geholt worden. Wie Kugler schätze er den Künstler und Anthroposophen Joseph Beuys und er hätte schon während seiner Tätigkeit für die Sammlung Beyeler ein wenig für Rudolf Steiner geworben, was seine Eignung bewies. (Das Goetheanum, 4. Juni 2010) Der Museumsdirektor fühlte sich offensichtlich geehrt und fand es überhaupt nicht ungewöhnlich, was er da mitteilte, dass nicht er für ein Projekt seines Hauses fachlich qualifiziertes Personal rekrutierte, sondern umgekehrt, für das Vorhaben einer Ausstellung zu Ehren Rudolf Steiners, auf Betreiben Walter Kuglers, die Wahl auf ihn gefallen war, um das Wolfsburger Kunstmuseum dafür zur Verfügung zu stellen. Alexander von Vegesack hielt sich weitgehend im Hintergrund und schickte seinen Chefkurator Mateo Kries vor, der seinen Zivildienst in einer „heilpädagogischen Einrichtung“ der Anthroposophen absolvierte. Kries und Brüderlin legten sich schließlich derart für die Anthroposophen ins Zeug, dass Walter Kugler mehr als zufrieden sein konnte.

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Walter Kugler, Markus Brüderlin und Mateo Kries - vereint im Kampf gegen die Wissenschaft zum Wohl der Anthroposophie

Kugler fungierte offiziell als „Berater“ des Gesamtprojekts – und zwar er allein. Seriöse Wissenschaftler wurden nicht konsultiert. Walter Kugler ist der Leiter des „Rudolf-Steiner-Archivs“. Dabei handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Einrichtung, die der Forschung offensteht, sondern um eine Abteilung des sogenannten „Goetheanum“, der anthroposophischen „Weltzentrale“ in Dornach (Schweiz). Seit einiger Zeit nennt er sich „Professor“ Walter Kugler. Das hört sich gut an und erweist sich für anthroposophische Agitprop-Aktionen wie „Kosmos Steiner“ als nützlich. Kuglers Titel lautet konkret: „Iona Stichting Professor of Social Sculpture“. Die Iona Stichting ist eine anthroposophische Stiftung aus den Niederlanden. Sie finanziert für den Leiter des Steiner-Archivs eigens den zusätzlichen externen Arbeitsplatz in England, um so dem treuen „Geisteskämpfer“ den Titel „Professor“ verleihen zu können, ohne dass es einer wissenschaftlichen Qualifikationsprozedur bedarf. Verdient hat sich der „Professor“ diese Ehre durch den unermüdlichen Kampf gegen die Wissenschaft, für die höheren Wahrheiten des Okkultismus. Die rassistischen und antisemitischen Überzeugungen Rudolf Steiners sind für ihn allemal vorbildliche Sichtweisen.

Die Iona Stiftung unterstützt finanziell „Professor“ Kugler, das Goetheanum und alle möglichen anderen Organisationen und Projekte des anthroposophischen Netzwerks. Sie beteiligte sich auch an den Unkosten der Ausstellung des Vitra Design Museums, gemeinsam mit der anthroposophischen Mahle-Stiftung und der anthroposophischen „Heilmittel“-Firma Wala GmbH. Laut Vitra Design Museum haben die Anthroposophen rund 50 Prozent der Kosten übernommen. Den Rest bezahlte die Bundesstiftung für Kultur, die ihrerseits angab, dem Museum 239.000 € zur Verfügung gestellt zu haben. Den Part des Wolfsburger Museums sponserte die Volkswagen Financial Services AG, die über die Höhe des Betrags lieber keine Auskünfte erteilt. Das Kunstmuseum Stuttgart, in dem die Ausstellung im kommenden Frühjahr abermals gezeigt werden soll, ist in kommunaler Trägerschaft, so dass hier die Steuerzahler noch einmal direkt an den Kosten der Rudolf-Steiner-Feierlichkeiten beteiligt werden und in dem Gebäude in der Stuttgarter Fußgängerzone öffentlichkeitswirksam für die „Bewegung“ geworben werden kann.

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Anrufung des Kosmos - Vera Koppehel am 15. September 2010 im Wolfsburger Kunstmuseum


Jeder Zeitungsartikel und jeder Fernsehbericht über Steiner und seine Gefolgschaft hat bisher zu einem Aufschrei in der „Bewegung“ und zu konzertierten Aktionen gegen Wissenschaftler und Journalisten geführt. Wenn möglich intervenierte die Dornacher Zentrale oder der Stuttgarter „Bund der Freien Waldorfschulen“ schon im Vorfeld einer Berichterstattung. Für das ambitionierte Museumsprojekt überwiesen die Anthroposophen stattdessen Geld. Das beteiligte Personal garantierte von vornherein eine wissenschafts- und kritikfreie anthroposophische Darbietung, es gab kein Risiko. Auch das Rahmenprogramm der Ausstellung war eines der besonderen Art. Krönender Abschluss war Mitte September der Auftritt von Vera Koppehel, Mitarbeiterin von Walter Kugler im Rudolf-Steiner-Archiv, engagiert für die Kampagne „150 Jahre Rudolf Steiner“ und leidenschaftliche „Eurythmistin“. „Eurythmie“ ist eine von Steiner ersonnene okkulte Bewegungsform, die einen Kernbestandteil seiner Heilslehre bildet und in Wolfsburg als „moderner Tanz“ ausgegeben wird. Mitte September konnte Koppehel im Kunstmuseum eine spirituelle „Reise über den Tierkreis hinaus zur Erde und wieder zurück“ vorführen. Der Sektentanz wurde ergänzt durch ein Propagandavideo der Anthroposophin Ruth Bamberg und sogenannte „Art-Stopps“ zur weiteren Vertiefung der Anthroposophie. Vollständiger konnte ein Museum nicht zweckentfremdet und instrumentalisiert werden.

Corporate Design einer Sekte und Schmuck mit fremden Federn

Neben der finanziellen Beteiligung und der Gestaltung des Rahmenprogramms, lieferten die Anthroposophen auch die Exponate der Ausstellung, soweit das möglich war. Hierzu gehört natürlich die Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe, die mit 350 Bänden die Schaffenskraft des Meisters illustrieren soll. Bücher hat Steiner allerdings nur in weit geringerer Zahl geschrieben. Der Großteil der Werke besteht aus Mitschriften der öffentlichen und internen Vorträge des Heilands, für die professionelle Stenotypistinnen engagiert wurden. Kein Wort sollte verloren gehen und geredet hat Steiner viel. Dabei griff er oft zur Kreide und malte wirre Skizzen auf Wandtafeln. Auch jeder Kreidestrich des Geistesführers sollte der Nachwelt erhalten bleiben. Deshalb wurden die Tafeln mit schwarzem Papier bespannt. Nach Beendigung des Vortrags wurde die Kreide fixiert, die Blätter datiert und archiviert. Die Tafelskizzen zeigen zunächst, dass Steiner nicht einmal zu dilettantischen Zeichnungen in der Lage war. Seine Unfähigkeit ist tatsächlich außerordentlich. Berücksichtigt man, was Steiner jeweils mit seinen „Skizzen“ den Zuhörern vermitteln wollte, wird der radikale Wahnsinn seiner „kosmischen Offenbarungen“ deutlich. Darüber hinaus legen die Tafelbilder Zeugnis ab von dem Fanatismus seiner Jünger, die diese ehrfürchtig konservierten und heute als Reliquien verehren. Seit Mai dieses Jahres machen sie ferner deutlich, wie es um die Zurechnungsfähigkeit der Direktoren und Kuratoren jener Museen bestellt ist, die Steiners Wandtafelzeichnungen der Öffentlichkeit als künstlerisch wertvolle Inspirationsquelle der Moderne vorstellen.

Tafel

In der Ausstellung gezeigte Skizze Steiners. Der Kontext: Steiners „Heilpädagogischer Kurs“. Anthroposophen sollen sich selber einreden, mit göttlicher Unfehlbarkeit gesegnet zu sein. (GA 317, S. 214)

Außer dem „graphischen Werk“ Steiners in Gestalt seiner Wandtafelskizzen, sind die typisch geformten Möbelstücke der Anthroposophen und diverse sonstige Devotionalien zu bestaunen. Als Meilenstein der Architekturgeschichte wird das sogenannte zweite „Goetheanum“ vorgestellt, von dem Entwürfe, Bilder und Modelle zu sehen sind. Der Tempelbau bildet den Mittelpunkt der anthroposophischen Kolonie, die Steiner auf dem Dornacher Hügel gründete, von den Schweizer Zeitgenossen als „Götzlianum“ verspottet. Der „Johannesbau“ (das „erste Goetheanum“) wurde im Jugendstil aus Holz erbaut und brannte 1922 ab. Steiner entwarf daraufhin ein neues Monument. Diesmal diente der Expressionismus als Vorbild und Beton als Material. Fenster hatte der „Architekt“ Steiner zunächst nicht eingeplant. Drei Jahre nach seinem Tod wurde das Gebäude 1928 fertiggestellt, mit Fenstern. Es dient bis heute als Vorbild für spätere anthroposophische Bauwerke, einschließlich der Waldorf-/Rudolf-Steiner-Schulen. Dass Steiner mit Beton als Baumaterial Neuland betreten habe, ist eine anthroposophische Legende. Die Technik war längst bekannt und zahlreiche Betonbauten entstanden lange vor dem Goetheanum. Das gleiche gilt für die Vermeidung rechter Winkel. Was heute ein Erkennungszeichen anthroposophischer Einrichtungen ist, war mitnichten eine anthroposophische Erfindung. Die Anthroposophen blieben nur eisern bei diesem Stilmerkmal als ehernem Sakrament, während die Architektur sich stetig weiterentwickelte. Alles, was Brüderlin und Kries vollmundig als sensationelle Neuentdeckung feiern, ist nicht nur aus anthroposophischen Verlautbarungen bereits bekannt, sondern hat sich auch als unhaltbar falsch und vorsätzlich irreführend erwiesen. (Ausführlich dazu Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, Bd. 2)

Immerhin konnte das Vitra Design Museum so die ästhetischen Vorlieben der Anthroposophen zur Schau stellen, gewissermaßen das Corporate Design einer Sekte. In Wolfsburg sah man sich aber noch mit einem ganz anderen Problem konfrontiert. Schließlich handelt es sich um ein Kunstmuseum, und eines vermochten die Anthroposophen nicht zu liefern, das, worum es in einer solchen Einrichtung üblicherweise geht: Kunst und Künstler. Die meisten Presseberichte über die Wolfsburger Ausstellung zeigten sich aber doch beeindruckt davon, dass Rudolf Steiner angeblich keineswegs ein „Außenseiter“ gewesen wäre, sondern eine „Leitfigur“ für viele große Namen, wie Piet Mondrian, Wassily Kandinsky und Franz Kafka. Von letzterem wird ein kurzer Brief in Wolfsburg gezeigt, den Walter Kugler nicht zum ersten Mal präsentiert, um den gewünschten Eindruck zu erwecken. Kafka hatte Steiner 1910 auf dessen Wunsch eine „Arbeitsprobe“ seiner Prosa zugesandt und dazu ganze zwei Sätze geschrieben. Der „Geistesführer“ tingelte damals durch deutsche und europäische Großstädte, um für sich und seine „Bewegung“ zu werben, zeitweise organisiert von einer Berliner Konzertagentur. 1911 war Steiner in Kafkas Heimatstadt Prag zugegen. Kafka hörte sich einen Vortrag an und besuchte Steiner in seinem Hotelzimmer, um sich ein Bild aus der Nähe zu machen. In seinem Tagebuch notierte er anschließend seinen Eindruck, mit Bemerkungen wie denen, dass die Kleidung des Hellsehers im Tageslicht Staub und Flecken aufwies und ihm fortwährend die Nase lief. (Franz Kafka: Tagebücher, Frankfurt a. M. 1983, S. 43 ff.) Das war alles, was dem Schriftsteller zu Steiner einfiel. Der „Erleuchtete“ war für Kafka eine äußerst banale Person, der er nichts abgewinnen konnte.

Karl-Arnold-Simplicissimus-sw.-Jg.-29,-Nr.-30,-S.-411.--20.-Oktober-1924

An esoterischem Humbug bestand kein Mangel. Karikatur von Karl Arnold aus dem „Simplicissimus.“ (29 Jg. 1924, Nr. 30, S. 411)

Ebenso wie mit dem Schriftsteller verfahren die Anthroposophen auch mit bildenden Künstlern. Lässt sich auch nur die kleinste Verbindung zu Steiner herstellen, wird der Betroffene nonchalant als Gewährsmann der „Bewegung“ präsentiert. Allerdings waren esoterische Heilslehren zu Steiners Lebzeiten weit verbreitet und natürlich gab es auch Künstler, die sich zeitweilig mehr oder weniger dafür interessierten, unter anderem auch für “Theosophie” und “Anthroposophie”. Dazu gehörten, das ist richtig, Piet Mondrian und Wassily Kandinsky, die von den Anthroposophen stets reflexartig herbeizitiert werden, wenn es um Steiners angebliche Bedeutung für die Kunst geht. Aber einen prägenden Einfluss auf das Werk der beiden hatte Steiner nicht, ebenso wenig wie auf das anderer Künstler, geschweige denn, dass er als wichtiger „Impulsgeber“ der modernen Kunst gelten könnte. So taucht Steiner nur dann hin und wieder als eine Fußnote in der Kunstgeschichte auf, wenn es um die “spirituellen” Anwandlungen des einen oder anderen Künstlers geht oder um den einzigen, der sich tatsächlich - bisweilen laut brüllend – zu Rudolf Steiner bekannte: Joseph Beuys. Es gibt keinen anderen namhaften Künstler, dessen Oeuvre reale Bezüge zu Steiners „Anthroposophie“ aufweist. Das weiß auch Markus Brüderlin. Deshalb präsentiert er ganz einfach Künstler der Gegenwart im Rahmen der Steiner-Ausstellung, die mit Steiner nichts zu tun haben und deren ausgestellte Werke vollkommen unabhängig von dem Kontext der Ausstellung entstanden. In den Informationsblättern des Museums, die nicht für die allgemeine Öffentlichkeit, sondern nur für Journalisten zur Verfügung gestellt wurden, wird das ganz nebenbei und hübsch verpackt eingeräumt:

„Die eingeladenen Künstler waren begeistert, auf diesen Zusammenhang angesprochen zu werden, obwohl sie ihre eigene künstlerische Konzeption völlig unabhängig vom anthroposophischen Kontext als autonomes Werk entwickelt haben. Es geht also nicht darum, kausale Einflüsse von Steiner nachzuweisen, vielmehr um einen Dialog auf Augenhöhe, bei dem auch Rudolf Steiner neu gesehen werden kann.“ (Presseinformation Kunstmuseum Wolfsburg)

Anders ausgedrückt: Weil bei Steiner nichts zu holen ist, schmücken wir ihn mit fremden Federn, damit er in neuem Glanz erscheint. In den öffentlichen Verlautbarungen stellte Brüderlin es hingegen umgekehrt dar und erweckte gezielt den Eindruck, es gäbe sehr wohl „kausale Einflüsse“ Rudolf Steiners auf das Schaffen heutiger Künstler. Brüderlin kreierte ganz im Sinne der Anthroposophen die behauptete Realität selber. Künstler, die nie etwas mit Steiner zu tun hatten, haben es jetzt, weil er Werke dieser Künstler in einer Ausstellung zu Ehren Rudolf Steiners platzierte. Das ist zwar vollkommen absurd, aber zweckdienlich. Voller Wonne brachte Brüderlin diverse Journalisten dazu, die anthroposophische Phantasmagorie zu verbreiten, Steiner habe die Kunst der Moderne bis in die Gegenwart maßgeblich „inspiriert“. Die Kulturredakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks lassen sich offenbar jeden Bären aufbinden und auch in den Zeitungen bemerkte kaum jemand, dass die Präsentation das Gegenteil von dem bestätigt, was sie angeblich vor Augen führt:

„Die Ausstellung tritt damit letztlich vielmehr den Beweis an, dass sich die Kunst der Gegenwart für das Heilsdenken Steiners überhaupt nicht interessiert. Viele der Künstler nutzen denn auch die Kataloginterviews, um vage auf formale Parallelen hinzuweisen, sich von der Anthroposophie selbst aber zu distanzieren. Selbst Katharina Grosse, deren farbige Raumskulpturen noch am ehesten an Waldorf-Fenstermalereien erinnern, sieht sich von Yoga und Hinduismus beeinflusst, nicht von Steiner.“ (FAZ, 18.05. 2010)

Der Wolfsburger Museumsdirektor zeigte sich dagegen sehr interessiert an Steiners Heilsdenken. Er benutzte die Künstler und das Museum, um den „Erlöser“ zu preisen. Im NDR-Kulturjournal beklagte er, Steiner wäre zu Unrecht in eine „Schublade“ gesteckt worden. Sein Werk sei ein „großer Schatz“. Im wirren Originalton klingt das unter anderem so:

„Man hat ihn immer als einen esoterischen Spinner ja auch ein bisschen abgetan, der so eine isolierte Gemeinschaft da gegründet hat - äh, ich glaube, das Bild ist eben falsch. (…) Wir spüren einfach sofort im Hintergrund auch eben eines aus den Fugen geratenen Wirtschaftssystems, ja vor dem Hintergrund religiöser Sinnfragen, vor dem Hintergrund Klimakatastrophe – und so weiter, gewinnt natürlich so eine Position einfach an Bedeutung. (NDR Kulturjournal, 18. Mai 2010)

Den Einblendungen des Kulturjournals zufolge ist mit dieser „Position“, die „natürlich einfach an Bedeutung“ gewinnt, Steiners „Dreigliederung des sozialen Organismus“ gemeint. Dahinter verbirgt sich das Konzept einer anthroposophischen Führerherrschaft, in dem die Experten des NDR einen „humanistischen Ansatz“ erblicken, der „hochmodern“ sei. Im Interview mit der anthroposophischen Zeitschrift „Die Drei“, erläuterte Brüderlin, dass die Menschen sich angesichts heutiger Krisen zunehmend auf Steiners „Ganzheitlichkeit“ besinnen würden. Die Ausstellung habe zwar nicht das Thema Anthroposophie, sondern Rudolf Steiner und die Kunst, aber es wäre ein schöner „Nebeneffekt“, wenn „der Anthroposophischen Gesellschaft durch unsere Ausstellung neue Mitglieder zulaufen“. Ein wichtiges Ziel würde erreicht, wenn es gelänge, dazu anzuregen, Steiner „durch die Gegenwartskunst neu zu lesen“. Wie das aussehen könnte, dafür gab er sogleich eine Kostprobe. Internetseiten wie „Facebook“ könnten als „Realisierung der ‚Gruppenseele‘ über alle Distanzen und materiellen Gebundenheiten hinweg“ gedeutet werden. Das Internet wäre in diesem Sinne „die materielle Umsetzung der Akasha-Chronik“ für den Hausgebrauch der Nichteingeweihten. Während der Museumsdirektor im NDR den esoterischen Wahn Steiners in Abrede stellte, zelebriert er ihn in der anthroposophischen Zeitschrift selber, mit einem Blödsinn, der schwer zu überbieten ist. In seiner Schrift „Aus der Akasha-Chronik“ entfaltete Steiner unter anderem die anthroposophische Rassen-Ideologie. Die passt jedoch überhaupt nicht in das Konzept, das Image des „Geistesführers“ unter dem Deckmantel der Kunst aufzupolieren.

Rassismus statt Kunst - Korsett statt Kosmos

Das Projekt „Kosmos Steiner“ soll nicht nur einen Einfluss des Hellsehers auf die Kunst propagieren, den es gar nicht gibt, sondern auch aus der Welt schaffen, was es stattdessen sehr wohl gibt, den derben Rassismus des „Geistesführers“. Ja, es sei sogar ein Hauptanliegen, Rudolf Steiner vom „Vorwurf des Rassismus“ zu entlasten, war im Deutschlandradio vom Kurator des Vitra Design Museums, Mateo Kries, zu erfahren. Im Interview erklärte er:

"Wenn man sich diese Passagen anschaut, dann denke ich, gelangt man schon zu einer Einordnung, die zeigt, dass es ungerechtfertigt ist, diese Passagen über das gesamte Werk von Steiner drüberzustülpen. Der Anlass der Ausstellung ist natürlich auch, zum ersten Mal das Werk sprechen zu lassen. Die Diskussionen um Steiner machten sich häufig an ganz frühen Textpassagen fest. Was aber kaum bekannt war bisher, ist eigentlich sein Werk, ist die Wirkung in Korrespondenz mit anderen Künstlern, und ich denke, das ist das, wo wir als Ausstellungsmacher wirklich Neues zutage fördern können." (DLF, Fazit, 12.05.2010)

An dieser Aussage stimmt abermals rein gar nichts. Die „ganz frühen“ Texte Steiners stammen aus der Zeit, bevor er sich zum Hellseher erklärte. Sie sind weniger brisant als belanglos. Viele der deftigsten Tiraden zur Überlegenheit der „weißen Rasse“ hat Steiner Anfang der 20er Jahre vom Stapel gelassen, bevor er 1925 starb. Seine Anhänger, wie „Professor“ Walter Kugler, sind bis heute von der Richtigkeit dieser Auffassungen bezüglich menschlicher „Rassen“ überzeugt, sie möchten es nur nicht öffentlich diskutiert sehen und benutzen gerne andere Begrifflichkeiten, um ihre Überzeugungen zu kaschieren. (Hierzu Peter Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister, Hamburg 2005) Das ist alles längst bekannt und wissenschaftlich überhaupt nicht zu bestreiten. Und es handelt sich dabei nicht um einzelne Entgleisungen. Auch Helmut Zander kam in seiner „Geschichte der Anthroposophie in Deutschland“ von 2007 erneut zu keinem anderen Ergebnis:

„Steiner formulierte mit seinem theosophischen Sozialdarwinismus eine Ethnologie, in der die Rede von degenerierten‘, zurückgebliebenen‘ oder ‚zukünftigen‘ Rassen keine Unfälle, sondern das Ergebnis einer konsequent durchgedachten Evolutionslehre waren.“ (S. 636)

Und diese „Evolutionslehre“ ist in aller Konsequenz von zentraler Bedeutung für das Gesamtwerk Steiners, auch für seine Auffassung von Kunst und Kultur in der „Menschheitsentwickelung“.

„Soll Goethe die gleichen Bedingungen haben wie ein beliebiger Hottentotte? So wenig wie ein Fisch die gleichen Voraussetzungen hat wie ein Affe, so wenig hat der Goethesche Geist dieselben geistigen Vorbedingungen wie der des Wilden.“ (Rudolf Steiner, GA, Bd. 8, S. 47)

Was fördert das Projekt „Kosmos Steiner“ stattdessen an Neuem zutage, wie Kries im Deutschlandfunk prahlte? Nicht das Geringste. In seiner Video-Präsentation für die Ausstellung verliest Mateo Kries die hinlänglich bekannten Überzeugungen der Anthroposophen. Steiner sei ein „ein wichtiger Reformer“ gewesen, „Philosoph“ und „Naturwissenschaftler“. Er habe ein „wichtiges architektonisches, künstlerisches Werk“ hinterlassen, das die gesamte Moderne geprägt hätte. In der Gegenwart würden Architekten und Designer Steiners Ideen aufgreifen und die anthroposophische „Eurythmie“ sei ein einflussreicher moderner Tanz… Nein, der Chefkurator des Vitra Design Museums hat sich nicht nur von jeglicher wissenschaftlichen Seriosität verabschiedet, seine Darlegungen spotten jeder Beschreibung und werden gekrönt durch den abschließenden Appell an die Besucher der Ausstellung, sich nun endlich persönlich dem Sektenführer zuzuwenden:

„Und das soll auch zum Schluss der Ausstellung jedem Betrachter die Frage mit nach Hause geben, wie denn solche Parallelen zwischen heute und Steiners Zeit zustande kommen – äh, welche Aktualität Steiner für ihn selbst noch heute besitzt und es soll ihn anregen, selber danach zu suchen.“ (Video-Präsentation zur Ausstellung „Rudolf Steiner - Alchemie des Alltags“)

Steiner-Skizzen

In der Ausstellung nicht gezeigte Skizzen Steiners (GA 349, S. 56; GA 100, S. 245) Der Kontext: die geleugnete Rassenideologie.


Mateo Kries bestreitet den Rassismus, erklärt den Hellseher zum innovativen Wissenschaftler und phantasiert von dessen bahnbrechendem Einfluss auf die moderne Kunst. In der Realität wurden die anthroposophischen Design- und Architektureigentümlichkeiten ebenso wie die „Eurythmie“ stattdessen zum unverwechselbaren Kennzeichen der Anthroposophen und ihrer Einrichtungen. Helmut Zander hat das in dem zweiten Band seiner Geschichte der Anthroposophie detailliert aufgezeigt. Kunst, Design, Architektur, Tanz - Steiner ließ nichts aus, denn die Welt sollte restlos seinen „geistigen Schauungen“ entsprechen, jeder Lebensbereich seiner Person Ehre erweisen. Er reklamierte für sich die Originalität kosmischer Inspiration und Kraft, bediente sich aber dafür großzügig bei irdischen Quellen (Jugendstil, Expressionismus, Ausdruckstanz) und bog alles für seine „spirituellen“ Zwecke zurecht. Umgekehrt wurden hingegen die spezifischen Bemühungen Steiners außerhalb seiner Organisation in keinem Bereich der Kunst oder Kultur aufgegriffen, geschweige denn, dass sie für irgendetwas prägend gewesen wären oder womöglich etwas begründet hätten. Rudolf Steiners Werk bietet keinen ganzheitlichen Kosmos, sondern ein totalitäres Korsett, keine freien Entfaltungsmöglichkeiten, sondern autoritäre Einschränkungen. Nichts nahm bei Steiner einen Anfang, alles fand bei ihm ein Ende.

Kunstgeschichte muss nicht neu geschrieben werden

„Professor“ Walter Kugler ist sich sicher, dass mit Forschungsarbeiten wie der von Helmut Zander in Wirklichkeit eine „geheime Agenda“ verfolgt würde, wie es sein Mitstreiter Lorenzo Ravagli formulierte, der jegliche Rationalität für eine Ausgeburt des „Ahrimans“ hält und sich in einem „satanischen“ Zeitalter wähnt, weil der „deutsche Volksgeist“ seine „Mission“ verkannt habe. Sergej Prokofieff, Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, führte den Steiner-Jüngern die Dimension grausig vor Augen, als er ihnen mitteilte, dass Zander ein Werkzeug eben dieses „Ahrimans“ sei, der finstersten Macht aus Rudolf Steiners Gespensterwelt, die nach anthroposophischer Überzeugung hinter dem materiellen Schleier der physischen Realität das Schicksal der Menschheit bestimmt, was aber bisher nur „Eingeweihten“ gewahr wurde, und zwar in vollem Ausmaß nur einem einzigen, nämlich dem kosmischen Hellseher Rudolf Steiner. Dieser Sektenwahn hielt in Wolfsburg Einzug ins Museum.

Die Kunstgeschichte muss nicht neu geschrieben werden, denn auch die Wolfsburger Doppelausstellung vermag einen nennenswerten Einfluss Steiners auf die Kunst der Moderne nicht zu begründen, sondern nur zu suggerieren. Auch sie kann aus dessen Werken keine naturwissenschaftlichen, landwirtschaftlichen, pädagogischen oder sonstigen Erkenntnisse hervorzaubern, die noch zudem angeblich darin zu finden wären, die es dort aber überhaupt nicht gibt. Es bleibt bei der bloßen Behauptung ohne Beleg bzw. bei der blanken Lüge. Das ist jedoch alles andere als neu, sondern ein alter Hut. Es ist die Lebenslüge der Anthroposophen. Neu ist nur, dass Kunstmuseen sich diese zu eigen machen und sich nach Kräften bemühen, die Besucher und die Öffentlichkeit zu täuschen. Die Ausstellungsmacher sorgten dafür, dass bei diesem Projekt die Wissenschaft nicht nur außen vor blieb, sondern durch tatkräftige Unterstützung der organisierten Anthroposophie eine antiwissenschaftliche Schau geboten wurde, mit dem Ziel, die Weltsicht der Steiner-Jünger zu popularisieren. Markus Brüderlin und Mateo Kries haben dadurch dem Ansehen ihrer Personen und dem ihrer Museen schweren Schaden zugefügt.